Vakzin Entwicklungsbremse Malaria: Durchbruch für Impfstoff von GSK

Ein kenianisches Testlabor für Malaria des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline.
Ein kenianisches Testlabor für Malaria des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline.
© GSK / Flickr.com, / CC BY-NC 2.0
Die Malaria gilt als einer der größten Wachstumshindernisse für den afrikanischen Kontinent. Doch jetzt gibt es Hoffnung: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt erstmals die breite Anwendung eines Vakzins. Auch Biontech entwickelt einen Impfstoff

Seit mehr als drei Jahrzehnten forscht die Wissenschaft an einem Impfstoff gegen Malaria. Die Krankheit gilt als einer der größten Plagen der Menschheit. Bislang hat es nur ein Wirkstoff von Dutzenden Kandidaten in die finalen Phasen der klinischen Erprobung geschafft. Nun hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für das Vakzin RTS,S – entwickelt vom britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) – die Zulassung empfohlen. Das Serum sei sicher für Kleinkinder in Regionen mit einem hohen Aufkommen des tödlichsten Erregers von fünf Parasiten, die Malaria übertragen.

Das trifft vor allem auf Afrika zu, wo 94 Prozent der Krankheitsfälle auftreten. Weltweit starben 2019 insgesamt 409.000 Menschen an den Folgen der Malaria. Das gesundheitliche Risiko ist am größten für Schwangere und Kleinkinder. Alle zwei Minuten erliege ein Kind den Folgen der Krankheit, sagt die WHO-Regionaldirektorin für den Kontinent Mathshidiso Moeti. Infizierte Kinder bleiben als Folge häufig Wachstums- und Lernprobleme.

Infografik: Malaria ist in Afrika die 7-häufigste Todesursache | Statista

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Die Krankheit ist somit eine schwere Hypothek für die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung. Schätzungen, wie sehr Malaria die afrikanischen Volkswirtschaften ausbremst, gehen von jährlich mehr als 12 Mrd. Dollar aus. Diese Zahl berücksichtigt die Belastung des Gesundheitswesens, Ausfälle im Job, verlorene Bildungszeit, geringere Produktivität sowie ausbleibende Investitionen und Touristen.

Wie der WHO-Leiter des Globalen Malaria-Programms (GMP), Pedro Alonso, sagt, sind diese Angaben zwar einige Jahre alt, aber sie zeigten die Dimension substanzieller Wachstumsverluste, wenn Kinder nicht zu gesunden Menschen heranwachsen können und Erwachsene beeinträchtigt bleiben. Eine jüngere Studie in Mosambik kam zu dem Schluss, dass jeder schwere Malaria-Fall den öffentlichen und betroffenen privaten Haushalt mit jährlich 100 Dollar belastet.

Millionenfach verabreicht

Aktuell arbeiten mehrere Firmen an Malaria-Vakzinen und verfolgen dabei unterschiedliche Technologien – darunter die Mainzer Firma Biontech, die erfolgreich ein Covid-19-Vakzin auf den Markt gebracht hat. Der Wirkstoff von GSK, der mit der gemeinnützigen PATH-Initiative entwickelt und unter anderem von der Bill & Melinda Gates-Stiftung gefördert wurde, firmiert unter dem Handelsnamen Mosquirix. Er wurde in den entscheidenden Feldversuchen in Malawi, Kenia und Ghana an 800.000 Kindern erprobt und zwei Jahre lang im Zuge von Routineimpfungen 2,3 Millionen mal verabreicht.

Im Ergebnis wird das Risiko einer schweren Erkrankung erheblich reduziert, so Dyann Wirth, Vorsitzende des Malaria-Politikbeirats (MPAG). In der letzten Testphase wurden vier Spritzen in regelmäßigen Abständen bis zum 18. Lebensmonat gegeben. Schwere und tödliche Krankheitsverläufe seien um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Das mag gering erscheinen. Forscher betonen jedoch, dass Kinder sich bisweilen bis zu sechs Mal im Jahr anstecken. In Afrika sterben so jährlich 260.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. GSK unterstreicht, in Kombination mit saisonaler Malaria-Prophylaxe (SMC) könnten Krankenhausaufenthalte zu 70 Prozent vermieden werden.

Die Wirkung werde also gewaltig sein, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. Dennoch sieht er noch einen langen Weg bis zur Ausrottung der Krankheit. Für den nächsten Schritt, die Verbreitung über nationale Impfprogramme, ist die internationale Impfallianz Gavi gefragt, die mit Hilfe westlicher Geberstaaten und der Gates-Stiftung Impfstoffe zu günstigen Bedingungen einkauft und in die Gesundheitssysteme von Entwicklungsländern einbringt.

Für die Produktion und den Technologietransfer hat GSK nach WHO-Angaben einen indischen Partner ausgesucht. Wie der Konzern selbst in London mitteilte, will er zunächst 15 Millionen Dosen jährlich zum Preis von fünf Prozent über den Herstellungskosten verfügbar machen.

Ansporn für mRNA-Wirkstoff

Die Afrikanische Union (AU) ist mit Unterstützung der WHO und einigen Schwellen- und Industrienationen bestrebt, auf dem Kontinent eine eigene Produktion für Impfstoffe aufzubauen. Konkrete Ansätze gibt es bereits in Südafrika und Senegal. Gelingt mithilfe westlicher Pharmahersteller ein Technologietransfer – wie er gegenwärtig für die Produktion von Corona-Wirkstoffen geplant ist –, kann sich daraus großes Potenzial auch für die Fertigung von Malaria-Vakzinen ergeben.

So erhofft sich die Chefwissenschaftlerin der WHO, Soumya Swaminathan, von der Zulassung des GSK-Vakzins auch einen Impuls für die weitere Entwicklung der mRNA-Technologie sowohl gegen Malaria wie auch gegen Tuberkulose. Die WHO arbeite mit Pharmafirmen daran, Fahrpläne zu erarbeiten. Biontech will nach eigenen Angaben in verschiedenen Ländern mehrere Impfstoffkandidaten testen. Ab Ende nächsten Jahres soll der vielversprechendste davon in klinischen Studien erprobt werden.

Biontechs Ansatz ist es, den Erreger frühzeitig bei seinem Eintreten in den Körper mit einer Immunantwort aufzuhalten, wie CEO Sahin es formulierte. Denn die Erforschung eines Vakzins galt auch deshalb bislang so schwierig, weil die Parasiten im Körper mehrere Lebensstadien durchlaufen und ein extrem komplexes Infektionsgeschehen bewirken.

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