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Kommentar Es zählt nur noch eine Zahl: 670.000

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach, RKI-Vize Schade und Gesundheitsminister Spahn gaben vor dem Impfgipfel in Berlin eine Pressekonferenz
SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach, RKI-Vize Schade und Gesundheitsminister Spahn gaben vor dem Impfgipfel in Berlin eine Pressekonferenz
© IMAGO / photothek
Wir erleben eine neue Form von Kontrollverlust, wir ersticken an Regeln und einer falsch verstanden Solidarität – wir müssen alle Kräfte nur auf ein Ziel und eine Zahl ausrichten

Am Ende mancher Arbeitswoche weiß man gar nicht mehr, wo man anfangen soll, dieses Deutschland in Aufruhr zu sortieren. Noch mal bei der Masken-Affäre? Oder den kostenlosen, aber völlig überteuerten FFP2-Masken, an denen sich Apotheken laut mancher Aussage „dumm und dämlich“ verdient haben? Oder einer weiteren Affäre um Nebeneinkünfte von Abgeordneten? Oder bei der AstraZeneca-Volte, diesem aufwühlenden Impfstopp-Intermezzo, das in einigen Monaten allerdings vergessen sein wird?

Oder bei den Schulen, die schließen wollen , und die nicht dürfen, etwa in Duisburg und Dortmund ? Bei Kommunen wie Pirmasens , die möglichst viel geöffnet halten wollen, aber von der Landesregierung zu Schließungen, einer „Corona-Notbremse“, gezwungen werden? Von der Hamburger Schulbehörde, die die Nutzung der vom Bund gelieferten Masken verbietet? Oder der Frage nach dem Mallorca-Urlaub, mit der sich einige Spitzenpolitiker tatsächlich beschäftigen?

Seit Ausbruch dieser Pandemie waren News, Ticker, Zahlen und Meldungen schon immer atemlos. Nun aber spüren wir eine kollektive Schnappatmung und Hechelei, als müsste die ganze Gesellschaft an ein Beatmungsgerät – wobei wir noch rätseln, was uns eigentlich verloren gegangen ist: der Konsens, die Konsequenz oder beides? Die Vernunft, der klare Blick, der Pragmatismus oder unsere Fähigkeit zu organisieren? Oder ist alles gar nicht soooo schlimm – nur wir sind es, die einfach gereizter, erschöpfter und dünnhäutiger sind?

Was meint Lauterbach?

Was wir überall spüren, ist ein Vakuum, ein Loch, es fehlt Klarheit in der Führung, man hört zu lautes Stimmengewirr, das Verantwortung nur noch schrill simuliert. Manche Stimmen schreien nach Öffnung, andere nach Lockdown, einige nach mehr, andere nach weniger – aber alle nach Rettung. Am Ende solcher Wochen scheint die einzige Konstante mit kühlem Kopf noch Karl Lauterbach. Der sich zwischen Lockdown light und hartem Lockdown irgendwann geklont haben muss, so präsent ist er. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal sagen würde: Ich google jetzt mal, was Karl Lauterbach dazu sagt. Und ich würde mich nicht wundern, wenn er bald in die Zukunft reist und die Deutung übernimmt, was erst in einigen Stunden über den Corona-Ticker laufen wird.

Wir erleben eine neue Form des Kontrollverlusts, es ist etwas ins Rutschen gekommen, ins Kippen. Da hat sich auch etwas aufgelöst: Denn wenn in früheren Krisen „die da oben“ in Berlin versagt oder etwas verpennt haben, so konnte man sich noch auf einen Ministerpräsidenten verlassen. Und wenn auch der Unsinn machte oder sagte, dann war irgendwo ein Landrat oder eine Bürgermeisterin zur Stelle.

Ostern scheint nun also gelaufen. War’s das auch schon mit dem Sommer? Ist die dritte Welle, von Markus Söder vorsorglich zur möglichen „Dauerwelle“ ausgerufen, unaufhaltsam, die kurze Zeit des Erwachens vorbei? (Wobei man das, was jetzt wohl als kürzeste Öffnung in die kurze, heftige Geschichte der Pandemie eingehen wird, ja nicht wirklich als Öffnung empfunden hat.)

