Kolumne Lieber Weltstars formen, als unglückliche Unternehmer fördern

Uwe Horstmann
Uwe Horstmann
Mit einer Gießkanne Firmenneugründungen zu fördern, ist keine gute Idee. Uwe Horstmann erklärt, warum sich die Politik um die besten Start-ups und Talente kümmern sollte

Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen. Damals wollten Kinder noch Astronaut oder Rockstar werden. Heute sind Elon Musk und Mark Zuckerberg die wahren Helden unserer Zeit, denen jeder nachzueifern hat. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass es kaum eine Führungskraft gibt, die noch nicht ins Valley gepilgert ist. Der hauseigene Co-Workingspace gehört unter Konzernchefs längst zum guten Ton. Jeder will Start-up sein. Nicht nur Markus Söder, wenn er von seiner Bavaria One Musk-gleich vom Mars auf die Erde herabschaut. Nur sollte das Prinzip „Digital first, Bedenken second” dabei nicht zum Selbstzweck verkommen.

Gerade Politiker jeder Couleur sonnen sich noch im Restlicht, dass der Glanz des agilen Wandels abzuwerfen verspricht und scheitern dann schon am Digitalpakt, der unsere Schulen doch nur vernünftig ans Internet anschließen sollte. Stattdessen beten sie nur das Ewigselbe daher: weniger Bürokratie oder gleich eine Bürokratiepause für Start-ups. Und am besten gleich auch noch das Insolvenzrecht lockern. (Denkpause!) Doch fürchte ich, diese Art von Politik bekämpft die völlig falschen Symptome.

Deutschland liegt im Weltbank-Ranking der Standorte, an denen es „einfach“ ist, ein Geschäft zu betreiben, auf einem der vorderen Plätze. Unser Land ist jedoch abgeschlagen, wenn es danach geht, wie leicht man ein neues Unternehmen gründen kann. Für die Politik ein Menetekel. Allein, es kann doch gar nicht darum gehen, noch mehr Jungunternehmen zu gründen, geschweige denn sie am Leben zu erhalten.

Die Spitze fördern

Seit zehn Jahren beobachte ich die Start-up-Industrie aus nächster Nähe. Hunderte Unternehmen schauen wir uns jedes Jahr von innen an. Deshalb wissen wir: Den wenigen sehr erfolgreichen Unternehmen, die die Start-up-Industrie zu dem gemacht haben, was sie heute ist, ist das nicht wegen der Politik gelungen – sondern trotz der Politik. Erfolgsgeschichten wie Zalando oder Getyourguide, aber auch die neue Generation von Technologiefirmen wie Celonis, Franka Emika oder Spryker sind die Ausnahmen, die den auf dem Papier aussichtslosen Kampf gewonnen haben: Nur ein Prozent aller Neugründungen schaffen es nachhaltig, dem Status eines Kleinstunternehmens zu entkommen. Nur 1,2 Prozent aller deutschen Start-ups erwirtschaften laut dem Deutschen Start-up-Monitor einen Umsatz von 50 Mio. Euro oder mehr, schaffen Arbeitsplätze im großen Stil oder agieren als Anker in kleinen Ökosystemen, um die herum sich kleinere Firmen bilden und ansiedeln – und vielleicht ein global-europäisches Digitalunternehmen von morgen.

Unternehmertum ist nichts für jeden, und ein Start-up nicht unbedingt ein Lifestyle, von dem alle träumen sollten. Mit einer mit Steuergeld gefüllten Gießkanne jedermann zu unglücklichen Unternehmern aufzuziehen, ist deshalb nicht die beste Idee. Dafür braucht es eine Förderung des Spitzen-, nicht des Breitensports. Etwa durch eine gezieltere Förderung von Naturwissenschaftlern und Mathematikern, über einen „Zukunftsfonds” und durch ein Einwanderungsgesetz, dass hochqualifizierten IT-Spezialisten unkompliziert eine neue Heimat ermöglicht. Aber der Reihe nach.

Echte Innovatoren erschaffen Trends

Gerade in einer Zeit, in der das politisch vergiftete Klima in den USA die Tech-Branche verunsichert, müsste die Regierungskoalition in Sachen Einwanderung den Visum-Prozess massiv vereinfachen und die Blue-Card ausweiten. So wie es die FDP mit ihrer „Chancenkarte“ vorschlägt – etwa nach kanadischem Vorbild: 2017 hat das Land 286.600 permanente Aufenthaltsgenehmigungen bewilligt, 65.401 davon an Hochqualifizierte. Kern ist dabei das „Express Entry“-Verfahren, das Interessenten aus aller Welt ermöglicht, sich online mit ein paar Klicks zu registrieren und ab diesem Zeitpunkt bei kanadischen Firmen zu bewerben. Bewertet wird nach Punkten. Die Kandidaten mit den meisten Punkten oder mit einem Jobangebot erhalten eine Einladung, um sich innerhalb von 60 Tagen für das permanente Aufenthaltsrecht zu bewerben. Von über 600.000 Interessenten schafften es dieses Jahr 70.000 in den Bewerberpool – fast 12.000 davon sind IT-Spezialisten.

Viele der heutigen Gründer und selbsternannten Disruptoren haben (wie ich) BWL studiert. Die meisten wollen keine Probleme lösen, sie träumen vom schnellen Geld. Sie lockt der Hype. Nur: Mit der Herde mitlaufen ist das Gegenteil von Disruption. Echte Innovatoren folgen keinen Trends. Sie erschaffen sie. Der Mythos Silicon Valley wurde von Nerds geformt, nicht von Number-Crunchern oder Powerpoint-Helden.

Was es dafür braucht? Exzellente Naturwissenschaftler und Mathematiker. Zwar bescheinigt die OECD in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr Deutschland in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sowohl die höchste Studienanfänger- als auch Absolventenquote. Auch der Übergang ins Berufsleben glücke besonders gut. Und doch geht es darum, die Besten der Besten schon früh zu erkennen und zu fördern. Ich würde mir deshalb mehr Programme wie „Plus Mint" wünschen, die genau das versuchen.

Leichterer Zugang zu Wachstumskapital

Und schließlich brauchen außergewöhnliche Start-ups einen leichteren Zugang zu Wachstumskapital – etwa über eine Art „Zukunftsfonds“, einen Fonds, der in die besten Venture-Capital-Fonds investieren könnte. Das Ausland ist uns auch hier seit Jahren voraus. Nordamerikanische Pensionskassen oder die US-Universitäten investieren seit Jahrzehnten erfolgreich in Venture-Fonds – die Elite-Uni Yale beispielsweise seit 1976 mit einer jährlichen Rendite von durchschnittlich mehr als 25 Prozent. Und in den vergangenen Jahren haben dazu indirekt auch Beteiligungen an europäischen Start-ups wie Contentful, Asana Rebel oder Blinkist beigetragen.

Mehr und mehr haben sich diese Investoren inzwischen auch an jenen Fonds beteiligt, die es schaffen, regelmäßig unter den Besten zu sein. Von den 3,2 Mrd. Euro, die VCs dieses Jahr in Deutschland investiert haben, kommt schon fast die Hälfte aus den USA.

Uwe Horstmann ist General Partner beim Berliner Operational VC Project A. Seine Schwerpunkte sind Digital Health, Industrie 4.0, Mobility und alles, was die Kraft hat, unsere Gesellschaft zu verändern. Hier schreibt er regelmäßig eine Kolumne für Capital.


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