AT&TRing frei für eine Fusionswelle in der Medienbranche

An der Börse kamen die Pläne von AT&T nicht gut an
An der Börse kamen die Pläne von AT&T nicht gut andpa

Solange Big Tech der Feind ist, haben andere Unternehmen grünes Licht für Übernahmen und Fusionen, damit sie nicht den Anschluss verlieren. Das lässt sich aus den Worten des US-Bundesrichters schließen, der die Übernahme von Time Warner durch AT&T für 85,4 Mrd. Dollar genehmigte.

Richter Richard Leon liegt ja nicht falsch mit seiner Einschätzung, dass Silicon-Valley-Giganten wie Netflix, Apple und Amazon eine echte Bedrohung für Medienunternehmen darstellen. Für die Kunden sind mit der Übernahme höhere Preise für Dienste verbunden, die sie künftig bei AT&T und Time Warner kaufen – alles im Namen des Wettbewerbs.

Investoren können sich auf eine Reihe von Deals einstellen, bei denen sich die Unternehmen auf die Bedrohung durch die Technologieriesen berufen werden, um Milliardenausgaben für den angeblichen Abwehrkampf zu rechtfertigen. Das erste Beispiel gibt es schon: Comcast bietet 65 Mrd. Dollar für das Film- und Fernsehgeschäft von 21st Century Fox, an dem auch Disney interessiert ist.

Das Justizministerium der Trump-Administration, das sich der AT&T-Time Warner-Übernahme mit der Begründung widersetzte, sie würde zu weniger Wahlmöglichkeiten und höheren Preisen für die Verbraucher führen, wird den Zug nun kaum mehr aufhalten können. Die Regierung kann zwar noch gegen die Entscheidung Berufung einlegen und sich damit über die gegenteilige Empfehlung von Richter Richard Leon hinwegsetzen. Die Schlagkraft des Justizministeriums im Kartellrecht wird durch die Entscheidung erheblich geschwächt.

Hätte Richter Leon diese Entscheidung noch vor wenigen Jahren treffen müssen, wäre das Ergebnis wahrscheinlich anders ausgefallen. Im Jahr 2011 zögerte er, der Übernahme von NBC Universal durch Comcast zuzustimmen, einer ähnlichen Verschmelzung von Vertriebskanälen mit Medieninhalten. Der Deal ging nur durch, nachdem Comcast strengen Verbraucherschutzbedingungen zugestimmt hatte.

Das neue Urteil legt nahe, dass sich Richter Leon der Zeit anpasst. Netflix, das im Jahr 2014 noch einen Marktwert von rund 20,6 Mrd. Dollar hatte, ist nun 158,5 Mrd. Dollar wert und übertrifft damit alle bisherigen Medienunternehmen. Ein ähnliches Problem stellen Amazon und Apple dar, die beide über eine höhere Marktkapitalisierung verfügen als alle großen Medienunternehmen zusammen. Obwohl Medien nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören, geben beide Konzerne Milliarden aus, um eigene Inhalte zu produzieren. Und sie werben die größten Hollywood-Talente von den etablierten Unternehmen ab.

Jede Übernahmewelle birgt das Risiko, außer Kontrolle zu geraten. Time Warner war eine Hälfte einer der schlimmsten Fusionen in der Geschichte: der Zusammenschluss mit AOL auf dem Höhepunkt der Technologieblase. Comcast-Aktien fielen nach der Entscheidung des Richters, weil Investoren glaubten, dass der Konzern versuchen werde, das Disney-Angebot von 52,5 Mrd. Dollar für 21st Century Fox zu überbieten.

CBS und Viacom, deren Fusionsgespräche durch Streitigkeiten und Klagen erschwert wurden, könnten ebenfalls wieder einen Konsolidierungsdruck verspüren. Das heißt nicht unbedingt, dass sie miteinander verschmelzen. Jetzt wo vertikale Übernahmen abgesegnet sind, könnte Verizon oder Charter Communications versuchen, CBS zu erwerben. Auch andere Medienunternehmen wie Lions Gate oder AMC werden womöglich Interessenten. Und Tech-Konzerne mit großen Bargeldreserven sind womöglich mit von der Partie.

Richter Leon hat eine wohl überlegte Entscheidung getroffen. Für die CEOs von Medienunternehmen wird das wahrscheinlich nicht gelten.

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