Corona-Krise„Lockdown Light“-Verlängerung: Droht jetzt eine Rezession?

Die Verlängerung der Beschränkungen trifft die Gastronomiebetriebe besonders hart.imago images / Jochen Eckel

Seit dem 2. November befindet sich Deutschland im „Lockdown Light“: Gastronomiebetriebe sind wieder geschlossen, ebenso wie Freizeiteinrichtungen und Kulturbetriebe. Hotels dürfen nur noch für nicht-touristische Gäste öffnen und es gelten schärfere Kontaktbeschränkungen. Jetzt sollen die Beschränkungen verlängert werden und einige neue hinzukommen. Schon unter dem ersten Lockdown im Frühjahr litten zahlreiche Unternehmen.

Doch die Situation im „Lockdown Light“ ist eine andere: Die finanziellen Reserven vieler Unternehmen sind schon durch die vorherigen Monate der Pandemie geschrumpft. Gleichzeitig sind viele Einschnitte nicht so scharf wie im Frühjahr: Der Einzelhandel darf geöffnet bleiben und drastische Probleme in den internationalen Lieferketten wie im Frühjahr sind bislang ausgeblieben.

Zurück in die Rezession

Uneinig sind sich Deutschlands Ökonomen, ob die Wirtschaft in die Rezession zurückfällt. Davon spricht man, wenn das Bruttoinlandsprodukt in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen sinkt.

„Das, was jetzt beschlossen wurde, ist im Vergleich zum Frühjahr wirklich ein Lockdown Light“, sagt Claus Michelsen, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Im Vergleich zu Nachbarländern wie Österreich oder Frankreich, die ja doch sehr harte Einschnitte beschlossen haben, ist das für die deutsche Wirtschaft etwas, womit wir deutlich glimpflicher davonkommen.“ Trotzdem sei davon auszugehen, dass die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal schrumpfen werde und Deutschland in eine Rezession zurückfalle.

„Die Verlängerung des Teil-Lockdowns verzögert den Aufschwung und verlängert die Krise“, sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Das vierte Quartal 2020 werde im Vergleich zum dritten Quartal bestenfalls eine Stagnation des Bruttoinlandsproduktes bringen.

Michael Grömling, Leiter der Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), geht davon aus, dass die Wirtschaft im vierten Quartal „noch ganz gut über die Runden kommen“ werde. „Ich mache mir eher Sorgen um das erste Quartal des nächsten Jahres“, sagt er. Er gehe davon aus, dass es in den ersten Monaten des neuen Jahres noch viele politische und infektionsbedingte Einschränkungen geben werde.

Nicht mit dem Frühjahr vergleichbar

Die Ausweitung der Maßnahmen bis in den Dezember hinein erhöhe das Risiko, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal leicht zurückgehe, prognostiziert Torsten Schmidt, Leiter des Kompetenzbereichs Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Aber selbst dann sei die Situation nicht mit dem Frühjahr vergleichbar, sagt Schmidt. „Damals gingen große Teile der Weltwirtschaft gleichzeitig in den Lockdown, so dass nicht nur die Inlandsnachfrage, sondern gleichzeitig auch die Nachfrage aus dem Ausland einbrach“, sagt er. „Diesmal befinden sich große Teile der Weltwirtschaft – außerhalb Europas – weiterhin in der Erholungsphase.“

Darauf deute auch der aktuelle RWI/ISL-Containerumschlagindex hin, der sich auf einem Rekordniveau befinde. „Die Erholung des Welthandels dürfte die deutschen Exporte stützen“, sagt Schmidt. Er geht zudem davon aus, dass die Binnennachfrage nicht so stark zurückgehen wird wie im Frühjahr, da ja die meisten Geschäfte weiterhin geöffnet seien.

Grömling sieht noch einen Unterschied zum Lockdown im Frühjahr: „Was im Frühjahr positiv gewirkt hat, ist der Blick nach vorne“, sagt er. Man habe damals die Zuversicht gehabt, dass sich die Situation in den Sommermonaten entspanne. Jetzt habe man den gesamten Winter noch vor sich. „Das Positive ist sicherlich, dass die nahe Verfügbarkeit eines Impfstoffes die mittelfristige Tür etwas weiter öffnet als im Winter“, sagt Grömling. Im Frühjahr werde sich noch einmal eine „ganz neue zuversichtliche Perspektive ergeben“, so der IW-Ökonom.

Unterschiedliche Auswirkungen für unterschiedliche Branchen

Michelsen gibt zu bedenken, dass die Beschränkungen heterogene Effekte haben. So gebe es Bereiche, wie den Lebensmitteleinzelhandel, die praktisch gar nicht vom „Lockdown Light“ betroffen seien. Entsprechend härter treffe es personennahe Dienstleistungen.