Der Kontrollverlust ist real und aufgebauscht zugleich. Dieses Land hat, gerade in Krisen, erstaunliche Kräfte der Mobilisierung gezeigt, und ich bin überzeugt, dass sie noch immer irgendwo schlummern, ja nie verschwunden waren. Sie werden bloß blockiert oder gehemmt oder sind frustriert oder verschreckt. Als habe ein Virus auch das infiziert, was uns ausmacht. Klar, die Lust am Untergang und Selbstzweifel gehören seit jeher dazu, aber eben auch: das Anpacken, das Problemlösen.

Wir müssen das Impftempo erhöhen

Ich habe diese Kräfte für Problemlösungen immer wieder gespürt und entdeckt, in vielen Gesprächen und Interviews, mit den Machern der „Luca-App“ , mit Bürgermeistern, mit Unternehmerinnen und Unternehmern, seien sie in Biotech-Firmen oder im Einzelhandel. Auch bei Politikern, die eines demonstrieren: Anpassungsfähigkeit und Verantwortung. Unser Defätismus sollte also nicht als Brandbeschleuniger wirken, bei allem Frust. Die Nachricht von Deutschlands Untergang ist übertrieben, im internationalen Vergleich sind wir zwar nicht mehr Champions League, aber noch nicht abgestiegen .

Wir sollten zunächst auf die Zahlen schauen, wie viele Impfdosen bis Sommer da sind, und dann eine Frage stellen: Was müssen wir tun, damit all diese Dosen bis Ende Juni, also im zweiten Quartal, ihren Weg in einen Oberarm finden? Und alle anderen Fragen haben sich dieser einen großen Frage unterzuordnen. Und wenn wir neben Hausärzten und Betriebsärzten (allein 12.000 Betriebsärzte könnten fünf Millionen Menschen pro Monat impfen), auch noch Apotheker, Tierärzte und das THW, das Rote Kreuz, die Freiwillige Feuerwehr und die Bundeswehr brauchen – dann sollten wir keine Sekunde zögern. Warum wollen Politiker über so vieles erst Mitte oder Ende April entscheiden? Worauf warten sie? Warum streiten sie in Ministerpräsidentenrunden lieber über Inzidenzwerte und Schulschließungen?

Wir verimpfen derzeit rund 200.000 Dosen pro Tag . Ab April müssten wir bis Ende Juni auf 670.000 Dosen pro Tag kommen, um das Land weitgehend durchzuimpfen. Die geplanten Lieferungen von insgesamt gut 82 Millionen Impfdosen im ersten Halbjahr (allein im zweiten Quartal sollen 40 Millionen von Biontech/Pfizer und 23 Millionen von Moderna und AstraZeneca eintreffen) würden wohl für alle Impfwilligen weitgehend ausreichen. Es wird ab April also nicht mehr um zu wenig Impfstoff gehen, sondern um die Kapazität, diesen auch komplett zu verimpfen. ( Eine gute Studie dazu, die das Ziel für „noch erreichbar“ hält, finden Sie hier .)

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Unser Land hat demnach nur noch eine nationale KPI: 670.000 Impfungen pro Tag. Es ist die wichtigste Zahl, die einzige, die eine Lösung und nicht nur Linderung bringt. Das politische Krisenmanagement muss sich, auch in seiner Kommunikation, auf dem Impfgipfel heute in Berlin allein auf diese eine Zahl einschwören und konzentrieren (und nicht nur auf Hausärzte und etwas Sputnik aus Russland).

Es ist also Zeit für eine Welle des Pragmatismus, denn wir ersticken gerade an unserer Bürokratie, an unserer Regelwut, wir ersticken an einer falsch verstandenen Solidarität, deren protestantisches Ethikkorsett nach drei Monaten zu einer Selbstblockade und uns an den Rand des Scheiterns geführt hat. Und das müssen wir ändern, es gilt, keine Zeit zu verlieren.

670.000 pro Tag. Es geht nur um diese Zahl.

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