InterviewFukuyama: „Alle Schwachstellen von Staaten werden nun aufgedeckt“

Francis Fukuyama in seinem Haus in San Francisco – sicher hinter dem Fenster
Francis Fukuyama in seinem Haus in San Francisco – sicher hinter dem FensterPeter Prato

CAPITAL: Herr Fukuyama, die USA sind zum Epizentrum der Corona-Krise geworden. Wie wird diese Krise Ihr Land verändern?

FRANCIS FUKUYAMA: Jeder schaut auf die Folgen für die Wahlen im November. Es mehren sich ja die Anzeichen, dass Donald Trump nicht wiedergewählt wird. Seine Chancen sahen vor Beginn dieser Krise ziemlich gut aus, weil die Wirtschaft boomte, die Arbeitslosigkeit niedrig war und die Mehrheit zufrieden schien. Jetzt befinden wir uns im größten Abschwung seit der Großen Depression. Die Demokraten haben rechtzeitig einen guten Kandidaten aufgestellt.

Viele Menschen sind wütend und verärgert, das wird Folgen haben. Sind Sie im Verlauf der Krise pessimistischer geworden?

Das Problem der USA ist nicht, wer gerade Präsident ist – es ist die tiefe Polarisierung. Selbst wenn ein Demokrat im November gewinnt, wird diese Polarisierung fortbestehen. Ein Drittel des Landes ist extrem konservativ, diese Leute misstrauen der Regierung. Und jedem Demokraten im Weißen Haus werden sie noch erbitterter misstrauen.

Wird das Vertrauen in die Eliten also noch mehr erodieren?

Das hängt zum Teil davon ab, wie effektiv die Regierung die Wirtschaft wieder in Gang bringt. Der Schwerpunkt verlagert sich jetzt von der Frage, wie sie mit der Pandemie umgeht, auf die Frage der Öffnung: Wird die Wirtschaft wieder wachsen, werden die Jobs zurückkommen? Und dann wird es einen großen, vielleicht jahrelangen Streit über die Verteilung der staatlichen Hilfen geben. Der Kongress hat über zwei Billionen gebilligt. Das schafft einen Anreiz für Korruption, für Günstlingswirtschaft, für Klientelismus und Streit darüber, wie dieses Geld verteilt werden soll.

Die Ungleichheit war in den USA ohnehin ein großes Problem.

Die Krise hat viele Probleme der amerikanischen Gesellschaft offenbart – in Bezug auf die Ungleichheit, aber auch auf das soziale Sicherheitsnetz. Es fällt doch jetzt schwer zu argumentieren, dass wir nicht eine Form einer universellen Krankenversicherung brauchen. Da dürfte es einige große Veränderungen geben. Bei dieser Frage zeigt sich die Verwundbarkeit der Republikaner. Ein weiteres Thema ist die Besteuerung. Wir haben unser Defizit verdreifacht. Es wird also höhere Steuern geben müssen. Die Krise könnte zur Umverteilung des Reichtums im Land genutzt werden.

Die USA sind in der Vergangenheit oft als Gewinner oder gestärkt aus Krisen hervorgegangen. So war es nach dem Dotcom-Crash, nach der Finanzkrise. Könnte es dieses Mal anders sein?

Wenn unser Land einigermaßen geeint ist, kann es eine gewaltige politische und wirtschaftliche Kraft erzeugen. Aber Regierung und Kongress lähmen sich. Die Erholung hängt also von einer anderen Führung ab, die in der Lage ist, das Land zu einen. Normalerweise schart sich das Land im Falle einer nationalen Bedrohung um den Präsidenten. Bei den Protesten gegen den Shutdown erinnere ich mich an ein Plakat, auf dem stand: „Wir stecken da nicht gemeinsam drin.“ Das will doch sagen: Einige Staaten sind nicht so von dem Virus betroffen, warum sollten wir uns für nationale Interessen opfern? Solange man solche Strömungen in der Gesellschaft hat, wird es schwierig sein, unsere Ressourcen zu mobilisieren.

Schauen wir ein wenig über die USA hinaus: Wird es tektonische Machtverschiebungen geben – auch im Verhältnis zwischen den USA und China?

Der Kampf um die Vorherrschaft hat die vergangenen Jahre ohnehin geprägt. Ich weiß nicht, ob es eine tektonische Verschiebung sein wird. Aber die Verlagerung der zentralen Wirtschaftsmacht nach Asien wird sich fortsetzen oder gar beschleunigen. China wird ein wichtiger Akteur sein, aber nicht allein. Asiatische Länder wie Taiwan und Südkorea haben diese Epidemie besser bewältigt als Europa oder die USA.

Asien könnte insgesamt gestärkter aus dieser Krise hervorgehen?

Es sieht so aus, als ob das bereits geschieht. Ich denke, dass mehr asiatische Länder in der Lage sein werden, ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Allerdings gibt es noch viele Unwägbarkeiten, weil wir nicht wissen, ob das Virus zurückkommt und es eine zweite Infektionswelle gibt.

Welche anderen Folgen erwarten Sie nach dem globalen Lockdown?

Eine große Veränderung dürfte einUmdenken der Unternehmen sein. Weltweit ging es bisher darum, dieEffizienz zu maximieren. Wenn man dafür Lieferketten in ein kleines, weit entferntes Land verlagern musste und man dadurch Kostensparen konnte, wurde es gemacht. Resilienz war kein großes Thema, auch nicht Puffer oder der Schutz von neuralgischen Lieferketten. Das alles muss überdacht werden.

Herr Fukuyama, Sie haben viele Krisen und neue politische Ordnungen analysiert. Dies ist eine Krise, die aus der Natur kam – sie ist zu einer Wirtschaftskrise geworden. Ist sie bereits eine politische Krise?

Bereits vor dem Ausbruch von Corona gab es Ängste über den Aufstieg von Nationalismus, Populismus und Protektionismus. Nun fühlen sich viele Länder angestachelt, ihre Grenzen zu schließen, den Export von Nahrungsmitteln zu blockieren oder andere selbstzerstörerische Politik zu betreiben, die an das Zeitalter des Nationalismus erinnert. Wenn die Gesellschaften andererseits in der Lage sind, rationale Lehren aus der Krise zu ziehen, könnte es auch positive Auswirkungen geben. Manche Länder könnten in ihrer Selbstzufriedenheit aufgescheucht werden und tief verwurzelte Verhaltensmuster verändern. Ich neige allerdings dazu, dass die Gefahren und negativen Folgen die positiven überlagern.