KommentarPolitik-Beratung wird überschätzt

DIW-Forscher Gert G. Wagner
Gert G. Wagner
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Gert G. Wagner ist Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Max Planck Fellow am MPI für Bildungsforschung. Laut dem jüngsten Ranking der FAZ der in der Politikberatung einflussreichsten deutschen Ökonomen  liegt er auf Platz 10 der Ökonomen, auf die gehört wird. 

Gesellschaft und Politik erwarten von der Volkswirtschaftslehre, dass sie sich mit wirtschaftspolitisch relevanten Fragen beschäftigt, und von Volkswirten, dass sie die Politik wissenschaftlich beraten. Und die Forscher selbst sind mehrheitlich in der Tat auch der Meinung, dass politische Entscheidungen besser ausfallen würden, wenn mehr auf Forschungsergebnisse gehört würde; wenn also forschende Politikberater auf Entscheidungen mehr unmittelbaren Einfluss hätten. Faktisch ist dieser Einfluss meist eher gering – was man am permanenten Wehklagen der Wissenschaftscommunity über zu wenig Einfluss unschwer erkennen kann. Doch ist dieses Lamento gerechtfertigt?

Bei den wissenschaftlichen Ökonomie-Politikberatern muss man mindestens drei Gruppen unterscheiden. Zum ersten die einflussreichen Volkswirte, die also Entscheidungen tatsächlich unmittelbar beeinflussen. Die Einflussreichen sind aber nicht unbedingt die aktuell forschungsstärksten Volkswirte. Und etliche Einflussreiche, wie etwa die „Chefökonomen“ vieler Banken, waren niemals in der Spitzenforschung tätig. Das ist die zweite Gruppe. Die dritte Gruppe wurde von der FAZ untersucht: forschende (Spitzen)Volkswirte, die auch als Politikberater tätig sind. Diese Gruppe steht im Mittelpunkt des politischen Interesses, weil man annimmt, dass an der Forschungsfront stehende Spitzenforscher auch besonders gute Berater sein können. In der Tat sind viele forschende Volkswirte selbst von ihrer Beratungsexpertise überzeugt, und die Erwartung ist ja auch sachlich vernünftig: Wenn es wissenschaftlichen Fortschritt gibt, dann sollten diejenigen, die beraten, auch aus diesem Kreis kommen.

Fortschritt kommt von Außenseitern

Wobei man unbedingt eine Einschränkung machen muss (die die Mehrheit einer jeden wissenschaftlichen Disziplin hasst): es sollten nicht nur die Mainstream-Forscher Politikberatung betreiben. Denn grundlegender Erkenntnis-Fortschritt kommt in der Regel nicht aus dem Mainstream, sondern praktisch immer nur von Außenseitern einer wissenschaftlichen Disziplin (in den Wirtschaftswissenschaften sei die Verhaltensökonomik genannt, die vor 20 Jahren noch eine Außenseiter-Position innehatte). Das naheliegende Argument, dass außerhalb des Mainstreams auch viele Irrwege beschritten werden, die in der Politik gefährlich wirken können, relativiert sich von selbst dadurch, dass der Einfluss einzelner Volkswirte auf die Politik ohnehin gering ist. Dies gilt für den Mainstream ebenso wie für Außenseiter: Die Ergebnisse eines Rankings der „einflussreichen Volkswirte“, das die FAZ jüngst gemeinsam mit Partnern durchgeführt hat, sind ernüchternd (für an Politikberatung interessierte Mainstream-Forscher) und zugleich beruhigend (für die Gesellschaft).

Wirtschaftsforschungsinstitute stellen ihre Prognose vor
Ökonomen bei der Arbeit: Aber hört die Politik auch auf ihre Erkenntnisse?
© Stefan Boness / Visum

Eine für das Ranking von der Universität Düsseldorf und der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften durchgeführte Umfrage unter 321 Entscheidungsträgern (Bundestagsabgeordnete und Ministerialbeamte) zeigt, dass in der Politik keineswegs nur auf den forschenden Mainstream der Volkswirtschaftslehre gehört wird. Ganz im Gegenteil: Von den sehr guten Forschern (gemessen an deren Publikationserfolg in internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften) sind nur ganz ganz wenige als Politikberater einflussreich. Nur etwa ein Drittel der Befragten nennt überhaupt einen Ökonomen als wichtigen Berater. Von den Top-50-Volkswirten des Rankings werden fast die Hälfte, nämlich 22, überhaupt nicht als Berater genannt! Sie stehen nur auf der Liste, weil sie gelegentlich in Medien zitiert werden.

Aber auch die Medienpräsenz forschender Volkswirte ist äußerst bescheiden. Insgesamt findet das Institut „Media Tenor“ im Zeitraum September 2012 bis August 2013 in 32 deutschen “Meinungsführermedien“ nur 3506 Zitate deutscher Ökonomen. Zu Themen wie Arbeitsmarkt, öffentliche Finanzen oder Steuern stammen nur knapp zwei Prozent der in den Medien zitierten Aussagen von wissenschaftlichen Experten.  Es gibt nur weniger als eine Handvoll spitzenforschender Volkswirte, über die so oft in den Medien berichtet wird, dass sie über der von Media Tenor ermittelten „Wahrnehmungsschwelle“ liegen und die von etlichen Entscheidungsträgern als einflussreich genannt werden (50 und mehr „Einflusspunkte“ in der Umfrage erhalten). Die Wahrnehmungsschwelle liegt mit 80 Nennungen in einem Jahr in „Leitmedien“ nicht besonders hoch, aber selbst 52 Nennungen – also im Durchschnitt eine pro Woche – schaffen nur wenige.