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Neue Serie „King of Stonks“: Die Wirecard-Story als bitterböse Netflix-Satire

Felix Armand (Thomas Schubert), COO der Firma Cable Cash. Die sechsteilige Serie „King of Stonks“ erscheint am 6. Juli auf Netflix
Felix Armand (Thomas Schubert), COO der Firma Cable Cash. Die sechsteilige Serie „King of Stonks“ erscheint am 6. Juli auf Netflix
© Netflix/Niren Mahajan
Die Macher von „How to Sell Drugs online (fast)“ legen mit der Wirtschaftsparodie „King of Stonks“ nach. Dieses Mal wird die Finanzwelt schonungslos zerlegt – und das ist echt lustig

„King of Stonks“ beginnt mit einer Lüge. Die Serie handle „vom größten Finanzskandal der deutschen Geschichte“, heißt es, „Ähnlichkeiten mit anderen Betrugsfällen“ seien  jedoch „rein zufällig“. Kurz darauf wird Cable Cash vorgestellt, die Firma, um die es in der Serie geht: ein aufstrebendes deutsches Fintech, das eigentlich keinen Wert besitzt, seine Umsätze in Asien aufbläht und von Shortsellern gejagt wird. Erinnert irgendwie alles an ein Unternehmen, das einst unter dem Namen Wirecard gegründet wurde und 20 Jahre später spektakulär implodierte... Der Ton für die neueste Netflix-Produktion ist jedenfalls schon früh gesetzt. 

Regisseur Jan Bonny hat mit „King of Stonks“ eine meisterhafte Satire geschaffen, die irgendwo zwischen „Wolf of Wall Street“, „Bad Banks“, „The Big Short“ und „Don’t Look Up“ zu verorten ist. Es ist eine Serie über Gier in Zeiten von Social Media, eine bitterböse Geschichte, immer drüber, immer mit einer klaren Botschaft und zumeist auch echt lustig. 

Felix Armand (unten), der kühle Stratege; rechts neben ihm CEO und Sonnenkönig Magnus A. Cramer (Matthias Brandt)
Felix Armand (unten), der kühle Stratege; rechts neben ihm CEO und Sonnenkönig Magnus A. Cramer (Matthias Brandt)
© Netflix/Niren Mahajan

Auch bei der Besetzung haben die Produzenten viel richtig gemacht. Da ist zum Beispiel Matthias Brandt, der den schmierigen Magnus A. Cramer spielt: ein Sonnenkönig im letzten Lebensdrittel, dem alles egal ist, solange der Preis stimmt. „Ganz ehrlich, die Welt liebt Arschlöcher“, sagt Cramer dauergrunzend. Cramer kümmert sich weder um seine viel jüngere Frau Ariane und den neugeborenen Sohn noch wirklich um die Firma. Dass der bekannte Wirtschaftsjournalist Tom Wieland (Andreas Döhler) kritisch über Cable Cash berichtet, freut ihn („besser als wenn keiner über uns berichtet“). Reichweite ist King und irgendwann ist Cable Cash „too big to fail”. 

Cramer, circa 500 Zähne schwer, blendet zwar viele. Doch sobald es ernst wird, ist er auf seinen jungen Mitgründer Felix Armand (Thomas Schubert) angewiesen. Bezeichnend: Als Finanzbeamte Cable Cash durchsuchen, zeigt Cramer nur auf Armand, lacht und grunzt: „Nehmen sie den mit. Ich habe doch keine Ahnung von dem Kram.“

Womit er nicht übertreibt: Armand, 30-jähriger Informatiker, ist der, der die (unzähligen) Probleme von Cable Cash ausbügeln muss – und der, der dem geltungssüchtigen Cramer auf der Bühne soufflieren muss. Armand ist der Stratege mit den nach unten geneigten Mundwinkeln, Cramer das genaue Gegenteil. Und genau deshalb funktioniert diese Kombination so gut und ist so unfassbar witzig – jedenfalls solange man kein Problem mit Fremdscham hat. Ständig befinden sich die beiden im Streit, irgendwas läuft immer schief oder Cramer sorgt für neue Probleme.  

Mehr Meta als Facebook

„King of Stonks“ ist aber viel mehr als nur eine Satire über Wirecard und das Patriarchat oder eine Referenz an große Netflix-Produktionen. Darunter liegt ein klassisches Drama. Felix Armand verliebt sich zwischenzeitlich in die kühle Shortsellerin Sheila Williams, die exzellent von Larissa Sirah Herden (bekannt aus „Bad Banks“) gespielt wird. Williams will Cable Cash stürzen und nutzt Armand aus, um an Informationen zu gelangen. Als ihr das gelingt, lässt sie ihre alten Kontakte zum Journalisten Tom Wieland spielen, der Cable Cash schon länger kritisch begleitet. Zwischendurch entdeckt Williams dann aber ihre Empathie – was man von der kühl kalkulierenden Shortsellerin nicht erwartet. Es ist das totale Chaos. Doch diese Widersprüche und Wendungen machen die Serie erst lustig und sehenswert. 

Für die Produktionsfirma Bildundtonfabrik um Philipp Käßbohrer und Matthias Muhrmann könnte „King of Stonks“ der zweite Erfolg binnen kurzer Zeit werden. Schon bei „How to Sell Drugs online (fast)“ ließen sich die Macher durch die Netzkultur inspirieren. Was damals der Hype um einen blassen Schuljungen war, der Drogen übers Internet verkaufte, ist nun der Reddit-Hype um Gamestop-Aktien – die Gier, die ausufernde Meme-Kultur über Aktien („Stonks“ statt „Stocks“). Ganz nebenbei lässt sich die Botschaft („Traue keiner Fassade“) wunderbar satirisch überhöhen. Am Ende ist „King of Stonks“ mehr Meta als Facebook.

Die erste Staffel von „King of Stonks“ erscheint ab dem 6. Juli auf Netflix. Regie: Jan Bonny; Produktion: Philipp Käßbohrer, Matthias Murmann; Drehbuch: Philipp Käßbohrer, Mars Frey, Jan Eichberg und Fabienne Hurst.


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