GeldanlageWas Anleger von Asien über die Coronakrise lernen können

Singapur galt lange als vorbildlich beim Kampf gegen das Coronavirus
Singapur galt lange als vorbildlich beim Kampf gegen das Coronavirusimago images / AFLO

Ein Laborunfall war es eher nicht. US-Präsident Donald Trump hatte kürzlich im Brustton der Überzeugung erklärt, das grassierende Coronavirus sei in einem Labor in Wuhan gezüchtet worden – eine These, die Verschwörungstheoretiker weltweit begeistert aufgriffen. Westliche Geheimdienste halten diese Entstehungsgeschichte dagegen für extrem unwahrscheinlich. Ihnen zufolge ist Sars-CoV-2 vermutlich von einem Tier auf den Menschen übergesprungen.

Klar ist: Die Pandemie, die nach wie vor die Welt in Atem hält, hat ihren Anfang in China genommen. Von dort aus verbreitete sich das Coronavirus rund um den Globus, neuesten Erkenntnissen zufolge wohl schon Ende vergangenen Jahres. Dort hat die Regierung auch als Erste Maßnahmen ergriffen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Westliche Wissenschaftler blicken nach Asien, um von der Epidemie-Expertise ihrer östlichen Kollegen zu lernen. Auch Anleger sollten den Blick gen Osten richten. Sie können dort beispielhaft sehen, wie es in Europa mit der Wirtschaft und den Börsen weitergehen könnte.

Die wichtigste Lehre, die Europäer aus dem Beispiel Asiens ziehen können, lautet: So, wie die Pandemie verschiedene Länder unterschiedlich stark getroffen hat, gibt es auch in der Erholungsphase keinen gemeinsamen Weg. „Grundsätzlich kann man festhalten, dass sich die Länder im Asien-Pazifik-Raum in den kommenden Monaten gegensätzlich entwickeln könnten“, sagt Stefan Breintner, Fondsmanager der Investmentboutique Gamax. „Einige scheinen das Schlimmste bereits überstanden zu haben und sind dabei, zur Normalität zurückzukehren. In vielen Regionen sind das Ausmaß der Pandemie und die langfristigen Folgen jedoch überhaupt noch nicht abzuschätzen.“

Südkorea und Taiwan als Musterschüler

Zu den Länden, die sich bisher am besten geschlagen haben, gehören Südkorea und Taiwan. In beiden Staaten kam das Virus früh an, die Regierungen handelten rasch und besonnen. Südkorea hat die Zahl der Neuinfektionen mit massenhaften Tests und dem Unterbrechen von Infektionsketten auf beinahe null gedrückt. Taiwan wiederum sorgte mit frühen Fieberkontrollen, Einreisesperren, Abstandsgeboten und Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln dafür, dass sich Sars-CoV-2 trotz der geografischen Nähe zu China in dem Inselstaat gar nicht erst massenhaft ausbreitete.

Die erfolgreiche Seuchenkontrolle hat dazu geführt, dass das Wirtschaftsleben in Südkorea und Taiwan nicht so starken Einschränkungen unterliegt, wie es in vielen europäischen Ländern bislang noch der Fall ist. In der Folge sind die dortigen Aktienmärkte nicht so tief abgestürzt und haben sich überdies zuletzt stärker erholt als wichtige europäische Börsen. Zum Vergleich: Der südkoreanische Leitindex Kospi ist auf Sicht von drei Monaten um knapp 14 Prozent gefallen. Mit Sicht auf einen Monat ging es 7,5 Prozent aufwärts. Der MSCI Taiwan verlor auf Dreimonatssicht knapp zehn Prozent an Wert und legte in den vergangenen vier Wochen um 8,4 Prozent zu. Der Dax hingegen verzeichnete mit mehr als 22 Prozent Minus auf Dreimonatssicht einen stärkeren Einbruch – und mit plus 3,2 Prozent auf Sicht von einem Monat eine geringere und zudem deutlich volatilere Erholung.

In China geht es ebenfalls aufwärts, wenn auch mit Hindernissen. Nach einem Lockdown, wie ihn demokratische Staaten in dieser Härte nie hätten verordnen können, scheint die Pandemie in der Volkswirtschaft unter Kontrolle. Die Wirtschaft läuft wieder an, bei den Exporten konnte China im April sogar mit einem Plus von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr positiv überraschen. Bei den Importen und im Dienstleistungssektor sieht es allerdings schlecht aus. Alles in allem dürfte China viel Zeit benötigen, um zu einer Art wirtschaftlichen Normalität zurückzufinden, urteilt Ökonomin Sonja Beer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln in einer aktuellen Studie.

Zu den Ländern, die das Schlimmste wohl noch vor sich haben, gehört Indien. „Laut indischer Virologen befindet sich das Land noch in der Anfangsphase der Pandemie“, sagt Gamax-Fondsmanager Breintner. Wegen seiner Bevölkerungsdichte und seines schlechten Gesundheitssystems laufe Indien zudem Gefahr, dass sich das Virus dort besonders stark verbreitet. Andere Schwellenländer in der Region, wie Kambodscha und Indonesien, betrachtet der Anlageexperte ebenfalls mit Sorge. „Zum einen bricht in diesen Ländern der Tourismus weg. Zum anderen ist noch nicht absehbar, ob internationale Konzerne im Nachgang der Krise ihre verzweigten Lieferketten überdenken und einen Teil ihrer Produktion wieder regionalisieren“, sagt er.

Auch für Japan ist der Ausblick eher düster. Regierungschef Shinzo Abe gibt sich zwar betont restriktiv und hat den Ausnahmezustand im Land bis Ende Mai verlängert. Der Regierung wird aber vorgeworfen, zu Beginn der Pandemie zu langsam reagiert und zu wenig getestet zu haben. Darüber hinaus ist der Großraum Tokio trotz insgesamt sinkender Infektionszahlen noch immer stark betroffen. Dass Japan auch noch die Olympischen Sommerspiele nach einigem Hin und Her von diesem auf das kommende Jahr verschieben musste, dürfte zwar laut Ökonomen keine großen Folgen für die japanische Wirtschaft haben. Ein trauriges Signal ist es aber allemal. Kaum verwunderlich, dass der japanische Aktienindex Nikkei auf Dreimonatssicht mehr als 17 Prozent nachgegeben und sich von diesem Sturz bislang auch kaum erholt hat.

Eine Sonderrolle im asiatisch-pazifischen Raum nimmt Singapur ein. Der Stadtstaat glänzte zu Beginn der Pandemie mit extrem niedrigen Infektionszahlen, das Virus schien unter Kontrolle. Seit Mitte April sind die Zahlen jedoch geradezu explodiert. Corona-Infektionen bei ausländischen Arbeitern, die zusammengepfercht in engen Wohnquartieren leben, haben eine zweite Welle ausgelöst. Auch dieser Fall kann dem Westen als Lehre dienen. Schaffen Deutschland und die anderen europäischen Staaten es nicht, eine massive zweite Viruswelle zu verhindern, dürfte es mit der Erholung an den Börsen erst einmal vorbei sei