Interview„Auf den Baustellen wird das Material knapp“

Ein Schindler Servicetechniker bei der Arbeit
Ein Schindler Servicetechniker bei der ArbeitSchindler

Meinolf Pohle
Schindler-Deutschlandchef Meinolf Pohle

Capital: Herr Pohle, Deutschland hat ein sehr gutes Jahr hinter sich – konnte auch Schindler von dem Boom profitieren?

Meinolf Pohle: In der Tat, wir haben nicht nur ein, sondern fünf sehr gute Jahre auf dem deutschen Markt hinter uns – wir wachsen im Schnitt im hohen einstelligen Prozentbereich.

Das ist ja fast so viel wie ein Schwellenland…

…wir sind tatsächlich eine der am schnellsten wachsenden Gesellschaften von den insgesamt Hundert im Schindler-Konzern.

Wie wichtig ist heute der deutsche Markt noch?

Deutschland ist einer der stärksten Märkte, und sehr profitabel. Schindler erwirtschaftet weltweit etwa 10 Mrd. Schweizer Franken. Die Musik unserer Branche spielt natürlich seit Jahren in Asien, dort werden jedes Jahr etwa 600.000 neue Aufzüge installiert – das ist in etwa so viel wie der gesamte Bestand in Deutschland. Viel wichtiger ist aber die Dynamik: Deutschland ist ja ein typisch gesättigter Markt, hier stand jahrelang der Service und die Wartung im Vordergrund. Nun spüren wir: Auch hier kann man noch ordentlich wachsen.

Deshalb investieren Sie in ihren Berliner Standort …

Ja, wir planen hier ein neues Innovation Hub in Berlin, dafür investieren wir gut 44 Mio. Euro. Wissen Sie, lange Jahre wussten wir nicht, wie wir das große Areal – insgesamt 11 Hektar – nutzen sollten. Aber der Standort ist Teil unserer Geschichte, wir sind ja seit 111 Jahren hier, es war der erste Auslandsstandort der Firma Schindler. Noch in den 1980er-Jahren wurde hier eine neue Produktionshalle gebaut, doch wir stellen die Aufzüge längst nicht mehr in Berlin her. Die Hallen standen leer, einen Teil haben wir an die Staatsoper als Probebühne und für Requisiten vermietet und manche Teile als Trainingszentrum genutzt…

… aber vermutlich haben die viele Gebäude Sie vor allem Geld gekostet.

Ja, zumal sie teilweise unter Denkmalschutz stehen. Allein der Bau aus den 1930er-Jahren verschlingt enorme Mengen Energie pro Jahr. 2007 gab es einen Investor, der wollte auf dem Gelände eine Skihalle errichten. Doch wegen der Finanzkrise platzte der Deal. Darüber bin ich heute gottfroh – denn so können wir heute auf dem Gelände den Campus bauen.

Der deutsche Wirtschaftsboom ist
Titelthema der aktuellen Capital

Was ist das Ziel dieses Campus?

Der Campus soll ein Wissens- und Informationszentrum werden, und zwar für vertikale Mobilität. Wir wollen hier an Zukunftstechnologien forschen und auch Start-ups ansiedeln. Wir wollen die Digitalisierung weiter vorantreiben. Es geht darum, Kunden, Fahrgäste, Anlagen und Servicemitarbeiter miteinander zu vernetzen.

Was heißt das konkret?

Die digitale Technik wird künftig sorgen, dass etwa defekte Aufzüge oder Fahrtreppen automatisch eine Fehlermeldung auf das Smartphone des Technikers senden. Und der weiß dann meist schon die Ursache. Das bedeutet: schnellere Reparatur und Wartung. In Zukunft werden Aufzüge sogar Fehler melden, bevor sie ausfallen. Außerdem sind Aufzüge heute nicht mehr nur Geräte, die einen rauf- und runterbringen. Mittlerweile projizieren wir auch Werbung auf die Türen – wissen Sie, wie viele Stunden jeden Tag Menschen vor Aufzügen warten? Da sind ganz neue Geschäftsmodelle denkbar. Das geht auch über die reinen Aufzüge hinaus – unsere Plattform kann etwa beim Gebäudemanagement helfen. Dort wird dann nicht nur der Aufzug kontrolliert, man kann das Gerät, das im Hausflur installiert wird, auch als digitales Schwarzes Brett nutzen.

Sie haben vorhin gesagt, dass Schindler stark wächst – nun gibt es gerade auf dem Bau immer wieder Klagen über Fachkräftemangel. Spüren Sie das auch?

Natürlich, es findet eine unheimliche Verdichtung statt – ein Bauleiter, der früher zwei Baustellen betreut hat, betreut heute vier oder fünf. Überall fehlen Handwerker, auch das Material wird knapp. Wenn man früher Zement bestellt hat, war es Ende der Woche da. Heute dauert es oft vier Wochen, hören wir von Kunden. Für Schindler bedeutet das: Vor einigen Jahren hat es von der Bestellung eines Aufzugs bis zur Übergabe etwa ein Jahr gedauert. Heute sind es 18 Monate. Manchmal müssen wir Zelte anmieten, weil Kunden die bestellte Ware nicht termingerecht abrufen.

Was tut ein Unternehmen wie Schindler, um weiter Fachkräfte anzulocken?

Wir gehen zum einen in die Fläche: Wir eröffnen überall neue Standorte, heute sind wir auch in Städten wie Neubrandenburg, Güstrow oder Gersthofen vertreten. Wir haben mehr als 70 Standorte in Deutschland, allein 2017 sind acht hinzugekommen. Das bedeutet, dass wir die Montagemitarbeiter nicht mehr wie früher kreuz und quer durchs ganze Land schicken müssen. Das ist natürlich attraktiv, denn die Leute wollen am Abend nach Hause und nicht die ganze Woche auf Montage sein. Dahin müssen unsere Konzepte gehen: Wir müssen uns mehr um die Menschen kümmern, um ihre Interessen. Lass sie doch ihre Kraft entfalten, wo sie ihre Batterien aufladen können – bei der Familie, im Sport- und Schützenverein. Schindler muss heute nicht nur global, sondern lokal sein. Und bei der Ausbildung strengen wir uns natürlich an – unsere 120 Azubis sind unsere besten Headhunter.

Neben der Ausbreitung in die Fläche – was tut Schindler noch?

Wir werden effektiver – unsere Prozesse müssen noch schneller werden. Es wird nur über Prozesse gehen. Manchmal werden wir zu Kunden auch „nein“ sagen müssen. Das wird manche verärgern, am Ende aber wird es zu einem besseren Output und Qualität führen.

Was erwarten Sie für 2018?

Unsere Auftragsbücher sind voll. Wir stehen vor einem weiteren Erfolg versprechenden Jahr. Ich bin sehr optimistisch.