KommentarTrügerische Ruhe vor der Europawahl

Daniel Stelter
Daniel Stelter

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war er von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG). Seit 2007 berät er internationale Unternehmen. Im Mai 2014 erschien sein aktuelles Buch „Die Krise … ist vorbei … macht Pause … kommt erst richtig: Es geht um unser Geld – 77 Bilder zum Selberdenken und Mitreden”

Besser hätte es für die Politik nicht laufen können: Irland aus dem Rettungsschirm, Portugal demnächst auch, Spanien und Italien konnten sich noch nie so günstig finanzieren wie heute und selbst Griechenland ist an die Kapitalmärkte zurückgekehrt. Die Krise ist vorbei – gut gemacht, liebe Regierungen und natürlich Herr Draghi.

Zeit sich zu freuen, und sich wieder den wirklich wichtigen Themen zu widmen?

Im Gegenteil: In Wirklichkeit haben wir es mit einer Konkursverschleppung in einzigartigen Dimensionen zu tun. Keines der grundlegenden Probleme, welche die Krise herbeigeführt haben, wurde gelöst.

Überschuldungskrise der westlichen Welt

Denn: Die Krise ist im Kern eine Überschuldungskrise der westlichen Welt. Seit 1980 hat sich die Verschuldung der westlichen Welt relativ zur Wirtschaftsleistung – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – auf mehr als 340 Prozent mehr als verdoppelt. Real – also bereinigt um Inflation – haben Unternehmen mehr als dreimal, Staaten mehr als viermal und private Haushalte mehr als sechsmal so viele Schulden wie 1980.

Zusätzlich zu diesen offen ausgewiesenen Schulden haben wir es mit erheblichen verdeckten Verbindlichkeiten zu tun. Schätzungen beziffern die ungedeckten Versprechen der Staaten für künftige Renten-, Pensions- und Gesundheitszahlungen auf das Vier- bis Sechsfache des Bruttoinlandsprodukts (BIP) je nach Land.

Laut einer aktuellen Studie beläuft sich der sofortige jährliche Einsparungsbedarf des Bundes auf 83 Mrd. Euro, um die Kosten der Alterung bewältigen zu können. Die Regierung macht jedoch das Gegenteil und erhöht die Kosten durch großzügige Rentengeschenke noch weiter.

Diese Verschuldungsprobleme werden durch jahrelange Unterinvestition in Infrastruktur und Anlagen, eine Vernachlässigung des Bildungswesens (PISA!) und die Kinderlosigkeit zusätzlich verschärft.

Verfehlte Krisenpolitik

Und die Rettungspolitik hat zwar den Kollaps verhindert. Aber die Bekämpfung der Krise, die durch zu billiges Geld und zu viele Schulden verursacht wurde, mit noch billigerem Geld und noch mehr Schulden zu bekämpfen, hat in allen Ländern die Schulden von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen weiterhin schneller wachsen lassen als die Wirtschaftsleistung. Das kann aber nicht ewig so weiter gehen.

Für die Eurozone schätze ich das Volumen an nicht mehr ordnungsgemäß bedienbaren Schulden auf bis zu 5000 Mrd. Euro. Als Nebeneffekt hat diese Politik zu einem Verschuldungsboom in den Schwellenländern geführt. Aus der Schuldenkrise des Westens droht eine weltweite Schuldenkrise zu werden.

Kollaps verhindert – Problem nicht gelöst

Wohin man auch blickt: Die Lage in Europa widerspricht den Schlagzeilen in den Medien. Im ersten Quartal ist die Wirtschaft in Finnland, Portugal, Holland und Italien geschrumpft. Frankreich steht am Rande der Rezession. Spanien wies ein reales Wachstum von 0,4 Prozent aus – allerdings fielen die Preise in Spanien etwas stärker. Folge: Das nominale BIP ist ebenfalls geschrumpft. Doch auf dieses kommt es an, wenn es darum geht, die Schuldentragfähigkeit eines Landes zu ermitteln.

Nur Deutschland weist ein geringes Wachstum aus und ist auch das einzige Land, in dem die Wirtschaftsleistung oberhalb des Niveaus von 2008 liegt. Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, dass die Rally in den Anleihemärkten in Europa nur zwei Ursachen haben kann: das unbegrenzte Vertrauen, dass die EZB oder Deutschland die Schulden der Krisenländer schon bedienen werden oder die Erwartung einer anhaltenden Deflation, was entsprechend hohe Realrenditen verspricht. Deflation wäre aber ein verheerendes Szenario, weil ohne Nominalwachstum kein Entkommen aus der Spirale immer weiter steigender Schulden denkbar ist.