Energiekrise Ölpreisschock trifft arme Länder noch viel härter

An einer Tankstelle in Kenia hat sich eine lange Schlange gebildet
An einer Tankstelle in Kenia hat sich eine lange Schlange gebildet: Kraftstoff ist rar in dem afrikanischen Land
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Während sich hierzulande viele Autofahrer über hohe Spritpreise ärgern, stürzen die hohen Ölpreise weniger wohlhabende Länder in tiefe Krisen. Die Folgen sind Instabilität und soziale Unruhen

Entwicklungsländer werden vom dem derzeitigen Ölpreisschock am stärksten getroffen. Viele von ihnen sind von Ölimporten abhängig und werden durch eine Kombination aus hohen internationalen Preisen, schwachen Währungen und dem Konkurrenzdruck der reichen Länder erdrückt, deren Volkswirtschaften sich von der Pandemie erholen.

Höhere Kraftstoffpreise verschärfen die Inflation in Ländern, die bereits mit steigenden Lebensmittelpreisen zu kämpfen haben. Diese Kombination führt zu Unruhen und Protesten. Und demokratische Regierungen wissen aus Erfahrung, dass dies einer der sichersten Wege ist, an Popularität und Macht zu verlieren.

Sri Lanka, Laos, Nigeria und Argentinien gehören zu den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, in denen es in den vergangenen Wochen aufgrund von Treibstoffmangel zu langen Warteschlangen an einigen Tankstellen gekommen ist.

Viele Regierungen stehen vor dem Dilemma, entweder den Preisanstieg durch höhere Subventionen oder Steuersenkungen abzufedern – beides schadet den Staatsfinanzen – oder den Anstieg der Kraftstoffpreise zuzulassen und damit den Zorn von Verbrauchern und Unternehmen zu riskieren, die sich die zusätzlichen Kosten nicht leisten können.

Zunehmende Unruhen

„Wir dürften viele Unruhen erleben, da die Schwellenländer empfindlicher auf die Kraftstoffpreise reagieren“, sagt Virendra Chauhan, Leiter des Asien-Pazifik-Bereichs der Beratungsfirma Energy Aspects in Singapur. „In der Vergangenheit haben sich die meisten dieser Länder auf Kraftstoffsubventionen verlassen, um die Bevölkerung zu besänftigen, aber aufgrund der großen und wachsenden Importlast könnte es schwierig werden, diese Subventionen aufrechtzuerhalten.“

Die Krise ist in erster Linie das Ergebnis einer sich erholenden Nachfrage nach der Pandemie und der Sanktionen gegen Russland wegen seines Einmarsches in der Ukraine, die die globalen Energieversorgungswege, insbesondere nach Europa, unterbrochen haben. Der weltweite Referenzpreis für Rohöl der Sorte Brent wurde am Montag nahe der Marke von 120 US-Dollar pro Barrel gehandelt – rund 70 Prozent höher als der Durchschnittspreis im Jahr 2021 –, nachdem Saudi-Arabien Vertrauen in die Nachfrage signalisiert hatte und Goldman Sachs eine Verknappung der Märkte vorhersagte, da China sich langsam von den Corona-Lockdowns verabschiedet.

Zu den Schwellenländern, die unter den höheren Preisen besonders leiden, gehören Sri Lanka und Pakistan. Sri Lanka, das sich in seiner größten Wirtschaftskrise befindet, bittet den Internationalen Währungsfonds, China, Japan und Indien um Hilfe, um seine Treibstoffimporte bezahlen zu können. Die heimischen Vorräte werden knapp. Fluggesellschaften, die das Land anfliegen, wurden angewiesen, genügend Treibstoff für den Rückflug mitzuführen oder anderswo aufzutanken.

Die steigende Inflation und die hohen Treibstoffpreise treiben auch Pakistan in eine wirtschaftliche Zwangslage. Auch die Regierung in Islamabad hat deshalb finanzielle Unterstützung beim IWF beantragt. Der Fonds besteht jedoch auf eine Erhöhung der Treibstoffpreise als Voraussetzung für eine Einigung. Inzwischen bieten ausländische Banken keine Kredite mehr für Ölimporte an. Pakistan hat Katar um zusätzliche Lieferungen von Flüssiggas im Rahmen eines bestehenden Langzeitvertrags gebeten, da es immer wieder zu Stromausfällen kommt und der Kraftstoffmangel anhält.

In Südostasien haben Myanmar und Laos mit Engpässen bei Benzin und Diesel zu kämpfen, wie lokale Medien berichten. In Myanmar sind die Käufer aufgrund des eingeschränkten Zugangs zum Dollar nicht mehr in der Lage, Importe zu bezahlen. In Laos bildeten sich im vergangenen Monat lange Schlangen an den Tankstellen, weil das Land Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Treibstoff durch seine bisherigen Lieferanten in Thailand und Vietnam hat.

Besonders stark ist auch Afrika betroffen: Kenia, Senegal, Südafrika und sogar das ölproduzierende Nigeria meldeten Treibstoffengpässe. Fluggesellschaften, die in einigen Teilen des Kontinents operieren, mussten entweder Flüge streichen oder anderswo Treibstoff auftanken.

Ein Teil des Problems besteht darin, dass sich die Nachfrage in den Industrieländern nach der Pandemie erholt, insbesondere mit dem Beginn der Sommerreisezeit in der nördlichen Hemisphäre. Nach Angaben der Energy Information Administration sind die Benzinvorräte im Großraum New York im vergangenen Monat auf den niedrigsten Stand seit 2017 gesunken. 