Besonders hart dürften die Beschränkungen auch die ohnehin angeschlagene Gastronomie und Unterhaltungsbranche treffen. „Dort dürften die Umsätze kräftig eingebrochen sein“, sagt Michelsen. Gerade in der Gastronomie und im Unterhaltungsbereich seien der November und Dezember umsatzstarke Monate. „Diese Branchen trifft es hart, weil ihnen große Teile des Jahresgeschäftes wegbrechen“, sagt Michelsen. „Die Hälfte der Verluste, die entstehen, entfallen auf diese Bereiche.“

Industrie kommt besser durch den Lockdown

Auch RWI-Ökonom Schmidt geht davon aus, dass der Teil-Lockdown vor allem das Gastgewerbe, die Hotellerie und Reiseveranstalter treffen wird. „Für viele betroffene Betriebe dürfte die Lage nun existenzbedrohend werden, wenn die angekündigten staatlichen Hilfen nicht schnell ausgezahlt werden“, sagt Schmidt. Nach dem ersten Lockdown hatten sich viele Firmen und Selbstständige beklagt, dass die versprochenen Hilfen nicht oder zu spät ausgezahlt worden seien.

Auch Felbermayr sieht diese Branchen in einer kritischen Lage. Bei den sozialen Dienstleistungen, in der Veranstaltungsbranche, der Gastronomie und der Touristik drohe im November und Dezember ein weiterer massiver Einbruch, allerdings von einem bereits verminderten Niveau, prognostiziert Felbermayr. „Jede Woche, die ein Restaurant länger zumachen muss, verschärft die finanzielle Lage in den Unternehmen“, sagt Grömling. Das habe auch Auswirkungen auf Zulieferer. Welche Effekte es dort konkret gebe, sei noch schwer abzuschätzen.

Die Industrie komme dagegen sehr viel besser durch den zweiten Lockdown als durch den ersten im Frühjahr, sagt Felbermayr. Eine weitere gute Nachricht sei: „Nach dem Einbruch kommt dann im Frühjahr, nach ersten Erfolgen bei der Bekämpfung der Pandemie etwa durch Impfungen, ein stärkerer Rückprall als vor dem zweiten Lockdown erwartet wurde“.

Der Lockdown wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Man gehe davon aus, dass Neueinstellungen nun wieder ausbleiben werden und es auch zu einem leichten Abbau kommen wird, sagt Michelsen. Auch die Kurzarbeit dürfte wieder deutlich zunehmen: „Wir gehen davon aus, dass das wieder deutlich über drei Millionen Personen betreffen wird“, sagt Michelsen.

Hilfen der Regierung

Grömling differenziert zwischen den Auswirkungen des politischen Lockdowns und den natürlichen Auswirkungen der Infektionswelle. Viele, so sagt er, würden auch jetzt beispielsweise nicht in Restaurants gehen, selbst, wenn diese geöffnet wären.

Die Maßnahme der Regierung, drei Viertel des Umsatzes zu erstatten, hält DIW-Ökonom Michelsen für ausreichend, um das Überleben der Unternehmen zu sichern. Aber es sei nicht das, was die Unternehmen erwirtschaften würden und schlage kräftig auf die Gewinne und Verluste durch. „Die Unternehmen werden wahrscheinlich weiter ihre Eigenkapitalreserven aufzehren und man kann nur hoffen, dass die Schwierigkeiten nicht zu groß werden“, sagt er.

IfW fordert Überabreitung der Unternehmenshilfen

Manche Hilfen wie das Kurzarbeitergeld oder die Liquiditätshilfen durch die Förderbanken seien gut eingeführt, ihre Verlängerung sinnvoll und beschlossen, so Felbermayr. Er fordert jedoch eine Überarbeitung der Unternehmenshilfen, die statt Krediten Zuwendungen vorsehen. „Statt immer neuen Adhoc-Maßnahmen braucht es ein System, das auch für die nächste Welle oder Krise trägt“, sagt der IfW-Präsident. Die Hilfen sollten nicht am Umsatz festgemacht werden; das führe zu Fehlsteuerungen, erzeuge „ganz unterschiedliche Effekte in unterschiedlichen Branchen, und ist am Ende zu teuer“, so Felbermayr.

Daher schlägt das IfW vor, die Unternehmenshilfen an den Betriebsüberschüssen auszurichten und den Unternehmen entfallene Betriebsüberschüsse anteilig zu ersetzen. „Allerdings sollte auf Branchendurchschnitte abgestellt werden, so dass die einzelnen Unternehmen Anreize haben, alles zu tun, um Umsatzeinbrüche mit neuen Ideen zu kompensieren“, sagt er. Ein solches System reduziere das Risiko, dass es zu Zombieunternehmen komme, „denn wer im Vorjahr keine Betriebsüberschüsse erzielte, wird auch keine Kompensation erhalten“. Außerdem diskriminiere dieses System nicht zwischen Fremd- und Eigenkapital, wie das bei den Überbrückungshilfen der Fall sei.

 


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