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Energiekrise Kohlewende: Energiesicherheit geht vor Klimaschutz

Braunkohle-Kraftwerk Niederaußem in Bergheim
In Deutschland wurden Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt
© IMAGO / Wienold
In vielen Ländern feiert die Kohle als Energieträger ein Comeback. An der Spitze steht Deutschland, wo etliche Kohlekraftwerke wieder ans Netz gegangen sind 

Im Kampf gegen die Energiekrise wird Deutschland seine Abhängigkeit vom Brennstoff Kohle weiter erhöhen – auf Kosten seiner ehrgeizigen Klimaziele. Zur Stromerzeugung verbrennen die heimischen Versorger so viel Kohle wie seit mindestens sechs Jahren nicht mehr, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen. In diesem Jahr wird die Bundesrepublik eines der wenigen Länder sein, das seine Kohleimporte erhöht.

Überall auf der Welt erlebt die hochgradig umweltschädliche — und relativ billige — Kohle ein Comeback. Vor dem Hintergrund galoppierender Energiekosten soll so ein wirtschaftlicher Kollaps verhindert werden. Europa ist in den Krisenmodus getaumelt, seit Russland in Folge seines Krieges in der Ukraine und der Sanktionen des Westens kaum noch Gas liefert. Deutschland versucht nun, die kurzfristige Priorität höherer Energiesicherheit mit dem längerfristigen Ziel von Netto-Null-Emissionen in Einklang zu bringen.

„Alle halten an ihren Klimazielen fest, aber wenn man vor dem Dilemma steht, ob man die Lichter anlassen oder die Kohlendioxidemissionen senken soll, dann lässt man die Lichter an“, sagt Carlos Fernandez Alvarez, stellvertretender Leiter des Bereichs Gas, Kohle und Strom bei der Internationalen Energieagentur (IEA).

Energiekrise: Kohlewende: Energiesicherheit geht vor Klimaschutz

Deutschland will bis 2038 aus der Kohle aussteigen, die Ampelkoalition hat sich sogar zum Ziel gesetzt, den Ausstieg „idealerweise“ schon bis 2030 umzusetzen. Doch um die aktuelle Krise zu meistern wurden eingemottete Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen. In begrenztem Umfang fand das auch in anderen Ländern statt, doch die IEA konstatiert: „Eine Umkehr in signifikantem Ausmaß ist mit zehn Gigawatt nur in Deutschland zu beobachten.“

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wird in Deutschland inzwischen mehr als ein Drittel des Stroms von Kohlekraftwerken erzeugt. Im dritten Quartal lag die Stromerzeugung im Segment 13 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums.

„Der Kohleausstieg ­ im Idealfall bis 2030 – steht nicht infrage“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Entscheidend sei, dass Deutschland 2022 deutlich weniger Energie verbraucht habe – insbesondere weniger Erdgas. Die Strommarkteingriffe, die zu einem Anstieg der Emissionen geführt haben, seien zeitlich begrenzt. Indessen sei der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt worden, führte sie aus.

Die Ursprünge des Comebacks

Zur selben Zeit in der Gas ein knappes und teures Gut geworden ist, steigt die Stromnachfrage in Frankreich, das wegen Wartungsarbeiten an Atomkraftwerken auf Importe angewiesen ist, statt Strom ins Ausland zu verkaufen. Deutschland war 2022 wahrscheinlich Nettoexporteur von Strom nach Frankreich. Laut den bis 1990 zurückreichenden Destatis-Daten wäre das eine Premiere.  

Im Sommer waren die europäischen Gaspreise auf Rekordniveaus gestiegen. Inzwischen sind sie zwar gesunken, liegen aber noch immer bei etwa dem Doppelten des saisonalen Fünfjahresdurchschnitts. Versorger wie die Steag haben deshalb Kohlekraftwerke wieder angeworfen. Volkswagen legte das Ende der Kohleverstromung in seinem Werk in Wolfsburg vorerst zu den Akten.

„Kohle kehrt als Grundlastgenerator zurück“, sagt der Chef der Energieberatungsfirma Perret Associates, Guillaume Perret. „Dabei wird die Saisonabhängigkeit verringert – mit mehr Kohleverbrennung im Sommer, Frühling und Herbst – solange Kohle sich im Vergleich zu Gas lohnt und Gas knapp bleibt.“

Energiekrise: Kohlewende: Energiesicherheit geht vor Klimaschutz

Es ist möglich, dass Deutschlands Reservekraftwerke bis Dezember 2024 am Netz bleiben. Dies wäre neun Monate nach dem von der Bundesregierung angepeilten Datum der Schließung, wie Perret anmerkt. Die Europäische Union und die Türkei seien weltweit die einzigen großen Energieverbraucher, die 2023 ihre Kohleimporte im Jahresvergleich erhöhen dürften.

Im vergangenem Monat war der deutsche Strom zeitweise in puncto CO2-Emissionen so umweltschädlich wie in Südafrika und Indien erzeugte Elektrizität, wie Daten der App Electricity Maps zeigen.

Ausblick

Es gibt einige Lichtblicke für Europa, die dazu beitragen könnten, die Kohleverstromung zu reduzieren. Die Gaspreise sind eingebrochen, da das zuvor milde Wetter den Beginn der Heizsaison verschoben hatte, und die Region verzeichnete in letzter Zeit Rekordniveaus bei Flüssiggasimporten. Die Gasvorräte liegen noch immer über dem saisonalen Durchschnitt.

Darüber hinaus kommt in den französischen Kernkraftwerken die Wartung zum Abschluss. Die Reaktorverfügbarkeit liegt inzwischen bei etwa 68 Prozent, nach etwa 50 Prozent Anfang November. Deutschland hält seine drei verbleibenden Kernkraftwerke im Streckbetrieb. Spätestens Mitte April sollen sie jedoch endgültig vom Netz. 

Die Stromproduktion aus erneuerbaren Energie stieg laut Destatis im dritten Quartal des Jahres auf Jahresbasis um 2,9 Prozent. „Die Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien ist der Dreh- und Angelpunkt sowohl für das Erreichen der Energiesouveränität Mitte dieses Jahrzehnts als auch für unsere Klimaziele für 2030“, sagt der Projektleiter für EU-Politik, Fabian Hein, von der Denkfabrik Agora Energiewende.

Mitarbeit Carolynn Look, Olivia Fletcher, Brian E. Wall und Petra Sorge.

©2022 Bloomberg L.P.

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