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Kolumne Neue Tonlage im VW-Konzern

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
© Copyright: Martin Kress
Der neue Vorstandschef Herbert Diess setzt sich Schritt für Schritt von der Unkultur in Wolfsburg ab. Doch die Wende stößt auf viele Widerstände. Bernd Ziesemer über die Herausforderungen für den Konzernlenker

Der neue VW-Chef Herbert Diess will die alte „Wagenburgmentalität“ in Wolfsburg beenden. Der Mann, der erst vor knapp vier Jahren von BMW zu VW wechselte, nimmt damit einen Kampfbegriff der ärgsten Konzernkritiker auf. Allein das ist schon ein Tabubruch. Bisher galt bei VW die eiserne Regel, selbst die übelsten Verfehlungen im Unternehmen sprachlich in Watte zu packen. So war in Wolfsburg bis vor kurzem immer nur von der „Dieselthematik“ die Rede, wenn es um die Betrugsaffäre mit ihren Milliardenkosten ging. Viele Spitzenmanager, allen voran Audi-Chef Rupert Stadler, sprechen diese Wolfsspeak noch immer. Aber Diess redet mehr und mehr Klartext – zuletzt zum Beispiel auf der globalen Management-Konferenz des Konzerns vergangene Woche.

Kein Zweifel: Diess will viel ändern im Konzern. Aber die große offene Frage ist: Kann er es auch? Die Widerstände gegen eine neue Unternehmenskultur bleiben groß. Diess verfügt als Außenseiter über keine eigene Hausmacht in Wolfsburg. Man könnte sogar von einer unbequemen Sandwich-Position des neuen Chefs sprechen: Über ihm sitzen die Porsches und Piëchs gemeinsam mit ihrem gefügigen Adlatus Hans Dieter Pötsch als nominellem Aufsichtsratsvorsitzenden. Unter und neben ihm amtieren Manager, die zum allergrößten Teil in der Ära des früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn in Amt und Würden gelangt sind. Viele von ihnen kennen nur eine Art, ihre Abteilungen zu verwalten: mit dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. Eine offene Unternehmenskultur ist ihnen sehr fremd. Und das Wort vom „Kulturwechsel“ haben sie schon oft im Konzern gehört, ohne dass sich etwas Entscheidendes geändert hätte. Und dann sind da noch die überaus mächtigen Betriebsratsfürsten, die sich selbst wie kleine Herrscher gebärden und bei allem und jedem ein Wörtchen in Wolfsburg mitreden. Auch sie machen dem Chef das Leben schwer.

Diess muss irgendwann die Konzernstrukturen aufbrechen

Diess selbst ist von seiner eigenen Persönlichkeitsstruktur her auch alles andere als ein überzeugter Teamplayer oder Transparenz-Fetischist. Der Hang zum Monolog, der bei Führungskräften des VW-Konzerns seit Jahrzehnten die interne Kommunikation bestimmt, ist ihm nicht fremd. Aber der neue VW-Chef ist klug genug zu begreifen, dass es so wie bisher im Konzern nicht weiter gehen kann. Und vielleicht noch wichtiger: Diess erweitert seine eigenen Spielräume im Konzern, in dem er sich Schritt für Schritt von seinen Vorgängern absetzt. Man sollte dieses machtpolitische Kalkül bei allem, was Diess jetzt sagt und macht, auf keinen Fall unterschätzen.

Diess muss dem Konzern neue Ziele setzen, wenn er selbst überleben will. Weg von der Stückzahl-Mentalität und Krieg-gegen-die-Konkurrenz-Rhetorik, weg vom PS-Wahn und den teuren Ausflügen in die Bugatti-Scheinwelt. VW ist im Kern immer noch ein Massenhersteller, der sich mean und lean aufstellen muss, um seine vielen Fabriken langfristig auszulasten. In Wahrheit sind die Synergien zwischen den Brot-und-Butter-Modellen der Marke Volkswagen und den Edelrennern der Marke Porsche gar nicht so groß, wie man der Außenwelt immer wieder vorgaukelt. Von Bugatti, Bentley oder den Ducati-Motorrädern ganz zu schweigen. Ferdinand Piëch, die prägende Figur des Konzerns seit dem Ende der 70er-Jahre, hatte all die Marken in einer Art von Sammelsucht zusammengerafft. Doch in Wahrheit passt im Konzern vieles nicht zusammen und lässt sich auch nicht von einem Vorstand vernünftig führen. Das ist die eigentliche große Herausforderung des Dr. Diess: Irgendwann die Strukturen des ganzen Konzerns wieder aufzubrechen und Teile abzuspalten.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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