KommentarStabile Preise - aber Deutschland meckert


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.


Kann man es den Deutschen denn nie recht machen? Dieser Seufzer macht gerade derzeit nicht nur am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt die Runde. Jahrzehntelang hatte die große Mehrheit der Deutschen eine klare Vorstellung von Geldpolitik. Die Hüter unseres Geldes müssen vor allem die Preise stabil halten. Damit sie das ohne politische Einflüsterungen tun können, muss die Zentralbank unabhängig sein. Nun hat das Schicksal den Deutschen genau die Wünsche gewährt. Noch nie waren die Preise so verlässlich stabil wie heute. Und gemäß ihrem Auftrag weigert sich unsere unabhängige Notenbank, politischem Druck nachzugeben, auch nicht dem Duck aus einem Finanzministerium in Berlin.

Dennoch schwillt die Kritik an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in Deutschland immer mehr an, vor allem, seit sie am 10. März 2016 ihren wichtigsten Leitzins von 0,05 Prozent auf null Prozent gesenkt hat. Die EZB verletze ihr Mandat, enteigne die deutschen Sparer, subventioniere marode Staaten und Schrottbanken in Südeuropa auf Kosten Deutschlands und blähe gefährliche Blasen an den Vermögensmärkten auf, deren Platzen uns dereinst teuer zu stehen kommen werde. So lauten die üblichen Vorwürfe gerade in der deutschen Debatte.

Ein kurzer Blick auf die Fakten zeigt, dass die Vorwürfe der EZB-Kritiker nicht stichhaltig sind. Alles in allem betreiben die Frankfurter Währungshüter eine sachgerechte Geldpolitik, die durch ihr Mandat voll gedeckt ist.

Sicherheit hat ihren Preis

Seit der großen Finanzkrise regiert die Vorsicht: Haushalte wollen mehr sparen als vorher und ihr Geld möglichst sicher anlegen, Unternehmen und Häuslebauer fragen weniger Kredite nach. Während auf dem Markt für Ersparnisse das Angebot wächst, ist die Nachfrage nach Ersparnissen gesunken. Entsprechend pendelt sich auf dem Kapitalmarkt der Zins, der das Angebot an und die Nachfrage nach Ersparnissen in Einklang bringt, auf einem außerordentlich niedrigen Niveau ein. Das ist der eigentliche Grund für die lange Phase der Niedrigstzinsen. Sicherheit hat ihren Preis. Die EZB passt sich dem mit ihrer Geldpolitik lediglich an.

Die EZB hat ein klares Mandat: Sie muss die Preisstabilität wahren. Es ist nicht ihre Aufgabe, Arbeitsplätze französischer Arbeiter oder risikoarme Zinseinkommen deutscher Sparer zu alimentieren. Stattdessen hilft sie gerade den sozial Schwachen vor allem dadurch, dass sie mit einer sachgerechten Geldpolitik die Kaufkraft der Einkommen und Ersparnisse wahrt. Seit dem Start des Euro Anfang 1999 haben die Verbraucherpreise in der Eurozone pro Jahr um durchschnittlich 1,7 Prozent zugelegt, in Deutschland sogar nur um 1,4 Prozent. Dieser Geldwertschwund liegt damit weit unter den 2,9 Prozent, die uns die Deutsche Bundesbank in den über vier Jahrzehnten ihrer geldpolitischen Regentschaft vorab beschert hatte.

Der verhaltene Zuwachs der Geldmenge M3, die weiterhin schwache Kreditnachfrage in der Eurozone, die störanfällige Wackelkonjunktur und der mangelnde Inflationsdruck sind klare Anzeichen dafür, dass die Geldpolitik der EZB keineswegs zu locker ist.

An den Aktien- und Immobilienmärkten der Eurozone gibt es keinerlei Anzeichen für eine Blase. Real gerechnet, also bereinigt um den Anstieg der Verbraucherpreise, sind die Preise für diese wirtschaftlich relevanten Vermögenswerte alles andere als hoch. So liegen die Aktienkurse in der Eurozone unter ihrem langfristigen Durchschnitt. Auch die Häuserpreise in der Eurozone haben gerade erst begonnen, sich von der Talsohle der Jahre 2012 und 2013 zu lösen.