Quantum Systems Das Start-up, das den Ukrainern Aufklärungsdrohnen liefert

Eine Vector-Drohne fliegt über Rauchschwaden
Die Vector-Drohne wurde für die Aufklärung aus der Luft entwickelt
© PR / Quantum Systems
Florian Seibel ist Gründer der Firma Quantum Systems, die nun Überwachungsdrohnen in die Ukraine verkauft hat. Im Interview erzählt er, warum die Bundeswehr enger mit Start-ups zusammenarbeiten muss

Herr Seibel, während darüber diskutiert wird, ob Deutschland zu zögerlich bei der Lieferung von Waffen ist, beliefert ihr Start-up Quantum Systems ukrainische Streitkräfte mit Aufklärungsdrohnen. Was ist deren Aufgabe?

FLORIAN SEIBEL: Unsere Technologie, die wir in den vergangenen sieben Jahren entwickelt haben, ist eine sogenannte Dual-Use-Technologie. Unsere Drohnen lassen sich für kommerzielle Zwecke einsetzen, aber eben auch im Bereich Verteidigung. Die Ukrainer nutzen unsere Technik, um feindliche Stellungen aufzuklären. Damit gewinnen sie einen Informationsvorsprung. Außerdem nutzt die ukrainische Armee unsere Drohnen, um die Wirkung ihrer Artillerie zu erhöhen. 

Was kann die Drohne?

Die Vector-Drohne ist unbewaffnet und hat eine Flugzeit von zwei Stunden. Sie verfügt über verschiedene Kamerasysteme in unterschiedlichen Wellenlängenbereichen. Zudem hat sie eine verschlüsselte Daten- und Videokommunikation. Das Besondere an unseren Fluggeräten ist, dass sie senkrecht starten und landen können wie ein Hubschrauber und dann wie ein Flugzeug im Horizontalflug sehr energieeffizient fliegen.

Die Drohnen wurde nicht speziell für den Krieg entwickelt. Haben Sie Bedenken, dass sie dort jetzt zum Einsatz kommt?

Der Gedanke daran, dass zwei Stunden östlich von Europa Krieg herrscht, macht mich sprachlos. Die Ukraine verteidigt gerade unsere westlichen Werte. Wir tun gut daran, die Ukraine, so gut es eben geht, zu unterstützen. Mit Quantum sind wir in der Lage, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.

Bestellt haben die Drohnen unter anderem auch ukrainische Oligarchen. Um wie viele Drohnen handelt es sich insgesamt?

Die genaue Zahl möchte ich nicht nennen. Normalerweise werden zuerst immer ein paar Test-Units bestellt. Unsere Kunden wollen schauen, wie funktionieren unsere Drohnen und sind sie für ihre Zwecke überhaupt brauchbar. Die ukrainischen Oligarchen haben eine Handvoll bestellt. Nachdem erste Tests erfolgreich waren und wir sehr gute Rückmeldungen bekommen haben, geht es inzwischen auch um weitere Systeme. Ich werde deswegen kommendes Wochenende auch einen ukrainischen Oligarchen in München treffen und das weitere Vorgehen besprechen.

Die ersten Drohnen sind bereits im Kampfgebiet. Wie gefährlich können diese für die russische Armee werden?

Dadurch dass bislang nur eine Handvoll Systeme geliefert worden sind, sind unsere Drohnen sicherlich nicht kriegsentscheidend. Trotzdem leisten sie einen Beitrag. Uns geht es auch darum, auf die Thematik aufmerksam zu machen. Auch Deutschland täte gut daran, sich mit solchen Zukunftstechnologien stärker auseinanderzusetzen. 

Die Bedienung von Drohnen setzt ein gewisses Knowhow voraus. Sind ukrainische Soldaten dafür genügend ausgebildet?

Wir haben von Anfang an viel Wert auf eine einfache und intuitive Handhabung gelegt. Deswegen hatten wir hier jetzt einen Vorteil. Bisher hat eine Drohnen-Ausbildung zum Beispiel innerhalb der Bundeswehr sechs bis acht Wochen gedauert. An diesem Punkt wollten wir mit unserem System ansetzen. Die Ukrainer sind innerhalb von ein, zwei Tagen in der Lage gewesen, unsere Drohnen zu bedienen. Zu Schwierigkeiten bei der Ausbildung ist es nicht gekommen.

Bisher wurden vorzugsweise ältere Waffensysteme an die Ukraine geliefert. Welche Rolle spielen Drohnen in modernen Kriegen?

Deutschland versucht schon länger das Thema Bewaffnung von Drohnen anzugehen. Viele Jahre ist das an der Haltung der SPD gescheitert, inzwischen ist es möglich. Im nächsten Schritt muss sich jetzt angeschaut werden, was Klein-Drohnen, wie wir sie anbieten, bewirken können. Die Klein-Drohnen werden in großer Stückzahl in Schwärmen vernetzt. Das führt zu einem Informationsvorsprung – und der wird in den nächsten Konflikten noch entscheidender als bisher.

Die Drohnen von Quantum System sind unbewaffnet. Könnte sich das bald ändern?

Unsere Drohnen bleiben unbewaffnet. Das ist nicht zuletzt auch eine Haltung von uns als Firma, dass wir eben keine Waffen herstellen, sondern eine Aufklärungsdrohne. In Quantum Systems sind außerdem europäische und bayrische Banken investiert, die eine Bewaffnung gar nicht zulassen. Von daher stellt sich diese Frage für uns gar nicht.

Auch die Bundeswehr hat inzwischen Drohnen bei Ihnen bestellt. In den vergangenen Jahren hat sich Quantum Systems immer wieder vergeblich um Aufträge der Bundeswehr bemüht. Ändert der Ukraine-Krieg die Zusammenarbeit von Start-ups und Bundeswehr?

Ich hoffe es. Denn ich glaube, dass wir gut daran täten, auch den kleinen, innovativen, schnellen Unternehmen in den nächsten Jahren eine Chance zu geben. Start-ups zeigen bereits in ganz vielen Bereichen, wie disruptiv sie sind. Warum sollte das im Bereich Defence und Deep Tech nicht auch möglich sein? Bei der Bundeswehr muss dafür allerdings ein Umdenken stattfinden – vor allem, wenn es um Risiken geht.

Wie meinen Sie das?

Die Bundeswehr ist sehr darauf bedacht, dass Rüstungsprojekte nicht scheitern. Dadurch werden Projekte viel teurer und dauern länger. Hier brauchen wir eine andere Fehlerkultur. Schnell scheitern, interpretieren, lernen und verbessern. Lieber erstmal nur drei, vier Systeme erproben, statt gleich viele Hundert Systeme zu beschaffen. 

Inwiefern können Start-ups und Militär voneinander profitieren?

Gemeinsam könnten Start-ups und Militär schnell lernen und Systeme adaptieren und weiterentwickeln. In Zusammenarbeit mit der Bundeswehr könnten Systeme auf den Kunden viel besser zugeschnitten werden. Bisher läuft es so, dass sehr lange Anforderungslisten geschrieben werden und dann Jahre oder Jahrzehnte gegen solch eine Forderung entwickelt wird. Die Bundeswehr muss wegkommen davon, Systeme zu beschaffen, die bei der Auslieferung schon längst wieder veraltet sind.

Inwiefern profitiert Quantum Systems von dem 100 Mrd. Euro Sondervermögen für die Ausrüstung der Bundeswehr?

Bis jetzt noch gar nicht. Auch die großen etablierten Player versuchen momentan, ihren Schnitt zu machen und potenzielle Aufträge unter sich auszumachen. Wir fordern deswegen, dass ein Prozent des Sondervermögens in Defence-Start-ups fließen. Meiner Meinung nach braucht es eine Regelung, die vorsieht, dass kleine Unternehmen und auch Mittelständler direkt mit der Bundeswehr Geschäfte machen dürfen.

Der Beitrag ist zuerst auf ntv.de erschienen.


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