Konjunktur „2018 wird das bislang wachstumsstärkste Jahr“

Bert Rürup
Bert Rürupdpa

Capital: Erlebt Deutschland gerade ein zweites Wirtschaftswunder?

Rürup: Da ich keine vernünftige Definition für „Wirtschaftswunder“ kenne, sage ich „nein“. Zumal auch das erste deutsche Wirtschaftswunder in den 1950er und frühen 1960er Jahren bei näherem Hinsehen kein Wunder war. Denn die Produktionskapazitäten Westdeutschlands waren im Gegensatz zum Wohnraum in den Großstädten durch die Bombenangriffe der Alliierten nur sehr wenig zerstört worden, und die demolierten Straßen, Brücken und Wasserwege waren bereits 1948 wieder in Stand gesetzt worden. Zudem waren viele Unternehmen mit Sitz in den russisch besetzten Gebieten in den ersten Jahren nach dem Krieg nach Westdeutschland verlegt worden. Hinzu kommt, dass die Währungsreform die Besitzverhältnisse am Produktivkapital nicht veränderte, die 1948 eingeführte D-Mark lange Jahre gegenüber dem US-Dollar unterbewertet war und die Marshallplanhilfen ein riesiges keynesianisches Konjunkturprogramm für die junge Bundesrepublik waren. Nicht zuletzt wollten die USA wie die ersten Bundesregierungen dem realexistierenden Systemgegner zeigen, wozu dieses Land und ein sozial ausbalancierter Kapitalismus in der Lage sind.

Wenn schon kein Wunder, dann ist das kräftige Wachstum aber zumindest eine Überraschung?

Was ich bis vor kurzem wirklich nicht erwartet hätte, ist, dass sich der bereits im Frühsommer 2009 einsetzende Aufschwung derzeit noch einmal beschleunigt. Aber vielleicht noch überraschender ist, dass landauf und landab über Fachkräftemangel geklagt wird, die Löhne aber, auch in sogenannten Mangelberufen, nur moderat steigen und faktisch alle der Bundesagentur gemeldeten offenen Stellen immer noch innerhalb von etwa 100 Tagen besetzt werden können. Diese Befunde sowie das Rekordhoch an befristeten Arbeitsverträgen oder die Diskussion über ein Rückkehrrecht in eine Vollzeitbeschäftigung lassen sich kaum mit einem allgemeinen Fachkräftemangel vereinbaren.

Sehen Sie Zeichen von Überhitzung?

Wirklich außergewöhnlich an diesem Aufschwung ist, dass es trotz seiner Dauer und einer noch zunehmenden Dynamik bislang keine wirklich erkennbaren Zeichen einer Überhitzung gibt – auch wenn der Sachverständigenrat davor warnt. Glaubt man diesem Expertengremium, dann liegt die tatsächliche gesamtwirtschaftliche Produktion seit mehr als zwei Jahren über dem Produktionspotenzial, also dem geschätzten Bruttoinlandsprodukt bei einer Normalauslastung der Produktionskapazitäten. Der Befund, dass es unter diesen Voraussetzungen und der ultraexpansiven Geldpolitik nicht zu einem merklichen Anziehen der Preise kommt, ist schon überraschend. Womöglich sind aber die Schätzverfahren für das Produktionspotenzial falsch kalibriert.

Infografik: Deutschlands Wirtschaft wächst um 2,2 % | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Wieviel Kraft hat der Aufschwung noch?

Der Welthandel und die Weltkonjunktur haben sich in 2017 erholt. Davon profitiert die traditionell exportorientierte deutsche Wirtschaft. Daher war in 2017 neben dem privaten Verbrauch und den Bruttoanlageinvestitionen die Ausfuhr wieder ein Wachstumstreiber. Gleichzeitig sind die Kapazitäten in vielen deutschen Industrien gut ausgelastet, so dass jene Unternehmen, die vom Aufschwung im Ausland profitieren wollen, verstärkt in neue Kapazitäten investieren müssen. Die privaten Investitionen werden daher in 2018 kräftig anziehen. Hinzu kommt, dass eine neue Regierung spätestens in 2019 auch die staatlichen Investitionen hochfahren wird. Deshalb sprich alles dafür, dass der gesamtwirtschaftliche Zuwachs in 2018 bei gut 2,5 Prozent liegen wird und dieses Jahr – wenn man von den zwei Jahren des rasanten Aufholprozesses nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/9 absieht – das bislang wachstumsstärkste Jahr der deutschen Volkswirtschaft in diesem Jahrzehnt sein wird.

Welche Gefahren sehen Sie? 

Natürlich ist es immer möglich, dass die derzeit so erfreuliche Entwicklung von einem exogenen Schock wie zum Beispiel einem kriegerischen Konflikt oder einem dramatischen, von der Finanzindustrie ausgelösten Börsencrash beendet wird.