Interview„Sie können nicht um alle Dörfer Deiche bauen“

Die Überschwemmungen im Westen Deutschlands gelten als Jahrhundertereignis, könnten in Zukunft aber keine Ausnahme bleiben. Jeroen Aerts fordert deshalb mehr Engagement bei der Klimaanpassung
Die Überschwemmungen im Westen Deutschlands gelten als Jahrhundertereignis, könnten in Zukunft aber keine Ausnahme bleibenIMAGO / Hans Blossey

Capital: Herr Aerts, in der internationalen Klimapolitik ist die Notwendigkeit von Anpassung zum Schutz vor Risiken eine tragende Säule. Aber haben wir in unseren Breitengraden zu sehr auf den „globalen Süden“, etwa die Küsten in Bangladesch, geschaut – und waren selbst zu nachlässig?

Professor Jeroen Aerts von der VU Amsterdam (Niederlande) ist Experte für Hochwasserrisiken und leitet am Institute for Environmental Studies (IVM) seit 2020 die Abteilung 'Wasser und Klimarisiko'
Professor Jeroen Aerts von der VU Amsterdam (Niederlande) ist Experte für Hochwasserrisiken und leitet am Institute for Environmental Studies (IVM) seit 2020 die Abteilung ‚Wasser und Klimarisiko‘, Foto: DEZE

JEROEN AERTS: Das ist nur die halbe Wahrheit, würde ich sagen. Alle Länder beschäftigen sich bereits mit Klimaanpassung, nur leiden die Strategien unter der Kurzfristigkeit von politischen Zyklen. Politiker kommen und gehen und haben andere Auffassungen. Dann kommt eine Wirtschaftskrise, oder andere drängendere Probleme. Was aber wirklich notwendig ist, sind langfristig angelegte Lösungen, also ein Plan der Regierung, was mit dem Land geschehen soll in den kommenden Jahrzehnten. Deshalb ist Klimaanpassung so schwierig. Mein Rat ist wirklich: Regierungen müssen langfristige Strategien umsetzen und auch die Mittel dafür bereitstellen, über die jeweilige Legislaturperiode hinweg. Diese langfristige Perspektive ist wirklich äußerst wichtig.

Aber sehen Sie diese Perspektive derzeit in irgendeinem europäischen Land oder sogar auf EU-Ebene?

Nun, in der EU wird sie gerade formuliert. In meiner Welt der Wissenschaften glauben wir in etwa zu wissen, was die Herausforderungen und die Risiken von morgen sind. Wie viel Anpassung brauchen wir? Was wir als notwendig beschreiben, muss nun in der realen Welt in Taten übersetzt werden, auf dem Land und in den Städten. Und das ist ein wirklich schwieriger Schritt für viele europäische Länder derzeit. Und es ist ein großer Schritt, weil die Regierungen wissen, dass sehr viel Geld für diese Anstrengungen gebraucht wird.

Was niemand ausgeben will?

Es geht auch um ein anderes Denken. Wenn eine Stadt wie Köln zum Beispiel neues Bauland für Wohnungen erschließen will, dann wird – weil es schnell gehen soll – wenig an die Zukunft gedacht. Jede Art von Klimaanpassung besteht aber tatsächlich darin, dass wir neue Investitionen klimasicher machen. Also wenn Sie Ihr Stadtviertel planen, eine Eisenbahn, ein Kraftwerk oder eine Windfarm, dann müssen Sie sicherstellen, dass das zukunftsfest und nachhaltig ist. Und das geschieht gerade nicht.

Und das geschieht nirgends?

Ja, ich denke, das fehlt in den meisten Ländern in Europa und sogar in der Welt. In einigen Ländern, wie z.B. in meinem Heimatland, ist das Gefühl der Dringlichkeit etwas höher, weil wir in der Vergangenheit schon so viele Überschwemmungen hatten. Wir sind es also gewohnt, über unser Wassersystem nachzudenken, und wir wissen, dass wir nicht sicher sind. In den Niederlanden ist das Bewusstsein für das Wasser- und Klimarisiko recht ausgeprägt. Es gibt also eine ziemlich große Unterstützung für diese Langzeit-Vision.

Deutschland hat tatsächlich eine Klimaanpassungsstrategie seit 2008 und zwei Aktionspläne seither. Aber es scheint nicht viel passiert zu sein. Erwarten Sie, dass die Dringlichkeit hier nach der Flutkatastrophe nun auch steigt?

Ja, es gibt eine Strategie. Aber oft ist zu beobachten, dass direkt nach solchen Ereignissen mit vielen Toten in der Bevölkerung und unter Politikern die allgemeine Aufmerksamkeit und das Krisenbewusstsein sehr hoch sind, ebenso wie die Bereitschaft zu handeln. Das war so nach den Überschwemmungen von 2002 und 2013. Es wurde viel getan und in höhere Deiche und Schutzwälle gegen Fluten investiert. Aber manchmal braucht eine Gesellschaft einen Weckruf, um wieder mehr zu tun. Meine Empfehlung wäre, von häufigeren Ereignissen wie diesen in Zukunft auszugehen. Also ist Vorbereitung besser als Nachsorge.

