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Timo Pache Im Morast von Lützerath

Polizisten räumen das Protestcamp in Lützerath
Polizisten räumen das Protestcamp in Lützerath
© IMAGO / Panama Pictures
Im Drama um die letzten Kubikmeter Braunkohle begegnen uns noch mal alle Fehler der deutschen Energiepolitik. Der jüngste: Der Starrsinn der Klimaschützer, deren Energie und Talent anderswo dringend gebraucht würde

Natürlich wäre es besser, die Kohle unter dem kleinen Örtchen Lützerath würde nicht mehr abgebaggert und verfeuert. 

So pauschal dürfte sich diesem Satz wahrscheinlich jeder anschließen können, selbst RWE-Boss Markus Krebber. Keine weitere dreckige Kohle bedeutet kein weiteres CO2 in der Atmosphäre bedeutet Deutschland schafft vielleicht doch noch das 1,5-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen. Doch so einfach, wie uns das die Demonstranten in Lützerath glauben machen wollen, ist die Sache leider nicht. Nur, wie ist es dann? 

In dem ganzen Gezerre und Getümmel zwischen alten verlassenen Höfen, Barrikaden, windschiefen Baumhäusern und jetzt auch noch Tunneln, in denen sich die Retter von „Lützi“ verrammelt haben und aus denen sie nun von Polizisten herausgezerrt werden, versinkt diese Frage leider unrettbar im Schlamm des Rheinischen Reviers. 

Die Kohle unter Lützerath treibt die CO2-Emissionen nicht in die Höhe

Lützerath – das ist in vielerlei Hinsicht ein Symbol, es ist aber vor allem der zähe, undurchdringliche Matsch und Morast deutscher Energiepolitik.  

Die Frage, ob man die Kohle tatsächlich für die Energie- und Versorgungssicherheit Deutschlands braucht, ist heute kaum zu entscheiden, Gutachten steht gegen Gutachten. Gut möglich aber, dass man in fünf oder sieben Jahren feststellen wird, es wäre auch ohne die letzten Kubikmeter unter Lützerath gegangen. Andererseits ist der Ort verlassen und verkauft, etliche Gebäude schon abgerissen und die Bagger stehen nur noch wenige Meter vor den letzten Häusern. Es mag traurig sein, aber es ist nicht mehr viel, was über der Erde nun weggerissen wird. 

Eindeutig hingegen ist die Frage zu beantworten, ob die Kohle von Lützerath die CO2-Emissionen in die Höhe treibt. Die Antwort lautet: Unter den jetzigen Bedingungen ganz klar nein. Denn in Europa gilt der EU-Emissionshandel, der die bis zum Jahr 2030 maximal zulässigen CO2-Emissionen für Europa deckelt. Will ein Unternehmen, in diesem Fall RWE, mehr CO2 emittieren, muss es dafür zusätzliche Emissionszertifikate kaufen, was den Preis für die Zertifikate in die Höhe treiben und die Produktion für andere Unternehmen unwirtschaftlich machen wird. Die Ironie des Dramas von Lützerath ist: Unterm Strich wird anderswo weniger CO2 ausgestoßen werden, wenn die dortige Kohle in den kommenden Jahren verfeuert wird. Manche Klimaforscher und Ökonomen erwarten sogar einen positiven Effekt: Weil der Preis für die Zertifikate kurzfristig steigen dürfte, wird es für andere Unternehmen attraktiver, eine CO2-intensive Produktion schneller umzubauen. Nun leisten wir uns in Deutschland einige merkwürdige Marotten, die wir mit einer für Außenstehende rätselhaften Vehemenz verteidigen (sollten Sie diese Zeilen in einem Fernzug der Deutschen Bahn lesen und Ihre Kaffeetasse inzwischen leer sein, achten Sie bitte immer noch darauf, dass Ihre Maske über Mund und Nase fest verschlossen sitzt). Aber kaum etwas betreiben wir so irrational wie die Energiepolitik. Strom und Heizen, das ist für viele eine moralische Frage von Gut und Böse und nicht eine Frage der Physik. 

Die Gesetze der Physik

Ja, der Umstieg auf und der Ausbau von Wind- und Solarenergie ist richtig und vordringlich, aber bis auf weiteres gelten eben doch die Gesetze der Physik. Und die sagen nun mal, dass wir neben den schwankenden Energiequellen Sonne und Wind noch eine, besser vielleicht zwei Energiequellen brauchen, die auch Strom liefern, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht (wie zum Beispiel in diesem Winter mal wieder verbreitet). In einem rohstoffarmen Land wie Deutschland ist das gar keine so triviale Aufgabe. 

Denn die heimische Kohle wollen wir nicht mehr, Atomstrom wollen wir auch nicht. Öl ist auch nicht schön, und mit dem Gas ist es seit dem 24. Februar 2022 auch schwieriger geworden. Nur, wenn wir nachts aufstehen, weil wir halt mal müssen, dann soll das Licht schon angehen. Gibt es noch eine Alternative? Wasserstoff vielleicht in 30 oder 40 Jahren, wenn wir so viel Wind- und Sonnenenergie haben, dass es egal sein kann, wie viel Energie wir bei der Umwandlung von Wasser verbrauchen. Oder die Kernfusion in 30, 50 oder 80 Jahren. 

Es ist nicht schön, aber es hilft ja nichts: Wenn wir wie geplant aus der Kernenergie aussteigen, Öl und Gas auch nicht mehr taugen, wenn wir beim Ausbau von Wind- und Solarparks nicht nach chinesischem Planungsrecht vorgehen wollen, dann bleibt nicht mehr viel übrig, womit wir noch nachts das Licht anknipsen können.   

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