InterviewInterview: „Ich träume von Greta Thunberg in einem Airbus“

Seit Mai 2018 Teil des Vorstands von Airbus: Grazia Vittadini
Seit Mai 2018 Teil des Vorstands von Airbus: Grazia VittadiniLorraine Hellwig

Das Büro ist winzig, und doch hat Grazia Vittadini es vollgestopft mit Medaillen und Flugzeugmodellen. Mehr als in diesen schmucklosen vier Wänden treibt sich die oberste Technikchefin des Airbus-Konzerns aber ohnehin in den Laboren und Prüfständen am Aéroport Toulouse-­Blagnac herum. Denn Vittadini arbeitet an einem großen Plan: das Fliegen in weiten Teilen neu zu erfinden und mit dem Klimaschutz zu versöhnen. Es geht um Elektroflugzeuge, synthetischen Treibstoff und die berühmten Flugtaxis. Ganz passend dazu erscheint die Managerin zum Interview in Jeans und grauer Fliegerlederjacke – als wollte sie anschließend zum Probeflug abheben.

Capital: Frau Vittadini, haben Sie schon mal einen Eurofighter geflogen?

GRAZIA VITTADINI: Nein, leider nicht. Aber ich habe es auf der Liste. Und meine Kollegen im Verteidigungsbereich auch.

Bei zweieinhalbfacher Schallgeschwindigkeit kommt man an körperliche Grenzen, beim ersten Mal steigt der Magensaft hoch.

Aber ich glaube: Das ist es wert. Oder? Als ich jung war, wollte ich Kampfpilotin werden. Das war mein Traum. Aber leider stellte die italienische Luftwaffe damals keine Frauen ein. Stattdessen bin ich Ingenieurin für Flugzeugbau geworden.

Mit privater Pilotenlizenz.

Ja, aber die habe ich erst viel später gemacht. Und leider komme ich nicht mehr dazu, selbst zu fliegen

Sie haben Ihre Karriere in Italien beim Eurofighter begonnen – im extremsten Machobereich des Konzerns. Wie war das damals?

Ich war die einzige Frau im Unternehmen unter Hunderten von Männern. Beim Studium in Mailand waren in meinem Jahrgang ebenfalls 99 Prozent Männer. Heute, bei Airbus, sind immerhin 18 Prozent der Beschäftigten Frauen. Wir kommen langsam auf allen Führungsebenen voran, diesen Anteil zu erhöhen.

Ihr Aufstieg bei Airbus grenzt an ein doppeltes Wunder: eine Frau unter so vielen Männern und eine Italienerin unter den vielen Franzosen und Deutschen.

Das kann man als Hindernis begreifen, aber umgekehrt auch als Wettbewerbsvorteil. Ich musste keine Rücksicht nehmen auf nationale Befindlichkeiten, mich nicht irgendeiner Seilschaft anschließen. Und als Frau habe ich mich niemals, wirklich niemals diskriminiert gefühlt bei Airbus. Vielleicht war das einfach nur Glück, ich weiß, dass das nicht allen jungen Frauen so geht. Aber außer ein paar komischen Witzen von Männern gab es wirklich keinen Gegenwind für mich.

Nun leiten Sie den ganzen Technologiebereich. Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines Chief Technology Officers aus?

Es gibt keinen typischen Tag – vielleicht ist genau das das Typische an meinem Job. Es gibt keine wiederkehrenden Muster. Ich bin verantwortlich für alle Bereiche: Verteidigung, Weltraum, Passagierflugzeuge, Helikopter, Drohnen. Mit meinem Team muss ich Technologien identifizieren und weiterentwickeln, die eines Tages in all diesen ganz unterschiedlichen Bereichen wichtig werden könnten. Es gibt kein Schema F für diese Arbeit. Und sie findet weltweit in ganz unterschiedlichen Kulturen statt. Wir sind mit unseren Innovationszen­tren in China, den USA und Europa. Und wir fördern die Ideen, die unsere eigenen Mitarbeiter selbst entwickeln, und ermuntern sie, sich selbst als Unternehmer zu verwirklichen.

Gibt es denn so viele übergreifende Innovationen für alle Sparten?

Genau das ist die Herausforderung: Wie verbindet man die vielen einzelnen Punkte auf der Technologielandkarte? Wie nutzt man die technischen Lösungen, die in einem Bereich entwickelt worden sind, für andere Bereiche? Ein konkretes Beispiel: Unsere Sparte für Weltraumtechnik setzt stark auf Technologien zur Bilderkennung, die wir aber auch sehr gut für unsere Passagierflugzeuge gebrauchen können – bei automatischen Landungen müssen sie die richtigen Runways identifizieren. Es geht um das Cockpit der Zukunft, das wir hier in Toulouse entwickeln. Vieles dafür wurde aber in Manching in der Verteidigungssparte erprobt.