Was wir als Jahrhundertereignis einstufen, wird uns also häufiger heimsuchen? Ist das nur der Anfang?

Diese Art von Ereignissen sind in Zukunft öfter zu erwarten, wenn der Klimawandel stärker einsetzt. Das ist also ein Weckruf: So sieht unsere Zukunft aus. Ich sage nicht, dass es jedes Jahr passieren wird, aber es wird viel häufiger passieren, als Deutschland es gewohnt ist. Nach den vergangenen Hochwassern wurden wirklich gezielt die Gebiete verbessert, die betroffen waren. Aber ich glaube, es gab nicht so viele Investitionen im westlichen Teil des Landes und in den Gebieten, die dieses Mal betroffen sind. Was Sie brauchen, ist ein landesweites System des Hochwasserschutzes. Es gibt also noch eine Menge zu tun. Ich weiß, die Kosten sind hoch und man kann nicht überall gleichzeitig aufrüsten – aber dann eben über mehrere Jahre verteilt.

Bislang wurden die Bundesländer und Kommunen auch mit der Anpassung alleine gelassen, wie es scheint…

Es ist auch in anderen Ländern mit föderalen Strukturen von Bund, Ländern und Kreisen zu beobachten, dass die Zusammenarbeit schwierig sein kann. Um eine wirklich nationale Strategie umzusetzen, ist das aber unerlässlich. Was in Deutschland auch auffällig scheint, ist die mangelnde Verbindung zwischen dem Wassermanagement, also den Leuten, die Deiche und Pumpstationen bauen, und der Raumplanung. Da läuft vieles nebeneinander her, was im Sinne zukunftsfester Infrastrukturen verbessert werden kann.

Sie haben vorher das Problembewusstsein in den Niederlanden genannt. Wenn Deutschland erst vor einigen Wochen eine nationale Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) vorgelegt hat, erscheint das nicht reichlich spät?

Seien Sie froh, dass es überhaupt eine Risikoanalyse gibt. Verbesserte Informationen sind der erste Schritt, der Bevölkerung in ehrlicher Weise die Notwendigkeiten näherzubringen. Und es braucht auch Zeit. Sehen Sie, in den Niederlanden hat der Bau der größeren Deiche 20 bis 30 Jahre gedauert, von der Regierungsentscheidung, der technischen Planung, den Machbarkeitsstudien bis zum Bau. Dann gibt es Gegner und Gerichtsverfahren. Deshalb ist – wie eingangs gesagt – die Langfristplanung so wichtig. Sie brauchen eine Vision, wo das Land im Jahr 2050 stehen soll. Eine Antwort auf dieses große Fragezeichen.

In den Niederlanden fiel das Ausmaß des Schadens durch das Hochwasser geringer aus als in Deutschland und Belgien
In den Niederlanden fiel das Ausmaß des Schadens durch das Hochwasser geringer aus als in Deutschland und Belgien

Experten sagen, man wisse gut über den Klimawandel Bescheid und auch darüber, welche Regionen betroffen sein werden. Hatte man bei der Anpassung bisher eher Flüsse wie Rhein und Donau auf dem Schirm – aber weniger wie jetzt betroffen die Mittelgebirge?

Ich glaube schon, dass sie auf dem Radar waren. Aber oft ist es eine Frage der Prioritäten. Mich treibt eher die Frage um, ob das Warnsystem funktioniert hat. Bevor sie teure Infrastrukturen bauen, müssen sie ein gutes System für die Anwohner von Risikogebieten haben. In den niederländischen Nachrichten war sechs oder sieben Tage vorher klar, dass ein großes Ereignis im Anzug war. Der Wetterdienst rief Alarmstufe rot aus. Jeder wusste, das wird ernst und es wird Evakuierungen geben. Warnsysteme gehören auch zur Anpassung. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass von diesen teils mittelalterlichen Häusern nicht alle gerettet werden können. Sie können nicht um alle Dörfer Deiche bauen. Politiker müssen entscheiden, welchen Grad von Schutz sie wollen. Es wird für die Gesellschaft immer ein Restrisiko bleiben.

Glauben Sie, dass Klimarisiken und Anpassungsstrategien ob der Dringlichkeit nun Chefsache werden müssen?

Ja, ich glaube, das muss zur Chefsache gemacht werden. Warum? Einige Jahre passiert vielleicht gar nichts, es gibt keine Opfer, die Menschen beschäftigen sich mit anderen Dingen. Aber wenn der Klimawandel richtig durchschlägt, kann sich das schnell ändern und die Extremwetter nehmen zu. Und dann wird die nächste Generation bedauern, dass im Jahr 2021 nicht richtig investiert wurde. Denn es geht nicht mehr um das hier und jetzt, sondern um künftige Generationen.

Dafür braucht es auch gute Argumente. Tatsächlich steht Deutschland auf dem Weltklimarisikoindex für die Zeit von 2000-2019 auf Platz 18 – und die Niederlande auf Rang 69. Was heißt das?

