InterviewImpfstoff-Logistik: „Deutschland ist sehr gut vorbereitet“

Die Entwicklung eines Impfstoffs ist das eine, nun muss er aber auch verteilt werdenimago images / Laci Perenyi

Herr Professor Klumpp, in Deutschland sollen 55 Millionen Menschen geimpft werden. Es müssen also rund 110 Millionen Dosen Impfstoff produziert, abgefüllt, gekühlt, hin- und hertransportiert werden und am Ende in den Impfstationen verteilt werden. Eine monströse Logistikkaufgabe. Ist das machbar?

Prof. Dr. Matthias Klumpp, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, Bereich Health Care Logistics (Foto: Fraunhofer IML)

MATTHIAS KLUMPP: 110 Millionen Dosen sind eine Herausforderung – aber keine übergroße Aufgabe. Zum Vergleich: Die Logistik transportiert jährlich 20 Millionen Tiefkühlpizzen „Salami“ bis in die Supermärkte, alle Geschmacksrichtungen zusammengenommen etwa 200 Millionen Tiefkühlpizzen pro Jahr. Über den Zeitraum von neun Monaten hinweg, bei 100 Impfzentren sowie Verteilung über die Hausärzte bedeuten die 110 Millionen Impfdosen etwa 10.000 bis 20.000 Impfdosen pro Tag für ein Impfzentrum. Dies passt in zwei bis vier übliche Transportkisten, weshalb die Lagerung auch in Hydro-Tiefkühlschränken vermutlich auf wenige Standorte zum Beispiel pro Bundesland konzentriert sein wird (15 bis 20 Standorte) und dann täglich in die Impfzentren und Arztpraxen transportiert wird.

Wie viele Firmen sind da involviert, wer koordiniert das?

Es sind in der gesamten Impflogistik eine Vielzahl von Akteuren involviert, vom Paul-Ehrlich-Institut als Zulassungsstelle bis zu etwa 100 regionalen Impfzentren sowie lokalen Arztpraxen und Transportdienstleistern. Eine zentrale Rolle kommt in der Planung und Beauftragung den Gesundheitsministerien auf Bundes- und Landesebene zu, diese haben vorab Impfstoffdosen bestellt. In der Logistik üblich ist die Organisation durch den Versender, das wird hierbei insbesondere für den internationalen Transport eine Rolle spielen. Das heißt, Hersteller wie Biontech werden Logistikdienstleister wie DHL, UPS oder Transoflex beauftragen. Für Deutschland wird dies in der Regie der Gesundheitsministerien in Absprache mit lokalen Gesundheitsämtern und Impfzentren geschehen. Wir erwarten auch hier zu Recht eine sehr plurale und dezentrale Lösung. Unterstützen werden auch die 15 Pharma-Großhändler in Deutschland insbesondere bei der späteren dezentralen Lagerung und Versendung für Impfungen in den Hausarztpraxen. Sie verfügen über eine ausgefeilte Logistik beispielsweise bis in jede Apotheke hinein.

Impfstoff-Verteilung: keine Engpässe

Die Transportkapazitäten in Deutschland reichen dafür? 

Ich sehe da überhaupt kein Problem, so werden täglich vermutlich circa 10 bis 15 Lkw die Produktionsstätten wie bei Biontech verlassen, um den deutschlandweiten Nachschub zu realisieren – eine Menge, die auf der Straße kaum auffallen wird.

Wo könnte es am ehesten Engpässe geben? Die 16 Bundesländer buhlen jetzt alle um Ampullen und Spritzen – das scheint ja nicht koordiniert zu werden?

Für Deutschland werden keine Engpässe erwartet, die in Rede stehenden Mengen auch für Hilfsmittel wie Spritzen etc. erscheinen als Jahresmengen groß, sind aber heruntergebrochen auf Tagesbedarfe vergleichsweise gering. Es werden pro Tag in Deutschland allein bei den beiden führenden Herstellern BD (Becton, Dickinson and Company) und B.Braun zehn Millionen Spritzen produziert, da sind etwa 500.000 mehr für die Corona-Impfungen kein Problem – zumal aktuell ein Produktionsüberhang besteht, da insgesamt im Lockdown weniger Arztbesuche und Behandlungen stattfinden.

Wie gut ist Deutschland vorbereitet? Wo hapert es noch?

Die Vorbereitung in Deutschland ist als sehr gut einzustufen, die dezentral organisierte Einrichtung von Impfzentren schreitet gut voran. Wir sehen derzeit zwei „Entscheidungspunkte“: Erstens der Übergang zu weiteren dezentralen Impfmöglichkeiten in den Hausarztpraxen. Das sollten wir so früh wie möglich umsetzen, um auch die Impfbereitschaft zu stärken, welche in zentralisierten Impfzentren vermutlich geringer ausfällt. Zweitens die Nutzung von eigenverantwortlichen und möglichst digitalen Möglichkeiten zur Impfterminvereinbarung wie etwa über eine App (bzw. die Corona-App); auch dies kann die Impfbereitschaft erhöhen und helfen, der Logistik wichtige Plandaten frühzeitig digital bereitzustellen. Wenn diese beiden Punkte in den kommenden Woche gut gestaltet werden, sind keinerlei Engpässe zu erwarten.