SerieGroßes Problem, smarte Lösung: Graviky Labs

Hongkong
Feinstaubbelastung: In vielen Großstädten herrscht dicke Luft.Bruce Mars | Pexels


Klimawandel, Armut, Flüchtlingskrisen: Die Welt ist voller Probleme. Capital präsentiert Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit – von smarten Köpfen und innovativen Unternehmungen. Diesmal: Graviky Labs.


Das Problem:

Hongkong, August 2013 – Am Victoria Harbour lassen sich Touristen vor den im Sonnenlicht glitzernden Wolkenkratzern der Stadt fotografieren. Der Himmel ist strahlend blau, hier und da ein paar weiße Wölkchen. Die Szene ist so skurril, weil die Menschen nicht vor der realen Stadt, sondern vor einer aufgestellten Plakatwand posieren. Hintendran ist die echte Skyline in eine dicke graue Wolkenschicht gehüllt. Der Luftbelastungsindex hat im Central District, an der Causeway Bay im Süden der Stadt und in Mong Kok einen extrem hohen Wert erreicht, der auf den hohen Gehalt an toxischem Ozon und Stickstoffoxid hinweist. Die Verschmutzung ist in dieser Zeit besonders gravierend, weil der Tropensturm Trami durch das benachbarte Taiwan fegt.

Jakarta, Dubai, Neu Delhi: Auch andere Metropolen leiden unter der Belastung von Feinstaub und NO2, die sowohl die Umwelt als auch die Gesundheit der Menschen gefährden. Die winzigen Schadstoffpartikel PM2,5 können in die tiefsten Bereiche der Lunge eindringen und gesundheitliche Schäden verursachen. Nach Angaben der OECD hat sich die Luftqualität zumindest in Europa in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, doch auch in Deutschland werden die von der WHO festgelegten Grenzwerte für Stickstoffdioxid regelmäßig überschritten. Die weltweite Luftverschmutzung ist eine der größten Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Laut OECD dürfte die Luftverschmutzung bis 2050 „zur wichtigsten umweltbedingten Ursache dafür werden, dass Menschen vorzeitig sterben“.

Die Lösung:

Graviky Labs hat eine ungewöhnliche Idee, um die Luft zu säubern: Das Unternehmen hat die weltweit erste Technik zur Identifizierung von teilchenförmigem Kohlenstoff als recycelbaren Abfall entwickelt. Graviky Labs recycelt den PM2,5 Ruß, der aus mehreren industriellen Schadstoffquellen stammt, und stellt daraus hochwertige Tinte her.

Um den Ruß zu binden, entwickelte Graviky Labs einen Nachrüstsatz für die Endrohre von Dieselgeneratoren, um ultrafeine Kohlenstoffemissionen aus Dieselabgasen und Umweltverschmutzungen zu erfassen: KAALINK besteht aus unterschiedlichen Filtern, Sensoren und einer Erfassungseinheit und soll nach Angaben von Graviky Labs in der Lage sein, den Ruß mit Hilfe einer vielseitigen Filtertechnologie, die auf die elektrostatische Filtration und Tiefenfiltration zurückzuführen ist, einzufangen. Um toxische Verunreinigungen wie Staub, Schwermetalle oder Öle herauszufiltern, werden die gesammelten kohlenstoffreichen Schadstoffe gereinigt. So will Graviky Labs sicherzustellen, dass das Endprodukt sicher zu verwenden ist. Schließlich wird der Kohlenstoff einem chemischen Prozess unterzogen, um ihn in verschiedene Farben und Lacke, genannt Air Ink, umzuwandeln.

KAALINK ist zum Patent angemeldet. Nach Angaben von Graviky Labs soll das Gerät in der Lage sein, bis zu 99 Prozent der jeweiligen Stoffbelastung zu erfassen, ohne Gegendruck auf die Motoren auszuüben. Im Labor werden die firmeneigenen KAALINK-Prototypen verwendet, um Partikel aus der direkten Umgebung zu erfassen. Air Ink diente bereits als künstlerisches Werkzeug für zahlreiche Kunstprojekte weltweit und soll in Zukunft auch an Druckereien geliefert werden, um CO2-negative Drucke anzufertigen.

Der Kopf dahinter:

Bei einem Besuch in seiner indischen Heimat 2013 fiel Anirudh Sharma auf, dass die Kleidung seiner Freunde durch Luftverschmutzung verfärbt war. Daraufhin kehrte er von Boston nach Indien zurück und gründete Graviky Labs. Sharma und sein Team forschten fast drei Jahre lang an der Technik. Zuvor leitete Sharma das gemeinnützige Konsortium MIT Media Lab India Initiative mit dem Ziel, selbstorganisierte, designorientierte Innovationen in Indien mitzugestalten. Nach eigenen Angaben konnte Graviky Labs bereits 1,6 Billionen Liter Luft reinigen. Air Ink wurde bis dato nicht nur in Indien, sondern auch in New York, London, Berlin, Chicago, Sydney, Singapur und Amsterdam verwendet.