KolumnePutins Saat geht auf

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Mittlerweile ist klar erkennbar geworden, warum Russlands Dauerpräsident Wladimir Putin so interessiert war an einem Wahlsieg Donald Trumps. Während der US-Präsident und seine Claqueure die Axt anlegt an Bündnisse, Verträge und bestehende Strukturen, wachsen Russland neue Optionen zu. Bereits im Syrien-Konflikt war zu beobachten, mit welchem Spürsinn Putin die Fehler des früheren US-Präsidenten Barack Obama konsequent nutzte, um sich auf der nahöstlichen Bühne zurückzumelden.

Geradezu wie am Schnürchen verläuft aktuell die Kampagne um die Ausrichtung der Türkei, die ihrerseits unter der Führung Präsident Recep Tayyip Erdogans dabei ist, theokratische Züge anzunehmen. Wir erinnern uns: Im Jahr 2015 war im Krisengebiet ein russisches Kampfflugzeug von der Türkei abgeschossen worden. Trotz anfänglicher Animositäten gelang es Putin aber im Nachgang des Zwischenfalls, Erdogan zu einer Entschuldigung und einem Bußgang nach Moskau zu veranlassen, so dass sich das Verhältnis der beiden Länder substantiell verbesserte. Keine geringe Leistung, wenn man bedenkt, wie blutig die Geschichte dieser beiden Völker war.

Wenn nun durch die Eskapaden Trumps die Türkei in die Arme Russlands oder Chinas getrieben wird, dann darf man durchaus von einem Triumph Putins sprechen. In den Hauptstädten Europas wird die Entwicklung mit blankem Entsetzen registriert. Trotz mancherlei Versuche ist es aber bislang noch nicht gelungen, Einfluss auf die neue Ausrichtung des Weißen Hauses in Washington zu nehmen.

Trump brüskiert seine Verbündeten

Unterdessen trampelt der US-Präsident wie ein wildgewordener Elefant mit seinen Tweets im Weltporzellanladen herum. Geschichtlich unbeleckt reißt er mit dem Hintern rasch um, was Generationen von Politikern mühsam mit ihren Händen errichtet haben. Garniert werden die temperamentvollen Rundumschläge noch durch die wiederkehrenden Beteuerungen, dies alles sei im Interesse Amerikas. Ohne Schonung werden sowohl Freund wie Feind von Trump attackiert, wobei auffällig ist, dass mit Verbündeten besonders rüde umgesprungen wird. Besonders sichtbar wird das etwa im Verhältnis zu Großbritannien, das sich bis zum Amtsantritt Trumps noch ein besonders enges Verhältnis zu den USA einbilden durfte. Aber die Brüskierungen während des jüngsten Staatsbesuchs und die mit Verve geführten Tiraden gegen den Bürgermeister von London haben wohl auch der britischen Regierung ihre Illusionen genommen.

Wesentlich besser ergeht es aber auch der Bundesrepublik Deutschland nicht mit dem Wüterich aus Washington. Er, der ja als ehemaliger Inhaber der Miss Universe Veranstaltung eine Neigung zu modelartigen Frauen hat und in seinem Lebenslauf davon auch offenbar vielfachen Gebrauch gemacht hat, findet an Frau Merkel bislang keine rechte Freude, obwohl sie einen geschmeidigen Dialog möglich machen könnte. Genau gesehen müssen dem außenstehenden Beobachter aber jene Staatsführer suspekt vorkommen, die von Trump gelobt werden, wie etwa der starke Mann in Saudi-Arabien oder Präsident Rodrigo Duterte von den Philippinen.

In diese Gefahr sind die auf Zeit gewählten Staatslenker Mexikos und Kanadas von Anfang an nicht geraten. Trotz gewachsener, guter nachbarschaftlicher Beziehungen dieser Nachbarländer zu den USA, ist es dem auf Krawall gebürsteten Trump rasch gelungen, in scharfen Antagonismus zu ihnen zu gelangen. Nicht anders ergeht es dem kommunistischen China, das ganz mittig auf Trumps Zielscheibe rot aufleuchtet.

Putin ist der Profiteur

Im Ganzen betrachtet ist das Vorgehen Trumps, sich nahezu mit allen und jedem über Kreuz zu legen, ein immerhin originelles Vorgehen, das in der Geschichte nur wenige Vorbilder hat. Zu den großen Gewinnern der rasanten Veränderungen zählt ohne Zweifel Russland, dessen Traum vom Zwist in der Nato, einem Keil zwischen den USA und Europa und vielleicht einer darüber hinaus auseinanderdriftenden EU schließlich wahr werden könnte.

Zu den bizarren Erscheinungen dieser Entwicklung zählen die unverhohlene Sympathie von AfD und Linke für die neu gewonnene Stärke des autokratischen Moskaus. Nicht minder gediegen mutet die Gelassenheit an, mit der die Finanzmärkte auf das seitherige Getöse aus Washington reagieren. Man muss hoffen, dass sich die hurtig agglomerierenden Zersetzungskräfte nicht irgendwann eruptiv entladen.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns