KolumneNun kommt das Endgame bei Thyssenkrupp

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

So schlimm sah es bei Thyssenkrupp noch nie aus. Nach der neusten Prognose des Vorstands verbrennt der Konzern im laufenden Geschäftsjahr 2019/20, das am 30. September endet, unterm Strich 5 bis 6 Mrd. Euro. Nur das Geld aus dem Verkauf der Aufzugssparte rettet den Essener Konzern vor der sofortigen Pleite. Doch die 17,2 Mrd. Euro, die jetzt in die Konzernkasse geflossen sind, reichen nicht lange. Deshalb bleibt keine Zeit mehr für einen erneuten komplizierten Konzernumbau oder den strategischen Aufbau neuer Geschäfte. In den nächsten zwölf Monaten dürften wir bei dem seit Jahren gebeutelten Konzern das erleben, was Investmentbanker in ihren Jargon „Endgame“ nennen. Am Schluss bleibt von dem Traditionskonzern wahrscheinlich nicht mehr allzu viel übrig.

Der Stahlbereich, so viel ist klar, muss weg. Fast um jeden Preis, wie die Zahlen vom vergangenen Donnerstag zeigen, und möglichst als Ganzes. Rund 1 Mrd. Euro Verlust macht die Sparte in diesem Geschäftsjahr – und auch der Ausblick auf das nächste Geschäftsjahr sieht düster aus. Mit dem Geld aus der Aufzugssparte könnte Thyssenkrupp zum ersten Mal die Belastungen stemmen, die mit einem Komplettverkauf des Stahls auf die Bilanz fallen. Das ist die einzige gute Nachricht. Nur wenn Thyssenkrupp einen Großteil der Pensionslasten aus dem Stahlbereich übernimmt, kann man ihn unter den jetzigen Krisenbedingungen überhaupt verkaufen. Und je höher die Mitgift ausfällt, desto leichter findet sich ein Käufer.

Folgt Thyssenkrupp dem Beispiel Bilfinger?

Das Problem dabei ist nur: Mit dem Verkauf des Stahls bleibt bei Thyssenkrupp kein gesunder Kern, um den herum sich in wenigen Jahren ein neuer Konzern aufbauen ließe. Die Vorstandsvorsitzende Martina Merz spricht schon jetzt nur noch von einer „Group of Companies“. Einige der bisherigen Bereiche stehen ebenfalls zum Verkauf, andere suchen dringend industrielle Partner. Und nur die wenigsten Schiffe dieses lockeren Geleitzugs, der mal ein Konzern war, verfügen über eine nachhaltige Profitabilität, wie sich jetzt in der Krise nur allzu deutlich zeigt.

Das wahrscheinlichste Szenario für den Konzern sieht deshalb so aus wie in den letzten Jahren beim Industriedienstleister Bilfinger: Man schrumpft und schrumpft, stößt immer mehr Bereiche ab und hofft darauf, dass am Ende wenigstens ein paar Geschäftsfelder übrigbleiben, die für eine Verzinsung des ebenfalls geschrumpften Kapitals ausreichen. Ob dieses Modell funktioniert, steht allerdings noch dahin: In der Corona-Krise hat sich Bilfinger auch nicht als resilienter erwiesen als früher. Letzte Woche meldete der Mannheimer Konzern ebenfalls tiefrote Zahlen. Trotzdem dürfte Thyssenkrupp dem Beispiel Bilfinger folgen. Es gibt schlicht keine Alternative mehr.

Was man auf jeden Fall nicht erwarten sollte bei Thyssenkrupp, ist ein genialer Befreiungsschlag. Die Hoffnung, es könne einen Bieterwettbewerb beim Stahl geben oder die Chinesen könnten sich vielleicht auf eine phantastische Abenteuerreise nach Essen begeben und Geld mit vollen Händen ausgeben, kann man getrost ins Reich der Märchen abschieben. Selbst den großen Investmentbanken, die sich als Spezialisten für das Zerlegen und wieder neu zusammenfügen von Konzernen verstehen, fällt im Sonderfall Thyssenkrupp offenbar nicht mehr viel ein.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.