Oxford-StudieDemokratien sind doch die besseren Krisenmanager

Fiebermessen bei einem potentiellen Covid-19-Infizierten auf den Philippinen. Die Regierung unter Präsident Duterte schränkt in der Corona-Krise auch die Menschenrechte ein
Fiebermessen bei einem potentiellen Covid-19-Infizierten auf den Philippinen. Die Regierung unter Präsident Duterte schränkt in der Corona-Krise auch die Menschenrechte einimago images / Xinhua

Demokratien stehen in Krisen wie der Covid-19-Pandemie unter Druck, kollektive Entscheidungen über individuelle Freiheitsrechte zu rechtfertigen. Autokraten schalten und walten selbstgerecht über mehr oder weniger strikte Ausgangssperren zum Wohl der Allgemeinheit. Im Wettstreit der Systeme zur Eindämmung des Virus sehen Forscher der Universität Oxford jedoch demokratische Systeme vorne. 

In einer Studie untersuchten sie 111 Länder und ihre Reaktionen auf die Pandemie mit einem Oxford Covid-19 Government Response Tracker (OxCGRT). Wie sich zeigte, verhängten Autokratien zwar drastischere Einschränkungen für Reisen und die Freizügigkeit von Personen. Die geografische Mobilität sank in Demokratien jedoch um etwa 20 Prozent stärker bei vergleichbaren politischen Maßnahmen. Die Arbeit „Demokratie, Kultur und Ansteckung“ soll nun einer Fachzeitschrift zur Prüfung vorgelegt werden.

Vor allem bei „nicht wesentlichen“ Unternehmungen, wie Aufenthalten im Park oder zur sonstigen Unterhaltung, sei der Rückgang der Mobilität in Demokratien besonders ausgeprägt, heißt es weiter. Obwohl Autokratien härtere Sperren verfügten und ihre Mittel zur Kontaktverfolgung stärker in die Privatsphäre eingriffen, hätten Demokratien das politische Ziel, die geografische Mobilität in ihren Ländern zum Zweck der Infektionskontrolle zu reduzieren, wirksamer erreicht.

„Die Menschen sind eher bereit, sich an die Regeln zu halten, wenn sie ihrer Regierung vertrauen“, sagt Studienleiter Carl Benedikt Frey, Direktor des Oxford-Martin-Programms über die Zukunft der Arbeit. „Das tun sie eher, wenn die Regierung rechenschaftspflichtig ist. Das ist meine Interpretation unserer Ergebnisse.“

Dem guten Ruf der Demokratie dienlich

In einer Zeit, in der Autokratien im vergangenen Jahr zahlenmäßig Demokratien überholt haben, wird die Frage politischer Systeme und ihrer jeweiligen Widerstandskraft in unübersichtlichen Krisen heftig diskutiert. Schließlich scheint das kommunistische Regime Chinas die Ausbreitung des Virus erfolgreich eingedämmt zu haben. Auch deshalb empfiehlt es nun weltweit sein autokratisches Modell als Vorbild. Die anfängliche Geheimniskrämerei Pekings hat die weltweite Ausbreitung aber stark begünstigt. Demokratische Regierungen  in Europa oder den USA schneiden mit ihren Modellen trotzdem aber nicht durchweg besser ab.

Deshalb will das Arbeitspapier auch gegen Befürchtungen angehen, Corona könnte den Niedergang demokratischer Systeme noch beschleunigen. Was die eingeschränkte Mobilität angeht, schnitten Demokratien eindeutig besser ab. Als Beispiele werden Südkorea, Taiwan und Neuseeland angeführt. Die Studie habe auch gezeigt, dass kollektivistisch geprägte Kulturen eher zu koordiniertem und kohärenten politischen Handeln neigten, als individualistische Kulturen, die kollektives Handeln erschwerten. Zu ersteren zählt Frey China, Taiwan und Südkorea, zur zweiten Gruppe etwa die USA, Schweden und Großbritannien. 

Letztlich werden neben eingeschränkter Bewegungsfreiheit in den Strategien gegen die Corona-Pandemie auch andere Bausteine wie ein funktionierendes Gesundheitswesen, eine reaktionsfähige Bürokratie oder das Tempo der Reaktionen mitentscheiden. Genauer angesehen haben sich Forscher an der US-amerikanischen Georgia State University auch die Rolle politischer Institutionen und unterschiedlicher Entscheidungsebenen – und brechen eine Lanze für den Föderalismus. 

Zweifellos hätten zentralisierte Führungsstrukturen während einer Krise ihre Vorteile, ob autokratisch oder demokratisch, schreibt Juniorprofessor Charles Hankla in „The Conversation“. Doch wiesen seine Forschungsergebnisse darauf hin, dass bei Weitem nicht nur nationale Führungsstärke über Erfolg oder Misserfolg in einer Gesundheitskrise wie Corona entscheide. Vielmehr seien Staaten mit einer ausgewogenen Machtverteilung zwischen zentralen und subnationalen, föderalen oder regionalen Entscheidungsträgern eher gewappnet, dem Bürger vor Ort die besten öffentlichen Leistungen zur Verfügung zu stellen.

Es sei deshalb keine Überraschung, so Hankla, dass die Länder, die das Virus nachweislich bisher am erfolgreichsten bekämpft hätten – darunter Deutschland, Taiwan und Australien – „zentrale Koordinierung mit aktivem Einfluss auf regionaler und lokaler Ebene verbinden.“

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden