GastbeitragKollektive Stadionverbote sind unverhältnismäßig

Mitte Februar protestieren Anhänger in Mönchengladbach mit einem Anti-Hopp-Plakat gegen sogenannte Kollektivstrafen. Einen Spieltag später eskaliert der Konflikt DPA

Dr. Jörg Wulfken ist Partner bei PwC in Frankfurt. Die in diesem Beitrag vertretenen Ansichten sind ausschließlich persönlich und stellen nicht die Ansicht von PwC dar.
Dr. Jörg Wulfken ist Partner bei PwC in Frankfurt. Die in diesem Beitrag vertretenen Ansichten sind ausschließlich persönlich und stellen nicht die Ansicht von PwC dar.

Die vergangenen Spieltage der Bundesliga zeigen immer wieder ähnliche Bilder: Stadionbesucher an zahlreichen Bundesligastandorten entrollen Transparente mit Texten oder Bildern, die gegen Personen, die DFL oder den DFB gerichtet sind. Im Mittelpunkt der verbalen Angriffe: Dietmar Hopp, Mäzen der TSG Hoffenheim. Seit der Ankündigung von Kollektivstrafen gegen Zuschauergruppen, insbesondere der angekündigten Sperrung der Gästeblocks für Anhänger von Borussia Dortmund bei Auswärtsspielen in Hoffenheim, eskalieren die Auseinandersetzungen. Zahlreiche Besucher in anderen Stadien solidarisieren sich und ergreifen ähnliche Aktionen.

Seitdem schlagen die Diskussionen über den richtigen Umgang mit diesen Angriffen hohe Wellen. Es droht der Ausschluss ganzer Zuschauergruppen aus den Stadien. Was ist der richtige Umgang mit diesen Konflikten? Aus meiner Sicht ist klar: Kollektive Stadionverbote für Zuschauer sind unverhältnismäßig und verfehlen ihr Ziel, eine Eskalation zwischen Zuschauern und Repräsentanten der Bundesliga zu verhindern. Die Beurteilung, ob in diesen Fällen strafrechtlich relevante Tatbestände wie Beleidigungen oder Bedrohungen vorliegen oder ob die Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, haben im Einzelfall diejenigen zu treffen, die hierfür zuständig sind. Das ist die Justiz, also Staatsanwaltschaften und Gerichte. Eine Selbstjustiz des Fußballs darf es nicht geben.

Zunächst ist festzustellen, dass Transparente gegen Dietmar Hopp nicht die erste und einzige Form grober Äußerungen in Fußballstadien darstellen. Seit Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten, stellt der regelmäßige Stadionbesucher vielfältige Formen von Beschimpfungen, Beleidigungen und Attacken gegen gegnerische Mannschaften, Schiedsrichter, andere Stadionbesucher oder Spieler fest. Häufig werden Spieler rassistischen Übergriffen oder sexuell diskriminierenden Beleidigungen ausgesetzt.

Selten reagieren die Verantwortlichen der Clubs, von DFL oder DFB allerdings so massiv wie bei den Angriffen gegen Dietmar Hopp, einem der großen finanziellen Förderer eines Bundesligaclubs. Erst im Zusammenhang mit diesen Angriffen werden Spielabbrüche unter Anwendung des Drei-Stufen-Plans der FIFA und kollektive Stadionverbote, also der Ausschluss von ganzen Zuschauergruppen von bestimmten Spielen, ernsthaft diskutiert. Allerdings wirken die nach dem 24. Bundesligaspieltag geäußerten Reaktionen vor dem Hintergrund der jahrelang geübten Toleranz und des gezielten Wegschauens und Kleinredens von Beschimpfungen und Beleidigungen sowie anderer Formen von Attacken übertrieben und einseitig.

Funktionäre messen mit zweierlei Maß

Es drängt sich der Eindruck auf, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Toleranz gegenüber Beleidigungen und Beschimpfungen von „Normalsterblichen“, das heißt auswechselbaren Protagonisten wie Schiedsrichtern und Spielern einerseits – Härte gegenüber Attacken gegen einen der wichtigen Geldgeber des Fußballs beziehungsweise eines Clubs andererseits.

Während bei Attacken gegen Schiedsrichter allenfalls mal ein Regenschirm gegen fliegende Utensilien wie Bierbecher aufgespannt wird, drohen jetzt Spielabbrüche und kollektive Zuschauerausschlüsse aus den Stadien. Bei rassistischen Beleidigungen gegen Spieler hatte man vielfach den Eindruck, dass betroffene Spieler allein gelassen wurden. Funktionäre wollen häufig nichts gehört oder gesehen haben. Hier ist ein Ungleichgewicht der Reaktionen des „offiziellen“ Fußballs festzustellen.

Gemäß § 2 der DFB-Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesligaspielen sind die Clubs für die Sicherheit von Bundesligaspielen verantwortlich. Augenscheinlich gelingt es den Vereinen häufig nicht, die jeweiligen Stadionordnungen durchzusetzen. Dies bezeugen die in Stadien entgegen ausdrücklicher Verbote regelmäßig verbrachten Transparente und Feuerwerkskörper. Werden gegen die Stadionordnung verstoßende Verhaltensweisen festgestellt, ist der Ordnungsdienst angehalten, die Stadionordnung durchzusetzen. Bei Verstößen gegen Stadionordnungen sehen die Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten auch die Verhängung örtlicher oder, in schweren Fällen, überörtlicher Stadionverbote vor.

Stadionverbote richten sich aber ausdrücklich „gegen eine natürliche Person“ (§ 1(1), § 4(1) der Richtlinien). Kollektivstrafen gegen Zuschauergruppen sind nicht vorgesehen. Aber selbst wenn sie vorgesehen wären, erscheinen sie unverhältnismäßig. Ein Stadionverbot stellt, wie der Bundesgerichtshof festgestellt hat, einen Eingriff in die Grundrechte der Personen dar, gegen die ein Stadionverbot verhängt wird. Stadionverbote dürfen daher nicht willkürlich verhängt werden.

Ganze Zuschauergruppen pauschal mit einem Stadionverbot zu belegen, ist allerdings insofern willkürlich, als dass die im Einzelfall notwendige Prüfung, ob von einer Person eine sicherheitsrelevante Störung zu erwarten ist, nicht erfolgt. Nur im Falle einer solchen Prüfung mit positivem Ergebnis ist eine Grundrechtseinschränkung zu rechtfertigen. Die pauschale Verhängung von vielleicht mehrjährigen Stadionverboten gegen hunderte, unter Umständen sogar tausende von Zuschauern ist jedenfalls willkürlich und daher unverhältnismäßig. Das gilt insbesondere deshalb, weil den Clubs, die normalerweise das im Stadion geltende Hausrecht ausüben, zahlreiche andere Maßnahmen bis hin zum Spielabbruch zur Verfügung stehen, um die Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten.