GastkommentarSchwunglose Weltwirtschaft


Stefan Schneider leitet das Makroökonomie-Team bei Deutsche Bank Research.Stefan Schneider leitet das Makroökonomie-Team bei Deutsche Bank Research

 


Auch nach der erwarteten Zinserhöhung der Fed – der ersten nach neun Jahren – werden die Notenbanken insgesamt die Weltwirtschaft in 2016 weiterhin reichlich mit Liquidität versorgen. Denn auch im kommenden Jahr bleibt das weltwirtschaftliche Wachstum mit 3,3 Prozent nach 3,1 Prozent in 2015 unterdurchschnittlich und unrund. Das Wachstum wird angesichts einer nur moderaten Ölpreisnormalisierung und moderat anziehender Löhne  erneut überwiegend vom privaten Verbrauch getrieben. Ausnahme könnte die USA sein, wo angesichts der nahezu erreichten Vollbeschäftigung diesmal wohl mit Recht eine deutliche Beschleunigung der Lohninflation zu erwarten ist.

Der Welthandel – die große Enttäuschung des abgelaufenen Jahres – dürfte sich auch in 2016 nur schwach beschleunigen. Nicht zuletzt, da die Schwellenländer, deren Integration in die globale Wirtschaft den Welthandel bis zum Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise angetrieben hatte, auch 2016 nur moderat mit 4,4 Prozent nach 4,0 Prozent wachsen werden. Damit dürfte auch der Investitionszyklus, eine weitere Schwachstelle des abgelaufenen Wirtschaftsjahres, 2016 bestenfalls leicht zulegen. Insbesondere geopolitische Faktoren, die Präsidentschaftswahlen in den USA, die durch die Flüchtlingskrise entstandenen Spannungen innerhalb der EU, eine wahrscheinliche Abstimmung über die britische EU-Mitgliedschaft und nicht zuletzt die schwierige Lage in Syrien und im gesamten Nahen Osten mit den daraus resultierenden Terrorgefahren, dürften 2016 auf dem Investitionsklima lasten. Damit ist zu erwarten, dass die Wachstumsraten in den USA leicht unter und in der Eurozone marginal über denen des abgelaufenen Jahres liegen werden.

Die leicht höhere Wachstumsrate der Schwellenländer ist hauptsächlich Resultat allmählich auslaufender Rezessionen in Russland, Brasilien und der Ukraine. China, das aufgrund der unerwarteten Konjunkturabschwächung 2015 zum globalen Sorgenkind wurde und das aufgrund der von ihm ausgelösten Unruhen an den Finanzmärkten sogar zum Aufschub der eigentlich schon für den September geplanten Zinswende in den USA beigetragen hat, hat sich zwar dank deutlicher monetärer Lockerung und staatlicher Investitionsprogramme zum Jahresende wieder gefangen, dürfte aber 2016 mit 6,7 Prozent nach 7,0 Prozent nochmals schwächer wachsen.

Inflation – auf dem Weg der Normalisierung

Die Inflationsraten in der Welt sollten sich allein aufgrund des sich wohl 2016 nicht noch einmal nahezu halbierenden Rohölpreises (2015: -46 Prozent gegenüber Vorjahr) wieder etwas erholen. Wir erwarten ähnlich dem Konsens, dass die massiven Angebotskürzungen bei der amerikanischen Schieferölförderung den Ölpreis bis Ende 2016 wieder etwas anziehen lassen (55 Dollar pro Barrel). Allerdings dürfte die Ölpreiserholung aufgrund der wohl nachhaltig veränderten Angebotsstrukturen und einem voraussichtlich nur verhaltenen Anstieg der globalen Nachfrage im historischen Vergleich äußerst schwach verlaufen.

In den Industrieländern dürften sich die Kerninflationsraten weiter normalisieren (USA ca. 2 Prozent, Eurozone 1¼ Prozent). In vielen Schwellenländern dürften sich die erheblichen Abwertungen in diesem auch im kommenden Jahr in einer Beschleunigung der Inflationsraten niederschlagen. Alles in allem dürfte die Inflation in den Industrieländern von 0,3 Prozent auf 1,4 Prozent anziehen. In Schwellenländern erwarten wir einen Anstieg auf 5,9 Prozent nach 5,6 Prozent.

Fed geht in der Geldpolitik voran

Die amerikanische Notenbank dürfte im Verlauf des nächsten Jahres drei weitere Zinsschritte à 25 Basispunkte machen, so dass die Fed Funds Ende 2016 bei 1,125 Prozent und damit unter dem von den Ratsmitgliedern erwarteten Durchschnittswert (dot charts) liegen. Nun hat die Erfahrung des vergangenen Jahres deutlich gezeigt, dass die Prognose über Zeitpunkt und wohl auch das Tempo der amerikanischen Zinswende einer erheblichen Unsicherheit unterliegen. Wir erwarten, dass aufgrund der allmählichen Normalisierung der Inflationsentwicklung auch in anderen Industrieländern die geldpolitische Wende vollzogen (Großbritannien) oder zumindest diskutiert werden dürfte (Eurozone).

In der Eurozone dürfte die Outputlücke weiter abnehmen, sodass die Inflationsraten 2017 nahe genug an die Zielmarke der EZB herankommen sollten. Daher dürfte es wohl im kommenden Jahr zu keinen deutlicheren Lockerungsmaßnahmen der EZB mehr kommen. Gegen Ende 2016 könnten wir sogar die europäische Variante der „Tapering-Debatte“ erleben. Wir erwarten, dass die EZB nach März 2017 ihre Wertpapierkäufe allmählich auslaufen lässt. Die erste Zinserhöhung sehen wir derzeit aber erst im Jahr 2018.

Die große Unbekannte in diesen Überlegungen ist neben dem Ölpreis der Dollar-Euro-Wechselkurs. Wir erwarten, dass der Euro 2016 unter die Parität zum US-Dollar fällt. Bei nach wie vor verhaltener Kreditexpansion ist der Wechselkurs weiter ein wichtiger Kanal für die Wirkung der Geldpolitik der EZB. Sollte der Euro sich gegenüber dem Dollar nicht deutlich abschwächen, könnten die Auswirkungen auf die Inflation und die Inflationserwartungen den Tauben im EZB-Rat genügende Argumente liefern, um das wohl ursprünglich für Dezember geplante – größere – Maßnahmenpaket doch noch auf den Weg zu bringen.