ManagementSind wir nicht alle ein bisschen Trump?

Lars Vollmer
Lars Vollmer
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Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Vor kurzem ist sein Buch erschienen: „Zurück an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden“, Linde Verlag, Wien


Der Wahlkampf in den USA nimmt beinahe komödiantische Züge an. Oder doch eher dramatische? Jedenfalls ist es ein Schauspiel sondergleichen, was Donald Trump da abzieht – mit Aussagen wie diesen:

„Es spielt wirklich keine Rolle, was die Medien schreiben, solange du einen jungen und schönen Hintern hast.“

„Wenn Hillary Clinton nicht einmal ihren Ehemann befriedigen kann, was lässt sie glauben, sie könnte Amerika befriedigen?“

„Ich danke dem Establishment. Viele von diesen Leuten sind meine Freunde. Ich gratuliere Euch, dass Ihr so viel Geld aufgetrieben habt, um gegen mich Stimmung zu machen. Und sorry, dass es nichts nützt.“

Ja, der protzige Unternehmer ist von sich überzeugt. Und Sie mögen von ihm nun halten, was Sie wollen, aber wenn Sie sich seine Interviews und Reden anschauen, können Sie nicht leugnen, dass er unterhaltsam ist.

Der Showmaster für das System

Genau das macht ihn so erfolgreich. Denn im Wahlkampf geht es darum, das zu tun, was die potenziellen Wähler vom Kandidaten erwarten – oder was die Kandidaten glauben, was ihre Wähler überzeugen würde. Logisch. Die Kandidaten wollen ja schließlich die Vorwahlen und dann die Präsidentschaftswahl gewinnen. Und das Wahlkampfsystem in so ziemlich jedem Land lebt nun mal von öffentlichen Debatten und hitzigen Schaukämpfen. In Amerika ganz besonders.

Um diese Erwartungen genüge zu tun und den Wählern eine Show zu bieten, geben die Präsidentschaftskandidaten unvorstellbar viel Geld aus – und halten sich an bestimmte Verhaltensweise, um das System zu stabilisieren. So argumentieren sie in Fernsehdebatten beispielsweise nicht nur für sich, sondern vor allem gegen den anderen, weil immer Person gegen Person gekämpft wird. Entweder, die Wähler geben Trump ihre Stimme, weil sie nicht Clinton wollen, oder eben andersrum. Spielen sie dieses Spielchen nicht mit, fliegen sie kurzerhand raus. Oder anders: Sie werden nicht gewählt.

Vielen Wählern ist es beinahe egal, was Trump inhaltlich zu sagen hat – solange er eine gelungene Show abzieht, die ihre Sensationsgier befriedigt. Und ganz egal, ob Sie seinen Aussagen Glauben schenken und sein Verhalten für gut befinden – er macht das einmalig gut.

Theater auf der Vorderbühne

Für Nicht-Politiker wird das noch verständlicher, wenn Sie sich einmal die Parallelen zur Wirtschaft vor Augen führen. Solche impliziten, oft unausgesprochenen Verhaltensanforderungen, wie sie das Wahlsystem an die Kandidaten stellt, gibt es nämlich auch in Unternehmen. Das sind bestimmte Muster, die alle, ob Chef oder Sachbearbeiter einhalten müssen, um das soziale System aufrecht zu erhalten – und die sind natürlich für jede Organisation individuell. Wenn Sie beispielsweise Mitarbeiter einer Bank bleiben möchten, sollten Sie darauf verzichten, in Badehose zur Arbeit zu kommen. Das ist offensichtlich. Es gibt aber auch diffizilere Muster, die viel tiefer liegen.

Dem Chef im Meeting ins Wort zu fallen, ist in nicht wenigen Unternehmen beispielsweise total verpönt, auch wenn sich alle anderen untereinander kaum aussprechen lassen. Und es gibt auch immer noch Unternehmen, in denen es als unerhört gilt schon zu sitzen, wenn der Chef den Meetingraum betritt. Genauso wie in manchen Unternehmen bei bestimmten Investitionen nicht nur der Chef gefragt werden muss, sondern immer auch der alte Schulze. Das steht nirgendwo, aber jeder weiß, dass es so ist. Und Führungskräfte wie Mitarbeiter sind gut beraten, diese Erwartungen zu bedienen. Das ist zwar nicht wertschöpfend, aber dennoch nötig, um Teil des Systems bleiben zu können.