In Europa wurde in Erwartung einer Reisewelle in diesem Sommer große Bestände an Flugzeugtreibstoff und Diesel gekauft, um die russischen Lieferungen zu ersetzen. „Die wohlhabende Welt wird ihren Urlaub machen und Kerosin verbrauchen“, sagte Mike Muller, Asienchef der Vitol Group mit Sitz in Singapur, in einem von Gulf Intelligence produzierten Podcast. „Aber die Auswirkungen sind anderswo viel gravierender. Die Kluft zwischen den wohlhabenden Ländern und den Ländern, die nicht so gut in der Lage sind, Rohstoffe zu bezahlen, wird immer krasser.“

Hunger und Stromausfälle 

Der sprunghafte Anstieg der Nachfrage wurde nicht durch einen Ausbau der Raffineriekapazitäten aufgefangen. Während der Pandemie, als die Nachfrage einbrach, wurde der Betrieb in Raffinerien in Ländern wie den Philippinen, Australien, Neuseeland und Singapur reduziert und die Lagerbestände abgebaut. Jetzt versuchen die Raffinerien, ihre Vorräte wieder aufzufüllen.

Für viele stellt sich die Frage, woher sie das Rohöl beziehen sollen. Da reiche Länder ihre Vorräte aus traditionellen Quellen wie dem Nahen Osten aufkaufen, versuchen einige Entwicklungsländer, russisches Erdöl zu günstigeren Preisen zu kaufen – trotz der Sanktionen gegen Moskau wegen des Ukraine-Kriegs und trotz der Angst, die USA und Europa damit zu verärgern.

Russische Verlockung

Sri Lanka will seine einzige Raffinerie mit russischem Öl wieder in Betrieb nehmen, während die Regierung zugleich versucht, gegen den wachsenden Treibstoffschwarzmarkt vorzugehen. Auch der laotische Industrie- und Handelsminister Khampheng Saysompheng sagte laut Berichten lokaler Medien, dass der Kauf von billigem Öl aus Russland eine Option sein könnte. „Starke Preisnachlässe für russische Öllieferungen sind, rein preislich gesehen, für einige dieser Märkte attraktiv“, sagte Peter Lee, leitender Öl- und Gasanalyst bei Fitch Solutions. Im vergangenen Monat wurde eine Rekordmenge russischen Öls nach Indien und China geliefert.

Für einige ärmere Länder führen die Auswirkungen höherer Ölpreise zu einer Abwärtsspirale, in der die Rechnungen für Kraftstoffimporte die Wirtschaft schädigen und die Währung schwächen, was die Ölimporte noch teurer macht. Sri Lankas Rupie ist in diesem Jahr um fast 44 Prozent gegenüber dem US-Dollar eingebrochen, während die pakistanische Rupie um mehr als elf Prozent nachgegeben hat.

Das Ergebnis ist eine zunehmend frustrierte Bevölkerung, die dazu neigt, der Regierung die Schuld zu geben, wenn die Preise für Lebensmittel und Treibstoff in die Höhe schnellen. Um den Preisanstieg abzufedern, erhöhen einige Regierungen die Subventionen oder senken die Kraftstoffsteuern, oft zu Lasten der Staatsfinanzen.

Energiekrise: Ölpreisschock trifft arme Länder noch viel härter
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Mexikos Benzin- und Dieselsubventionen kosten die Regierung mehr als das Doppelte des zusätzlichen Gewinns, den der Ölproduzent durch die höheren Rohölpreise erzielt, so Schätzungen von Bloomberg Economics.

Südafrika gehört zu den Ländern, die die Kraftstoffsteuern vorübergehend gesenkt haben. Dennoch müssen die Autofahrer in diesem Land seit dem pandemiebedingten Tiefstand im Jahr 2020 mit einem Anstieg der Kraftstoffpreise um fast 80 Prozent fertig werden.

Indonesien, wo Präsident Suharto 1998 nach blutigen Protesten wegen der Kraftstoffpreise und der Inflation zurücktrat, kündigte im vergangenen Monat an, die Staatsausgaben in diesem Jahr um rund 27 Mrd. Dollar zu erhöhen, teilweise um die um 56 Prozent gestiegenen Kraftstoffsubventionen zu finanzieren.

Der ehemalige pakistanische Premierminister Imran Khan wurde im April abgesetzt, nachdem er die Kraftstoffpreise gesenkt und dann vier Monate lang eingefroren hatte, was die Regierung 600 Mio. Dollar pro Monat an Subventionen kostete und ein IWF-Rettungspaket gefährdete.

Hohe Preise und Treibstoffknappheit verärgern nicht nur die Wähler, sondern verschärfen auch die wirtschaftlichen Probleme. Landwirte, die sich nicht genügend Diesel sichern oder leisten können, können nicht so viel anbauen, was die Nahrungsmittelknappheit und die Inflation weiter anheizt. Höhere Schiffskraftstoffpreise erhöhen die Logistikkosten. Und Regierungen, die auf Einnahmen verzichten, um die Kraftstoffsteuern niedrig zu halten, können weniger für andere Bereiche der Wirtschaft ausgeben oder müssen die Kreditaufnahme erhöhen, wenn die Zinsen steigen.

„Die Welt erkennt nach der Pandemie, dass die eigene Energieversorgung gesichert werden muss“, sagt Chauhan von Energy Aspects. „Das hat die Auswirkungen auf den Übergang von einer international gehandelten, auf fossile Brennstoffe ausgerichteten Versorgungskette zu einer inländischen grünen Energiewende verstärkt.“

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