GastkommentarSpieltheorie oder der ewige Sirtaki

Yanis Varoufakis
Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis im Athener Parlament
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Frank Geilfuß  ist Leiter Kapitalmärkte und Anlagepolitik bei Bankhaus Löbbecke


Der ehemalige griechische Finanzminister Varoufakis hat es geschafft: Er hat zwar nicht die Schuldenprobleme seines Landes gelöst oder beachtliche Beiträge zu deren Bewältigung geleistet. In seiner kurzen Amtszeit hatte er jedoch eine Medienpräsenz, die ihn weltweit bekannter macht als alle seine Vorgänger. Sicher spielten das legere Outfit und die rebellische Rhetorik dabei eine gewisse Rolle. Ursächlich für die unerwartete Prominenz sind aber wohl auch seine vermeintlich philosophischen und spieltheoretischen Ausführungen, die wenig zu tun haben mit konkreten Vorschlägen, für die er eigentlich gewählt wurde. Das Schuldendesaster der Griechen war auf diese Art und Weise zwar nicht zu lösen. Der Verkauf eigener Bücher und die Honorare für Vorträge dürften davon jedoch nicht unerheblich profitiert haben.

Vielleicht ist die Lösung des Problems aber auch nie ernsthaft angegangen worden. Bei einem Blick in die Geschichte Griechenlands eröffnen sich verblüffende Parallelen, die den Eindruck eines jahrhundertelangen Sirtaki vermitteln. Stolz und schwermütig zugleich, sich im Kreise drehend und gestützt auf die Schultern anderer.

Die erste griechische Pleite der Neuzeit ereignete sich bereits 1821. Für den Kampf um die Unabhängigkeit vom osmanischen Reich wurde zunehmend im Ausland um Geld geworben. Angesichts der unsicheren Lage mussten damals dreistellige Renditen an die Gläubiger gezahlt werden. Trotzdem blieb der Geldsegen überschaubar, bis die britische und andere westeuropäische Regierungen die Bedrohung aus dem Osten für das eigene Gebiet erkannten und den Kampf der Griechen aus eigenen Interessen unterstützten.

Die griechische Exilregierung musste zu dieser Zeit Kredite an der Börse in London aufnehmen, deren Management die Leistungsfähigkeit des Landes weit überforderte. Dadurch war der Staat bereits vor der Staatsgründung 1830 heillos verschuldet. Das kriegsgeschädigte Land konnte den Schuldendienst in keiner Weise aufrechterhalten und bekam folgerichtig auch keine neuen Kredite mehr. Es folgten eine Staatspleite mit Ansage und ein Schuldenschnitt zwei Generationen später.

Staatsschulden als Druckmittel

In dieser Lage sorgten die damals führenden Mächte Europas für einen Monarchen von ihren Gnaden. König Otto aus dem Hause Wittelsbach wurde zwar mit Garantien der Großmächte liquide gehalten. Das so erhaltene Geld floss jedoch im Wesentlichen ins Ausland zurück oder in den Unterhalt der ausländischen Truppen sowie in Form von Reparationen an die Osmanen. Bereits 1838 musste Athen erneut den Aufschub der Zahlungen bei den Großmächten beantragen. Nachdem Otto seine Machtbasis im Inland verloren hatte, war die zweite Pleite des Landes nicht mehr abzuwenden. Als sich Griechenland während des Krim-Krieges auch aus regionalpolitischen Gründen auf russischer Seite engagieren wollte, wurde das Land insbesondere durch britischen und französischen Einfluss zur Neutralität gezwungen, wobei die Staatsverschuldung als Druckmittel benutzt wurde.