HochwasserÜberschwemmungen treffen Chinas ,iPhone-Stadt’

Warnschilder auf einer überfluteten Allee der Provinzhauptstadt Zhengzhou.
Warnschilder auf einer überfluteten Allee der Provinzhauptstadt Zhengzhou.IMAGO / Xinhua

In der zentralchinesischen Provinz Henan sind bei katastrophalen Überschwemmungen mehr als zwei Dutzend Menschen gestorben und mehr als 100.000 wurden evakuiert. Der Fernsehsender China Central Television berichtete unter Berufung auf die lokale Verwaltung von 25 Toten und sieben Vermissten. Aus der Stadt Zhengzhou hieß es zuvor, dass mindestens 12 Menschen in einer U-Bahn ums Leben gekommen seien.

Die Fluten in China folgen nur wenige Tage auf die verheerenden Überschwemmungen in Deutschland, bei denen mindestens 160 Menschen ums Leben kamen, und reihen sich ein in die extremen Wetterereignisse auf der ganzen Welt. In den letzten Monaten kam es zu Hitzewellen in den USA und Kanada, Hochwassern in Indien, Waldbränden in Sibirien und Dürren in Teilen von Afrika und Brasilien.

In sozialen Medien kursierten Videos von Fahrgästen, die am Dienstagabend (Ortszeit) in U-Bahn-Wagen der Stadt Zhengzhou eingeschlossen waren, als ein Sturzbach durch die Tunnel strömte. Andere Videos zeigten Autos, die in der 10-Millionen-Stadt auf breiten Alleen dahintrieben.

Nach einer Hitzewelle ging in der Stadt innerhalb von 24 Stunden mindestens die Regenmenge von acht Monaten nieder. Am Mittwoch arbeiteten Rettungskräfte und Behörden weiter daran, Dammbrüche zu verhindern, die unterbrochene Stromversorgung wiederherzustellen und überflutete Tankstellen auszupumpen. Eingehende Flüge nach Zhengzhou wurden ebenfalls ausgesetzt.

Die dramatischen Szenen in Zhengzhou kommen für Präsident Xi Jinping kurz nach dem 100-jährigen Jahrestag der Kommunistischen Partei und einer möglichen dritten Amtszeit bei der Regierungsumbildung im nächsten Jahr zu einem schwierigen Zeitpunkt. Am Mittwoch beschrieb Xi die Situation als „sehr ernst“ und forderte „Behörden auf allen Ebenen“ auf, die Sicherheit der Menschen an oberste Stelle zu setzen, während er auf verbesserte Frühwarnsysteme für Katastrophen drängte.

Industriezentren beeinträchtigt

Die Überschwemmungen drohen auch die Industrie- und Lebensmittelproduktion in der Provinz Henan zu beeinträchtigen. Die Region ist das weltweit größte Zentrum für die Herstellung von iPhones. Vorläufig scheinen sich die Auswirkungen auf die Industrie in Grenzen zu halten.

Die Nissan Motor Co. Ltd. hat die Produktionsanlagen in Zhengzhou vorübergehend gestoppt, wie eine Sprecherin mitteilte. Der größte chinesische Autohersteller SAIC Motor Corp. teilte mit, sein Werk in Zhengzhou sei unbeschadet davongekommen. Das Unternehmen Hon Hai Precision Industry, das eine bedeutende iPhone-Fabrik in Zhengzhou betreibt, erklärte, die Flut habe keine direkten Auswirkungen auf die Produktion.

Gestrandetes Auto in Zhengzhou. Ein Taifun beschert der Provinz die schwersten Regenfälle in sechs Jahrzehnten.
Gestrandetes Auto in Zhengzhou. Ein Taifun beschert der Provinz die schwersten Regenfälle in sechs Jahrzehnten, Foto: IMAGO / Xinhua

Die Flutkatastrophe könnte sich auch auf die Lebensmittelpreise auswirken. Die Provinz ist die zweitwichtigste landwirtschaftliche Erzeugerregion des Landes und steht für etwa ein Viertel der Weizenernte. Während China seine Hauptweizenernte bereits eingefahren hat, haben frühere Regenfälle der Qualität in Gebieten wie Henan geschadet. Die Bric Agriculture Group, ein in Peking ansässiges Beratungsunternehmen, erwartet, dass die Weizenimporte in diesem Jahr um bis zu 40 Prozent auf den höchsten Stand seit Mitte der 1990er Jahre steigen werden.

Auch andere Rohstoffe für die Schwerindustrie sind von den Überschwemmungen in der Provinz Henan betroffen. Die Region ist ein wichtiger Umschlagplatz für Kohle und viele Metalle. Einige Werke der Aluminiumproduktion und die Schrottgewinnung haben ihren Betrieb eingestellt oder zurückgefahren, berichtet das Marktforschungsunternehmen Mysteel unter Berufung auf eine eigene Erhebung.

Hochwasser werden ernste Belastung

China wird jedes Jahr von Überschwemmungen heimgesucht, aber das immer unberechenbare Wetter macht die Bewältigung des Hochwassers zu einer ernsteren Belastung. Die Niederschläge im vergangenen Jahr gehörten zu den heftigsten seit Beginn der Aufzeichnungen. In Zhengzhou fielen in 24 Stunden am Dienstag 457,5 Millimeter Regen, der Höchstwert seit Beginn der städtischen Aufzeichnungen, berichtete Xinhua. Dazu gehörte auch ein Rekord von 201,9 Millimetern in einer einzigen Stunde, von 1600 Uhr bis 1700 Uhr – ebenfalls ein Höchstwert für das chinesische Festland. Im Durchschnitt fallen in Zhengzhou jährlich etwa 640,8 Millimeter Niederschlag.

Während der letzten Jahrzehnte ist die Zahl der Todesopfer durch Überschwemmungen in China zurückgegangen. Dies ist auf Projekte zur Kontrolle der Wassermengen und verstärkte hydrologische Überwachung und Vorhersagen sowie auf ein hierarchisches System des Katastrophenmanagements zurückzuführen, das es den Behörden ermöglicht, schneller zu reagieren.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnte, dass die Wetterereignisse in China in das globale Muster von Wetterextremen passen, die durch den Klimawandel begünstigt werden. „Der Klimawandel hat extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen und Hochwasser in den vergangenen 20 Jahren häufiger und tödlicher werden lassen“, sagte Liu Junyan, Klima- und Energiebeauftragter der Organisation für Ostasien. Die jüngsten Ereignisse in Henan, aber auch in Nordamerika und Europa „sind allesamt Weckrufe, um den Menschen die Krise des Klimawandels bewusst zu machen.“

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