KolumneSachs, Lügen und Agitprop

Christian Schütte
Christian Schütte schreibt an dieser Stelle über Ökonomie und Politik
© Trevor Good

Den Vogel hat diesmal Jeffrey Sachs abgeschossen. Der weltberühmte Wirtschaftsprofessor leitet das „Earth Institute“ an der New Yorker Columbia Universität, arbeitet als Sonderberater des Uno-Generalsekretärs für die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen und ist für viele so etwas wie das ehrenwerte Gesicht der eigentlich eher suspekten Wirtschaftswissenschaft. Sachs gilt als kluger Kopf mit höchsten moralischen Ansprüchen, er ist ein Vorbild und einflussreicher Meinungsmacher.

Zum Taifun „Haiyan“ hat Sachs an diesem Sonntag das Folgende getwittert:

Auf Deutsch: „Klimalügner wie Rupert Murdoch und die Koch-Brüder haben mehr und mehr Blut an ihren Händen während Klimakatastrophen auf der ganzen Welt Menschenleben fordern.“

Mit anderen Worten: Wer sich der klimapolitischen Agenda des Jeffrey Sachs prominent widersetzt, der macht sich der Beihilfe zum Massenmord schuldig. Das Publikum kann ja selbst überlegen, wie man mit solchen Mitmenschen verfährt. Neben dem Medien-Tycoon Murdoch und der US-Unternehmerfamilie Koch lassen sich bestimmt noch andere Hilfskiller ausmachen.

Geht´s eigentlich noch?

Es ist ja verständlich, dass die Aktivisten kräftig trommeln, weil in Warschau diese Woche der alljährliche Klimagipfel beginnt und der Taifun auf allen Kanälen ist. Viele haben schnell versucht, die Katastrophe vor den klimapolitischen Karren zu spannen.

Schaden für das eigene Anliegen

Die Übertreibungen und Beleidigungen in diesem Genre sind aber längst nur noch grotesk. Sie machen jede rationale Debatte unmöglich und schaden dem eigenen Anliegen damit mehr als dass sie irgendwie nützen.

Sachs suggeriert, dass eine lobbygetriebene westliche Klimapolitik der Grund für die jüngsten Verheerungen ist. Diese Anklage passt aber zu den Fakten vorne und hinten nicht.

Ganz grundsätzlich lassen sich einzelne extreme Wetterereignisse ohnehin nie eindeutig dem Klimawandel zuordnen. Das hat sich im Prinzip sogar bei den wildesten Aktivisten mittlerweile herumgesprochen. (Vielleicht hat Sachs deshalb ja auch bewusst darauf verzichtet, den Taifun „Haiyan“ konkret zu nennen.)

Doch selbst eine bedenkliche statistische Häufung lässt sich bei Wirbelstürmen bisher nicht feststellen. Der Weltklimarat IPCC konstatiert in seinem neuesten Bericht, die gegenwärtig verfügbaren Daten zeigten „keine signifikanten Trends in der weltweiten Häufigkeit tropischer Wirbelstürme im vergangenen Jahrhundert“. Fazit des IPCC: Man könne auch weiterhin nur mit „geringer Sicherheit (low confidence)“ davon ausgehen, dass Berichte über eine langfristige Zunahme der Wirbelsturmhäufigkeit wirklich robust sind.

Freispruch aus eklatantem Mangel an Beweisen, würde man so etwas vor Gericht nennen. Aber bei Sachs ist der Tathergang noch nicht einmal von der Chronologie her nachvollziehbar.

Politiker sind nicht für Stürme verantwortlich

Selbst wenn man glaubt, dass Treibhausgase die Sturmhäufigkeit beeinflussen, kann die Politik auf diese Entwicklung nur sehr langfristig Einfluss nehmen. Die heutige Klimapolitik will Katastrophen abwenden, die in Jahrzehnten drohen. Es ist Unfug, sie in Haftung für aktuelle Stürme zu nehmen.

Der neue Vorreiter bei der Vermeidung von Treibhausgasen sind im Übrigen ausgerechnet die USA. Weil dort Kohle durch das billigere und umweltfreundlichere Schiefergas ersetzt wird, sind Amerikas CO2-Emissionen auf den tiefsten Stand seit 1994 gefallen. Für den kräftigsten Emissionsanstieg sorgen dagegen große Schwellenländer wie China – die inzwischen ihrerseits sehr genau zur Kenntnis nehmen, dass auch Deutschland trotz seiner teuren „Energiewende“ wieder mehr CO2 emittiert.

Dass die Politik im Obama-Amerika von den Murdoch-Medien (Fox News, Wall Street Journal) und den Stiftungen der Koch-Familie gesteuert sei, ist an sich schon eine kesse These. Vollends absurd wird sie aber, wenn man sich ansieht, welche Positionen die Denunzierten eigentlich vertreten: Die Kochs unterstützen keineswegs nur „klimaskeptische“ Forschung.  Murdoch stand bis vor Kurzem sogar noch auf der Seite der grünen Musterschüler.

Was ein hoch angesehener Ökonom wie Sachs hier verbreitet, ist also nichts weiter als verleumderischer Unsinn. Eine Agitprop-Parole aus der untersten Schublade, die keinen anderen Zweck hat als schlichtere Gemüter aufzustacheln.

Wer mit solchen Methoden „argumentiert“ darf sich nicht wundern, dass die Klimapolitik zum Grabenkrieg verkommen ist. Und dass immer mehr Leute Zweifel an der Glaubwürdigkeit der eifernden Apokalyptiker bekommen.