Machine LearningKünstliche Intelligenz - aller Anfang ist schwer

Dieses Foto wählte kein Mensch aus. Für die Bebilderung unserer Titelgeschichte hat hat nicht unsere Fotoredaktion, sondern eine Software die Motive ausgewählt. Dafür wurde ein Algorithmus des Berliner Start-ups EyeEm mit 100 Bildern aus dem Capital-Archiv gefüttert, um die Ästhetik und Bildsprache des Magazins zu lernen. Dieses Bild suchte das Programm zum Thema „künstliche Intelligenz“ aus
Dieses Foto wählte kein Mensch aus. Für die Bebilderung unserer Titelgeschichte hat eine Software die Motive ausgewählt. Dafür wurde ein Algorithmus des Berliner Start-ups EyeEm mit 100 Bildern aus dem Capital-Archiv gefüttert, um die Ästhetik und Bildsprache des Magazins zu lernen. Dieses Bild suchte das Programm zum Thema „künstliche Intelligenz“ ausEyeEm

Der Zeitpunkt, an dem das Thema künstliche Intelligenz (KI) für die breite Öffentlichkeit in Deutschland ankam, war wohl der Sommer 2016. Damals schossen die deutschen Suchanfragen zu dem Stichwort bei Google in die Höhe – und seitdem steigen sie. Was war passiert?

2016 war das Jahr, in dem der Supercomputer Alpha Go den Weltmeister Lee Sedol in dem asiatischen Brettspiel Go besiegte. Im gleichen Jahr malte ein Softwareprogramm ein Rembrandt-Gemälde, ein neues freilich, täuschend echt im Stil des holländischen Meisters. Ebenfalls 2016 wurden auf dem Filmfestival Sci-Fi-London der Film „Sunspring“ gezeigt. Aufsehen erregte er aber nicht nur, weil der Held des Filmes Augäpfel spuckte. Das Drehbuch hatte Benjamin verfasst. Eine KI-Software.

Das Jahr war wie ein Weckruf : Künstliche Intelligenz ist real. In der vergangenen Ausgabe hat Capital den Trend für Deutschland als Ganzes betrachtet. Das Land, so das Ergebnis, ist führend in der Forschung, hat auch viele Start-ups – aber wenige denken groß, ihnen fehlt Kapital und oftmals der Marktzugang. Wie aber ist es um die deutschen Unternehmen bestellt, die ohnehin seit Jahren mit Industrie 4.0 und dem Aufbau vernetzter Wertschöpfungsketten alle Hände voll zu tun haben?

Tatsächlich haben sich auch im Land der Schrauber und Tüftler viele Unternehmen aufgemacht, die immensen Möglichkeiten zu erkunden und zu nutzen, die in lernenden Maschinen und intelligenter Software liegen. Sie tun das in der Regel nicht mit dem Pomp und PR-Geschick, die US-Firmen an den Tag legen – und nicht mit solch einer Verve und dem Kapitaleinsatz. Aber sie tun es.

Vornweg die Autohersteller, die mit dem selbstfahrenden Auto das konkreteste Produkt – und nicht nur eine Vision auf dem Tisch haben. Aber auch Unternehmen wie Bosch schlafen nicht, der Industriekonzern investiert allein 300 Mio. Euro in den kommenden fünf Jahren, darunter in ein Forschungszentrum in Renningen, das Bosch Center for Artificial Intelligence, kurz BCAI. „Künstliche Intelligenz wird eine Kernkompetenz von Bosch“, hat Bosch-Chef Volkmar Denner als Marschroute ausgegeben. „Wir wollen Maschinen bauen, die lernen und intelligent handeln können.“ Zahlreiche deutsche Maschinenbauer beschäftigen sich mit Machine Learning. Der Branchenverband VDMA wittert bereits ein „zweistelliges Wachstumspotenzial“.

Auch andere Branchen suchen nach Anwendungen oder setzen KI ein, Versandhändler wie Otto oder Zalando etwa lassen Produkttexte längst nicht mehr von Menschen schrei­ben – sondern von Software, die aus Daten Texte verfasst, die sogenannte Natural Language Genera­tion. Fondsgesellschaften und Banken setzen Computer für Standardtexte in Broschüren und auf Webseiten ein, Verlage für die Sport­bericht­erstattung und Wetterberichte.

1000 Mrd. Euro mehr bis 2035?

„Die deutsche Wirtschaft ist aufgewacht“, beobachtet auch Emilio Mat­thaei, Mitgründer des Start-ups Leverton, das Unternehmen wie Union Investment, die Deutsche Bank, Strabag oder Blackstone zu seinen Kunden zählt. „Seit gut einem Jahr hat die Dynamik stark zugenommen.“ Leverton wurde 2012 gegründet, hat rund 100 Mitarbeiter in Berlin, London und New York und bietet eine cloudbasierte Software an, die Verträge lesen und analysieren kann. Informationen aus Tausenden Seiten, für die Menschen Wochen zum Lesen bräuchten, kann Leverton auf Knopfdruck extrahieren. Matthaei sieht viele Konzerne allerdings noch am Anfang: „Sie wissen, dass etwas Neues kommt – aber nicht alle können es schon einordnen und umsetzen. Dabei müsste das Tempo durchaus höher sein.“

Immerhin winken, wie bei jedem Megatrend, große Wachstumsgewinne: Eine McKinsey-Studie prognostiziert allein für die deutsche Wirtschaft 10 Mrd. Euro (0,25 Prozentpunkte des BIP) zusätzliches Wachstum – pro Jahr bis 2030 –, wenn sie schnell und konsequent auf selbstlernende Systeme setzt. Eine Prognose der Berater von Accenture kommt zu viel atemloseren Zahlen: Sie erwarten durch den Einsatz von KI eine zusätzliche Wertschöpfung von über 1 000 Mrd. Euro bis 2035, statt 1,4 Prozent pro Jahr könne die deutsche Wirtschaft gut doppelt so schnell wachsen. Die Produktivität würde um knapp ein Drittel steigen.