PrognoseDer Corona-Einbruch fällt nicht so heftig aus wie ursprünglich erwartet

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, r) nimmt den Jahresbericht der fünf Wirtschaftsexperten Monika Schnitzer, Achim Truger, Lars Feld, Volker Wieland und Veronika Grimm entgegen. Die Übergabe des Jahresgutachtens 2020/21 durch den Sachverständigenrat zur Begutachtung der Wirtschaftsentwicklung fand online statt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, r) nimmt den Jahresbericht der fünf Wirtschaftsexperten Monika Schnitzer, Achim Truger, Lars Feld, Volker Wieland und Veronika Grimm entgegen. Die Übergabe des Jahresgutachtens 2020/21 durch den Sachverständigenrat zur Begutachtung der Wirtschaftsentwicklung fand online statt. dpa

Die Corona-Krise und auch der zweite Lockdown haben die deutsche Wirtschaft schwer getroffen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert für das laufende Jahr einen Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts um 5,1 Prozent. Diese Rechnung falle im Vergleich zu anderen Prognosen optimistisch aus, sagt Lars P. Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrates. Das liege daran, dass das dritte Quartal 2020, „das sehr dynamisch gewesen ist“, mit in die Prognose eingeflossen sei.

Im kommenden Jahr rechnen die Ökonomen mit einer langsamen Erholung und einem Wachstum von 3,7 Prozent. In die Rechnungen ist der erneute Teil-Lockdown im November bereits miteinbezogen. „Wir rechnen damit, dass im gesamten Winterhalbjahr gewisse spezifische Restriktionen gelten könnten, die die wirtschaftliche Aktivität einschränken“, sagt Feld. Diese Einschränkungen machen auf das Jahr gerechnet, so Feld, im laufenden wie auch im kommenden Jahr einen Abschlag von 0,2 Prozentpunkten aus. Mit Blick auf die Europapolitik plädiert der Sachverständigenrat für ein gemeinsames Vorgehen. Es sei wichtig, gemeinsam und möglichst gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Robuster Arbeitsmarkt

Mit Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt sich Feld optimistisch. Der wirtschaftliche Einbruch führe dort derzeit nur zu geringfügigen Veränderungen. Man erwarte, dass die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr auf 2,71 Millionen Personen und im nächsten Jahr auf 2,74 ansteige. Das entspreche Arbeitslosenquoten von 5,9 und 6,0 Prozent. Das seien „moderate Auswirkungen dieser sehr, sehr schweren Krise. Man kann im Wesentlichen sagen: Der Arbeitsmarkt ist robust“.

Die bisherigen konjunkturpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung schätze man „relativ wohlwollend“ ein, sagt Feld. Der Effekt des Konjunkturpaketes der Bundesregierung liege zwischen 0,7 und 1,3 Prozent für das Bruttoinlandsprodukt. Feld plädiert für eine Erweiterung des Verlustrücktrages – „sowohl in der zeitlichen Dimension als auch in der Höhe lässt sich hier noch Einiges machen“. Der steuerliche Verlustrücktrag sei ein sehr zielgerichtetes Instrument und für den öffentlichen Haushalt vergleichsweise günstig.

Mit Blick auf mögliche weitere konjunkturelle Impulse der Bundesregierung gibt Monika Schnitzer, Mitglied des Sachverständigenrats und Professorin für Komparative Wirtschaftsforschung, zu bedenken, dass noch nicht alle bisher aufgelegten Hilfsmaßnahmen ausgeschöpft seien. Das Problem sei auch, dass derzeit die Möglichkeit zum Konsumieren fehle. Man könne nicht ins Restaurant gehen, keine Urlaubsreisen machen. „An der Stelle hilft auch ein Konjunkturpaket nicht“.

Daher sei es wichtig, jetzt den Wirtschaftsbereichen zu helfen, die am meisten von dem derzeitigen „Lockdown light“ betroffen seien. Das passiere gerade, weitere Maßnahmen sehe der Rat nicht als dringlich an. Das Ökonomengremium spricht sich gegen eine Verlängerung der Mehrwertsteuersenkung aus, da der Effekt durch einen Vorzieheffekt zustande komme, so Feld.

Wunsch nach alten Verhaltensmustern

„Es ist völlig klar, dass eine Krise immer auch eine gewisse Strukturbereinigung in der Wirtschaft hervorruft“, sagt Feld mit Blick auf die Folgen der Corona-Krise für Unternehmen. Manche Unternehmen, die schon vor der Krise wirtschaftlich „gerade noch so durchkamen“, würden vom Markt verschwinden, prognostiziert er. Mit Blick auf die derzeit besonders betroffenen Branchen der Gastronomie und des Tourismus zeigt sich Feld aber optimistisch. „Die Leute freuen sich darauf, wieder rausgehen zu können, ins Restaurant gehen oder in den Urlaub fliegen zu können“, sagt Feld. Es gebe einen großen Wunsch, in altes Verhalten zurückzukehren. Es werde gewisse Veränderungen geben – „aber nicht so, dass ganze Branchen nicht mehr weitermachen können“.

Auch die Luftfahrt-Branche werde in absehbarer Zeit kleiner dimensioniert sein, prognostiziert Schnitzer. Und das Kaufverhalten habe sich zugunsten des Onlinehandels verschoben. „Zum Teil ist das ein Strukturwandel, der sich schon vor der Krise gezeigt hat, zum Teil wird er durch die Krise verschärft“, sagt die Ökonomin. „Diese Branchen werden sich ändern müssen, auch das Geschäftsmodell wird sich ändern müssen.“ Das sei aber nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Denn in der Krise gebe es auch einen Digitalisierungsboom und neue Geschäftsmodelle, die man ausbauen könne. „Jede Krise bringt Veränderungen mit sich. Manche Geschäftsmodelle werden jetzt zurückgefahren, manche ausgebaut.“

 


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