Es bedeutet, dass Deutschland vulnerabler ist als mein Land. Deutschland hat viele Einwohner und viel Wohlstand, deshalb sind im Ernstfall auch die Verluste ein Vielfaches. Deutschland hat viel zu verlieren. Die Niederlande sind zwar zum Großteil unter dem Meeresspiegel und viel stärker exponiert, aber unser Wassermanagement und Schutzsystem haben den höchsten Standard der Welt. Unsere Deiche sind viel höher als die am Rhein, weil unsere Standards höher sind.

Also müssen wir uns mehr an unseren Nachbarn orientieren?

Nein, nein! Was wir brauchen, ist engere Zusammenarbeit, denn was in Deutschland an den Oberläufen der Flüsse geschieht, betrifft uns auch, weil die Fluten in die Niederlande weiterströmen. Aber es gibt dafür etablierte Foren, wie die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins oder eine Arbeitsgruppe Hochwasser mit Wassermanagern aus Deutschland und den Niederlanden. Das sind gute Modelle, die wir noch verbessern können.

Und wenn wir danach fragen, wie eine Anpassungsstrategie bestenfalls aussieht?

Die Antwort ist, dass es nicht eine einzige Antwort gibt. Anpassung ist wirklich die Abschätzung des vollen Spektrums an Maßnahmen, die man ergreifen kann. Im Falle von Hochwasser sind viele Dinge geboten. Deiche halten das Wasser zurück. Das ist gesetzt und wichtig. Für den Fall, dass sie versagen, muss man den ganzen Plan betrachten. Wie bauen wir Orte und Städte? Kann man Wohnviertel an höher gelegenen Stellen bauen statt in den Auen. Drittens geht es um naturnahe Lösungen. Wenn viel Wald, bestenfalls Laubwald auf den Hügeln steht, nehmen die Gebiete mehr Regenwasser auf. Es geht um absorbierende Puffer. Wenn Sie große Parkplätze und viele Häuser haben, fließt das Wasser sehr schnell, was nicht gut ist für die Flüsse und das Tal. Dazu gehören gute Warnsysteme, Versicherungs- und Entschädigungslösungen. All diese Elemente müssen vorhanden sein.

Gestrandetes Auto in Zhengzhou. Ein Taifun beschert der Provinz die schwersten Regenfälle in sechs Jahrzehnten.
Gestrandetes Auto in Zhengzhou. Ein Taifun beschert der Provinz die schwersten Regenfälle in sechs Jahrzehnten

Auch in China ist es in der Provinz Henan zu schweren Überschwemmungen gekommen. Ist die Volksrepublik auch nicht auf der Höhe, was die Anpassung angeht?

Das sind sie tatsächlich nicht. Eigentlich ist es ein ziemlicher Zufall. Aber mit einem chinesischen Kollegen von der Universität Shanghai haben wir uns das vor zwei Jahren angeschaut, und es nehmen aufgrund des Klimawandels auch dort die Auswirkungen, die Extremereignisse zu. Die Zahl der Opfer und auch die wirtschaftlichen Verluste steigen. Und auch in China beginnt man jetzt, über die langfristigen Perspektive des Klimawandels nachzudenken. Wir haben auch eine globale Studie zu Asien, wo tatsächlich die Risiken viel größere sind als für Europa.

Wie kommt das?

Der erste Grund ist, dass die Region im Klimaschutz hinterherhinkt und deshalb auch die Anpassung spät angeht. Aber der andere Grund ist, dass es dort immer noch einen enormen Bevölkerungszuwachs gibt. Das bedeutet einen enormen Anstieg der städtischen Gebiete. Es wird also besonders in China wie verrückt gebaut. Und das bedeutet, dass einfach angesichts von mehr Menschen in gefährlichen Gebieten die Schäden durch Überschwemmungen und Todesopfer zunehmen werden. Und vor allem in China wird das Klimarisiko in den nächsten Jahrzehnten am stärksten zunehmen, um genau zu sein.

Fortschritte bei der Anpassung sind also nicht nur in Entwicklungs- sondern auch in Mitteleinkommensländern gering?

Genau. Aber der niedrige Schutz ist, wie in Bangladesch, in relativ armen Ländern sichtbar, wo auch der Klimawandel Spuren hinterlässt. Länder mit mittlerem Einkommen wie China oder vielleicht Brasilien haben schon einen gewissen Schutz aufgebaut, aber sie werden in den kommenden 20 Jahren realisieren, dass ihr System nicht reicht. Sie beginnen jetzt, die Schäden zu sehen.

Viele Weckrufe also, auf der ganzen Welt…

Um mit einer positiven Note abzuschließen, können wir aber sagen, dass wir noch Zeit haben und nichts verloren ist, wenn wir das Warnsignal ernst nehmen. Davon wird es in Zukunft mehr geben. Aber Anpassung ist möglich und unsere Pflicht. Sie kann Deutschland sicherer machen für die Zukunft und auch ganz viele Arbeitsplätze schaffen, Kreativität und wirtschaftliche Innovationen freisetzen – ganz wie in der Energiewende.

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