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King of Stonks „Es ist nicht einfach die Wirecard-Geschichte“

Die beiden Hauptdarsteller von „King of Stonks“ Michael Schubert (l.) und Matthias Brandt in einer Fahrstuhlszene
Die beiden Hauptdarsteller von „King of Stonks“ Michael Schubert (l.) und Matthias Brandt in einer Fahrstuhlszene
© picture alliance / empics
Jan Bonny ist Regisseur der Netflix-Serie „King of Stonks“, Thomas Schubert einer der Hauptdarsteller. Im Interview erklären sie, warum sie die Wirecard-Geschichte nicht einfach nacherzählt haben und die Zuschauer sich mit  Hybris à la Elon Musk identifizieren können

Herr Bonny, ihre neue Netflix-Serie King of Stonks, beziehungsweise die darin vorgestellte Firma „Cable Cash“, hat Elemente von Wirecard aber auch von Wolf of Wall Street, Bad Banks und Don’t Look Up. Man verliert schnell den Überblick. Daher: Was waren Ihre Vorbilder?

JAN BONNY: Die kommen wie immer aus der Realität, das ist ja bei der schönsten Liebesgeschichte nicht anders. Aber hier, klar: Wirecard und die Konstellation der beiden Hauptprotagonisten und das verschwundene Geld. Aber eigentlich ist es ein Amalgam von Männern, die wir alle schon lange in solchen Positionen beobachten. Und denen wollten wir uns vor allem satirisch annähern, um ihnen nicht noch ein Denkmal mehr zu bauen. Mir geht einfach auf den Keks, da leihe ich mir eine Beobachtung von unserem Hauptdarsteller Matthias Brandt, dass wir seit 20 Jahren eine Sendung haben, die „Börse vor Acht“ heißt. Dass sich jeder Bundesbürger mit 1900 Euro Einkommen noch einmal anschauen soll, wo der Dax steht – und dass das in etwa so elementar ist wie das Wetter des nächsten Tages. Das ist ja Quatsch. Bitterer Quatsch. Und dem kann man sich nur satirisch annähern. Dafür gibt es angelsächsische Vorbilder wie Adam McKay oder im deutschen „Kir Royal“ von Helmut Dietl. Das steckt ja beides im Titel. Der „King“, der ja eine Hochstaplerfigur mit Wall-Street-Ambitionen anklingen lässt. Und die „Stonks“, die sich auf Reddit, Gamestop und eine neue Popkultur beziehen, aber eben auch auf Schtonk und Dietl.

Wirecard hatte seinen Sitz bei München, Fintechs sitzen hauptsächlich in Berlin und die klassischen Banken in Frankfurt. Warum spielt „King of Stonks“ in Düsseldorf?

Bonny: Weil wir in eine Welt gehen wollten, die man noch ein bisschen entdecken kann. Wo unsere Figuren noch nicht so mit Bildern, die man kennt, versammelt sind. Wenn man in Frankfurt dreht, hat man immer ein Hochhaus im Bild und irgendwo reflektiert sich ein anderes Hochhaus in der Scheibe. Und hinter der Scheibe steht ein einsamer mächtiger Mann und schaut in die Ferne. Genau das wollten wir nicht. Berlin ist irgendwie langweilig geworden mit einem eigenen Meta-Berlin in den Filmen, die dort gedreht werden. Und München ist natürlich immer ein Spaß, aber zu nah an Wirecard. In Düsseldorf konnten wir unsere Figuren neu entdecken. Der Katholizismus rheinischer Prägung ist einfach auch ein herrlicher Nährboden, ein Sud aus Beten und Saufen, in dem sich alles irgendwie unter den Teppich kehren lässt. Unsere Hauptfigur Magnus trägt auch nicht ohne Grund gern das Gewand des Düsseldorfer Karnevalsprinzen.

Was zeichnen die beiden Hauptprotagonisten Magnus A. Cramer und Felix Armand aus?

THOMAS SCHUBERT: Ich glaube, es ist die Dynamik, die wir heute sehr oft sehen. Wir haben einen Narzissten, der macht was er will, und der junge, unsichere Männer um sich schart. Magnus ist einfach größenwahnsinnig und hat den Bezug zur Realität verloren. Gerade in der heutigen Zeit steht so jemand aber stark dar und bekommt Aufmerksamkeit. Menschen wie Felix, die nicht so ein starkes Selbstvertrauen haben, stehen immer im Orbit von solchen Leuten. Felix ist ziemlich ungeliebt aufgewachsen und auf der Suche nach Anerkennung. Die holt er sich in dieser Bubble über Kohle und die Position in einer geilen Firma.

Bonny: Thomas und auch Matthias Brandt als Magnus Cramer sind beide sehr starke und autonome Schauspieler. Beide können in eine Szene reingehen und sich darin bewegen, nach neuen Wegen aus ihr heraus und durch die Erzählung suchen. Die Serie verlangt genau diese hohe Spielintelligenz, weil sie den Teil „Turbo“ von Turbokapitalismus beinhaltet – das heißt als Zuschauer verliert man auch mal den Überblick, wie Felix übrigens selbst auch, und er sucht dann nach dem nächsten Weg raus. Man ist mit Felix auf einem sinkenden Schiff unterwegs. Felix versucht irgendwie das hereinströmende Wasser mit einem Finger aufzuhalten, merkt aber, dass es dann für die andere Seite nicht reicht. Also rennt er zur anderen Seite. Und Magnus ist sich auch nicht so ganz sicher, was Cable Cash eigentlich genau macht.

Schubert: Und trotzdem ist Magnus am Steuer...

Bonny: Ja, und das verlangt von den Schauspielern eben diese Freude am Moment. Mehr jedenfalls, als wenn sie irgendwelche Denkmäler spielen, wo ich als Regisseur sage: „Thomas, jetzt gehst du da vorne zum Fenster, und schaust so ernst in die Zukunft, wie du nur kannst.“ Wie gesagt, dann hätten wir eher in Frankfurt gedreht.

Schubert: Die Freude hatten wir wirklich. Es ist einfach toll mit Matthias zu spielen, weil er dir einen Widerstand gibt. Die Dynamik war daher auch ein bisschen wie „an unmovable object meets an unstoppable force“. Magnus, der sich keinen Zentimeter verrücken lässt und Felix, der nicht aufhört, es zu versuchen. Das hat sich beim Casting schon abgezeichnet.

Wirecard war ein unheimlich komplexer Betrug, Wirtschaft ist auch nicht immer einfach. Wie haben sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Schubert: Tatsächlich konnte ich mich ins gemachte Nest setzen: Die Konstellation war da, die Regie war da, die Bücher auch. Das wichtigste war, diese Offenheit im Kopf mit reinzubringen, um die Freiheit beim Spiel zu ermöglichen.

Inwiefern war es denn der Anspruch, die reale Finanzwelt abzubilden und auf Fehler hinzuweisen?

Bonny: Man kann die Serie auf der ersten Ebene gucken. Da ist es der emotionale Wettstreit der beiden Männerfiguren, die gleichzeitig gegen die verschiedenen Bedrohungen zusammenhalten müssen, die das Leben als Ganove so mit sich bringt. Insbesondere gegen die Shortsellerin Sheila. Wir haben die Ebene darunter aber sehr ernst genommen. Man kann aber keine Serie machen, in der man die Finanzwelt erklärt. Dafür gibts Dokumentarfilme. Oder vielleicht kann man das auch lernen, wenn man ganz viel „Börse vor Acht“ guckt. Man muss einen emotionalen, archetypischen Zugang finden. Damit taucht man dann ein in diese Welt. Und wenn man dann in dieser Welt ist, müssen die Abläufe und Vorgänge stimmen. Das haben wir versucht, ernst zu nehmen. Auch die Frage, welche Kaskadeneffekte entstehen, Aktion und Reaktion, wie Ereignisse kommuniziert werden. Die dann zum Beispiel medial gespiegelt werden, die verfremdet werden und dann als falsche Geschichten zurückkommen. Wie reagieren Börsenkurse dann auf solche Ereignisse? Wie reagieren Menschen auf steigende und fallende Aktienkurse? Wie erkennen wir uns als Zuschauer darin wieder? Zur Wahrheit gehört ja auch, dass wir uns als Zuschauer auch mit Magnus identifizieren, mit seiner Hybris. Er ist zwar offensichtlich ein Arschloch, aber man verdient Geld mit ihm. Das ist ein Stück weit wie mit Elon Musk, von dem auch immer gesagt wird, er sei so unglaublich visionär. Aber am Ende baut er einfach ein paar Elektroautos und die Anleger – Leute wie wir – wollen Geld mit ihm verdienen. Diese Fragen der Identifikation, der Ambivalenz der Figuren, die Hybris der Figuren, wollten wir mit abbilden.

Schubert: Die Wirecard-Geschichte nachzuerzählen, wäre auch schade gewesen um die künstlerische Freiheit. Außerdem: Was wissen wir denn schon alles, und was wird nicht noch alles ans Licht kommen…

Bonny: Absolut, und wir bleiben ja auch nicht bei Wirecard stehen. Das wäre gefährlich. Andererseits waren auch einige Sachen wirklich witzig. Da gab es Dinge, von denen wir dachten, wir hätten sie höchstpersönlich erfunden. Es gab aber erstaunliche Parallelen zwischen unserer blühenden Fantasie und der Wirklichkeit.

Zum Beispiel?

Regisseur Jan Bonny
Regisseur Jan Bonny
© picture alliance/KEYSTONE | ALEXANDRA WEY

Bonny: Ach, die Mafia zum Beispiel oder die besondere Rolle des österreichischen Geheimdienstes. Wir dachten, wir denken uns da was völlig Abwegiges aus, aber mussten immer wieder feststellen, dass wir der Realität auch nur hinterhergelaufen sind. Die Autoren rund um Philipp Käßbohrer kamen da gar nicht hinterher. Aber im Ernst: Es ist nicht einfach die Wirecard-Geschichte. Das wäre auch zu klein, warum sollte ich mir das angucken?

Schubert: Man würde damit noch einen weiteren Mythos schaffen. Das kann ja nicht Sinn der Sache sein.

Am Ende wirkt die Finanzszene chaotisch, Wirtschaftsprüfer sind alle korrupt und Journalisten unprofessionell. Gibt es überhaupt Gewinner?

Schubert: Ja, ich denke schon. Magnus und ich haben am Ende gewonnen (lacht).

Bonny: Grundsätzlich ist das ja vor allem eine Story über zwei Männer und eine Firma, die es darauf angelegt hat, alle zu bescheißen. Das ist keine Geschichte über alle Wirtschaftsprüfer oder die gesamte Finanzszene. Da gibts bestimmt auch ein paar positive Ausnahmen. (lacht)

Das Ende wurde wahrscheinlich bewusst offen gestaltet. Die entscheidende Frage: Geht’s weiter?

Bonny: Das wissen wir noch nicht. Klar ist: Magnus und Felix sind irgendwo da draußen und treiben ihr Unwesen, während wir hier gerade sprechen. Da gibt es also sicher noch etwas zu erzählen (lacht).

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