GastkommentarKinder brauchen digital‑freie Oasen

Kind vor einem Tablett
Besser ohne Tablet: Digitale Bildung sollte nicht zu früh einsetzen

Ingo Leipner ist Wirtschaftsjournalist. Er gründete 2005 die Textagentur EcoWords. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Unternehmenskultur, Ökonomie/Ökologie und Erneuerbare Energie. Kritisch verfolgt er die digitale Transformation von Bildung und Wirtschaft. Professor Gerald Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing (BVMM)Ingo Leipner ist Wirtschaftsjournalist. Er gründete 2005 die Textagentur EcoWords. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Unternehmenskultur, Ökonomie/Ökologie und Erneuerbare Energie. Kritisch verfolgt er die digitale Transformation von Bildung und Wirtschaft. Professor Gerald Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing (BVMM).


Im Bundestag beschimpft zu werden … gibt´s Schöneres für Buchautoren? Der CDU-MdB Sven Vollmering warnte Anfang Juli, „panikmachenden Leuten hinterherzulaufen, die von der Lüge der digitalen Bildung sprechen“. Damit konnte er nur unser Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“ meinen, mit dem wir bewusst einen Kontrapunkt zum üblichen Digital-Diskurs setzen. Und das mit gutem Grund, wenn wir uns die Reaktionen auf die aktuelle „ICILS 2013“-Studie ansehen. Thema: Computer- und Internetkenntnisse bei 13- bis 14-jährigen Schülern (8. Klasse).

Birgit Eickelmann leitete die deutsche „ICILS 2013“-Studie, sie sagte der FAZ: „Wir wissen, dass ein Drittel der Achtklässler gerade einmal in der Lage ist, einen Link anzuklicken, allenfalls noch, eine Datei zu speichern. Da kann man ja nicht von einem kompetenten Umgang mit neuen Technologien sprechen.“ Entsprechend kräftig war das Rauschen im Blätterwald: „Peinliches Studienergebnis für Deutschland“; „Ein Drittel der Schüler ist abgehängt“ oder „Deutschland ist digital nur im Mittelfeld? Kein Wunder!“

Und? Wer macht hier Panik? Uns erstaunte die Studie in keiner Weise, denn die Entwicklungspsychologie sagt ganz klar: Das kindliche Gehirn ist eine Großbaustelle, bis zum Alter von 12 bis 14  Jahren – und weit darüber hinaus. Allmählich reifen kognitive Funktionen, allmählich werden Kinder erwachsen und lernen, über sich und die Welt nachzudenken. Das haben wir von Jean Piaget (1896-1980) gelernt, der ein grundlegendes Modell der kognitiven Entwicklung von Kindern entworfen hat.

„Digital Natives“ sind ein Mythos

Buchcover "Die Lüge der digitalen Bildung"
„Die Lüge der digitalen Bildung“ ist im Redline Verlag erschienen

Wer 13- bis 14-jährige Schüler für Tests vor Rechner setzt, braucht sich über die ernüchternden Resultate nicht zu wundern. Denn die vielbeschworenen „Digital Natives“ sind ein Mythos, obwohl sie selbstverständlich mit Internet und Smartphone aufwachsen. Dazu die „KIM Studie 2012“: „Medienkompetenz umfasst zweifellos weit mehr als die technische Bedienfertigkeit. (…) Es ist also ein Trugschluss, dass Kinder die im Medienzeitalter aufwachsen, diese Technik auch automatisch bedienen können.“

Vor diesem Hintergrund ertönt immer wieder die Forderung nach „früher Medienkompetenz“! Vollmering, Bitkom und andere ziehen aus den mittelmäßigen „ICILS 2013“-Ergebnissen den Schluss: Wir müssen Bildung gründlich digitalisieren, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht zurückfällt. O-Ton Vollmering im Bundestag: „Die internationale ICILS-Computerstudie (…) hat den seit Jahren gefühlt vorhandenen Nachholbedarf bei der Digitalen Bildung empirisch belegt. Es wird daher Zeit, dass wir den Aufholprozess endlich beginnen!“

Und der IT-Verband Bitkom gab schon 2014 die Marschrichtung vor: „Jeder Schüler soll ein mobiles Endgerät wie einen Tablet Computer oder ein Notebook zur Verfügung haben, in jedes Klassenzimmer gehört ein Smartboard.“

Diesen Forderungen setzen wir die These entgegen: „Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter“. Gerade in Kindergärten und Grundschulen haben digitale Medien nichts verloren, weil Kinder eine starke Verwurzelung in der Realität brauchen, bevor sie sich in virtuelle Abenteuer stürzen.