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Hohe Temperaturen Schneemangel: Droht dem Wintertourismus die nächste Krise?

Arge Probleme bereitet der Schneemangel vor allem Skigebieten in Höhenlagen unter 1500 Meter. Im Bild eine ramponierte Piste im oberösterreichischen Mühlviertel
Arge Probleme bereitet der Schneemangel vor allem Skigebieten in Höhenlagen unter 1500 Meter. Im Bild eine ramponierte Piste im oberösterreichischen Mühlviertel
© picture alliance / Rudolf Brandstätter
In vielen Skiorten sind die Temperaturen selbst für Kunstschnee zu hoch. Die Tourismusindustrie, durch drei Corona-Jahre gebeutelt, gibt sich dennoch zuversichtlich

Egal, ob in Kitzbühel, Davos oder Oberstdorf: Winterurlauber treffen in dieser Saison wegen der hohen Temperaturen in vielen Skiorten auf grüne Wiesen statt auf schneebedeckte Pisten. Mancherorts wurden Temperaturen an die 20 Grad gemessen. Das ist dann selbst für Kunstschnee zu warm.

Wintersportler sind entsprechend enttäuscht – und Gastronomen und Pistenbetreiber stehen vor wirtschaftlichen Problemen. Nach drei Jahren Coronakrise mit massiven Umsatzeinbrüchen haben sie nun auch noch mit steigenden Energiepreise und den hohen Temperaturen zu kämpfen – die, so glauben Experten, nur ein Vorgeschmack auf die Winter der Zukunft sein dürften. 

In Deutschland sind nach Angaben des Portals „Skiresort“ momentan weniger als ein Viertel der Pisten geöffnet, in der Schweiz weniger als die Hälfte. Über die Feiertage waren laut dem Schweizer Nachrichtenportal „20 Minuten“ in Adelboden-Lenk nur 32 von 75 Pisten geöffnet und in Davos Klosters 31 von 83 Pisten. In Österreich kann mittlerweile immerhin in mehr als der Hälfte der Skigebiete gefahren werden.

Am deutschen Alpenrand rettet man sich mithilfe von Schneekanonen über die warme Zeit. „Wir konnten an den wenigen kalten Tagen und Nächten im Dezember eine gute Menge an Schnee erzeugen“, berichtet Bernhard Joachim, Geschäftsführer des Tourismusverbands Allgäu/Bayerisch-Schwaben, gegenüber Capital. Mittlerweile leben die Betreiber allerdings von der Substanz. Schneekanonen werden schnell unwirtschaftlich – die meisten Modelle schon ab Außentemperaturen von über minus zwei Grad. Der Wirkungsgrad steigt mit fallenden Temperaturen. Deswegen werden die Pisten auch meistens in der Regel nachts beschneit. Doch selbst dann fallen die Werte derzeit kaum unter den kritischen Wert. Und auch das benötigte Wasser aus umliegenden Bächen und Flüssen ist für die Schneeproduktion zu warm. 

„Immer mal wieder ein guter Winter“

Nach Ansicht von Experten ist die aktuelle Situation ein Vorgeschmack auf eine neue Normalität. „Es wird immer mal wieder einen guten Winter geben, aber wir werden nicht mehr diese Häufigkeit haben. Insofern wird der Wintersporttourismus an Bedeutung verlieren“, prognostiziert der Tourismusforscher Jürgen Schmude von der Ludwig-Maximilians-Universität München gegenüber dem Bayerischen Rundfunk.

Laut Schmude wird es unter den deutschen Skigebieten langfristig nur zwei Ausnahmen geben: „Die Zugspitze und das Nebelhorn im Allgäu sind die beiden Skigebiete, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch 2050 noch betrieben werden können. Für alle anderen sieht es eher düster aus.“ 

Deshalb setzt auch der Tourismusverband Allgäu/Bayerisch Schwaben zunehmend auf Ganzjahrestourismus. Das Allgäu sei dafür gut aufgestellt, meint Geschäftsführer Joachim. Bereits jetzt würden erste Gebiete im Sommer mehr Umsatz machen als im Winter, mit Angeboten an Wanderwegen und Klettersteigen. Diese können zudem länger geöffnet bleiben als bisher üblich. Im Skigebiet Sattel-Hochstuckli in der Schweiz wurde vor Weihnachten sogar auf Sommerbetrieb umgestellt: Statt Skiabfahrten gab es Yoga- und Pilates-Kurse.

Mit Auslastung zufrieden

Nicht nur Joachim rechnet damit, dass die Wintersaison in Zukunft kürzer ausfallen wird. Eine Alternative zum Wintersport können die Wellness-Bereiche in den Hotels sein – in Anbetracht der hohen Energiepreise aber eine kostspielige. Die Energiekosten beschäftigen auch die Pistenbetreiber: Im Allgäu wurden etwa die Beschneiungszeiten angepasst – die Schneekanonen laufen, wenn der Strom am günstigsten ist, also nachts. Und bei der Bergbahn wurde die Geschwindigkeit gedrosselt.

Die gestiegenen Kosten geben Hoteliers und Bahnbetreiber auch an Besucher weiter: Eine reguläre Tageskarte der Bergbahn kostet etwa zehn Prozent mehr als in den Vorjahren. Und auch die Hotelpreise sind höher. Trotzdem sei die Auslastung der Hotellerie gut, berichtet Joachim. Und das, obwohl im Herbst eine vom Sportartikelhersteller Schöffel in Auftrag gegebenen Studie des Meinungsinstituts Yougov noch ergeben hatte, dass ein Viertel potenzieller Winterurlauber auf den Skiurlaub verzichten wolle – und ein weiteres Viertel plane, im Winterurlaub zu sparen.

Grundsätzlich, sagt Branchenvertreter Joachim, seien seine Sorgen angesichts des Klimawandels „schon groß“. „Wir machen uns immer mehr Gedanken, wie auch ein Winter mit wenig Schnee im Allgäu weiterhin eine hohe Attraktivität haben kann“, sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass es nochmal so einen Winter geben wird.“

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