BuchauszugProjekt Lightspeed – der Weg zum Biontech-Impfstoff

Impfstoff von Biontech/Pfizer: Das Vakzin wurde in Rekordzeit entwickeltIMAGO / ZUMA Wire


Das Buch „Projekt Lightspeed. Der Weg zum Biontech-Impfstoff – und zu einer Medizin von morgen“ von Joe Miller, Uğur Şahin und Özlem Türeci ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Einen Auszug aus dem neunten Kapitel lesen Sie hier:


Es war der Sonntag nach Donald Trumps Wahlniederlage, und der kollektive Seufzer der Erleichterung im Gesundheitswesen und in der Wissenschaft war fast hörbar. Ja, in den USA hatte die Zahl der neuen Corona-Fälle vier Tage in Folge Rekordhöhe erreicht, mit dem Spitzenwert von 130.000 Neuinfektionen am Samstag, und ja, Anthony Fauci, der führende Experte für Infektionskrankheiten in den USA, hatte der Bevölkerung erklärt, es stehe „eine Menge Leid“ bevor.

Aber der designierte Präsident Joe Biden hatte in seiner Rede zum Wahlsieg versprochen, sich der Pandemie mit einem „wissenschaftlich fundierten“ Plan zu stellen, sodass sich die überreizten Nerven derer, die an vorderster Front kämpften, etwas beruhigten. Ihre äußerst wichtige Arbeit würde bald von einer speziell dafür eingerichteten Taskforce koordiniert werden, um, wie Biden es ausdrückte, „Covid unter Kontrolle zu bekommen“.

In Deutschland allerdings waren Uğur und Özlem alles andere als beruhigt. Stattdessen befand sich das normalerweise nicht aus der Fassung zu bringende Paar in einem Zustand nie gekannter Anspannung.

Uğur Şahin und Özlem Türeci bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im März 2021
Uğur Şahin und Özlem Türeci bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im März 2021 (Foto: IMAGO / Political-Moments)

Ihr Bangen hatte nur wenig mit dem Führungswechsel im Weißen Haus zu tun. Irgendwann in den kommenden Stunden, das wussten die beiden Ärzte, würde ein unabhängiger Ausschuss seine erste Bewertung der Wirksamkeit ihres Impfstoffs vornehmen. Die für eine ordnungsgemäße Bewertung erforderliche Anzahl der Infektionen unter den Studienteilnehmern – zum Leidwesen von Trump von 32 auf 62 erhöht – war einige Tage zuvor ziemlich sicher überschritten worden, aber es hatte eine Weile gedauert, bis die in Kliniken von Berlin bis Buenos Aires durchgeführten Tests und damit verbundenen Laboruntersuchungen eine doppelte Überprüfung erfahren hatten.

Nun erfuhr durch die sogenannte „Entblindung“ eine Gruppe von Experten in ihren jeweiligen Wohnzimmern überall auf der Welt, welche Covid-19-Fälle unter den Probanden doppelt geimpft waren und wie viele der Erkrankten ein Placebo erhalten hatten. Bald würden sie berechnen, ob das „Projekt Lightspeed“ sein Ziel erreicht hatte: die Entwicklung eines funktionierenden Impfstoffs gegen ein Virus, das die gesamte Welt als Geisel hielt.

Der heikelste Teil des Projekts, die Studie mit Zehntausenden von Freiwilligen in sechs Ländern, verlief bislang fast reibungslos, was bemerkenswert war. Der Testlauf rekrutierte Freiwillige in einem noch nie dagewesenen Tempo, obwohl man sich gezwungen sah, dem Virus rund um den Globus zu folgen, da die Infektionswellen zu- und abnahmen.

Biontech hatte sich von einer Firma, die in den zwölf Jahren ihres Bestehens bisher nur ein paar tausend Dosen eines Medikamentes hergestellt hatte, zu einem Unternehmen entwickelt, das nun ausreichend mRNA für Zehntausende Impfungen innerhalb von wenigen Wochen produzierte. Die Teams von Biotechnikern des österreichischen Zulieferers Polymun hatten rund um die Uhr in Schichtdiensten gearbeitet, um die mRNA mit Lipiden zu umhüllen und das Material an ungefähr 150 Studientestzentren rund um den Globus zu liefern.

„Er funktioniert phantastisch“

Während AstraZeneca, Johnson & Johnson und Eli Lilly ihre jeweiligen Covid-19-Studien – wie es das Verfahren vorschreibt – in der Spätphase vorübergehend unterbrechen mussten, um potenziell impfstoffbedingte Erkrankungen bei den Studienteilnehmenden zu untersuchen, hatten BioNTech und Pfizer auf fast wundersame Weise keine derartigen Vorfälle beobachtet.

„Projekt Lightspeed. Der Weg zum Biontech-Impfstoff – und zu einer Medizin von morgen“ ist am 14. September im Rowohlt-Verlag erschienen. 352 Seiten, Preis: 22 Euro

Tatsächlich berichteten die Probanden mehr oder weniger von den gleichen leichten Symptomen wie bei der ersten Studie am Menschen – Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, Müdigkeit und gelegentlich leichtes Fieber – , wobei nur vier Prozent so starke Nebenwirkungen spürten, dass sie in ihrem Alltag beeinträchtigt waren. Das glich einer nahezu perfekten Testreihe, durchgeführt mit „Lichtgeschwindigkeit“. Aber niemand der Beteiligten – weder die Wissenschaftler, noch die Ärzte, noch die Patientinnen und Patienten, noch das Klinikpersonal, noch Uğur und Özlem – wusste, ob sich die ganze Arbeit lohnen würde, ob die bedrohliche Krankheit, die dieses Virus auslöst, von einem Impfstoff verhindert werden konnte oder ob es sich in eine Reihe von Erreger wie HIV und Malaria einordnen würde, gegen die sich die Menschheit bislang nicht ausreichend schützen konnte.

Da sie nicht genau wussten, zu welcher Zeit das Urteil verkündet werden würde, versuchten sich Uğur und Özlem mit Arbeit abzulenken. „Meine Eltern waren den ganzen Tag angespannt, und wir haben nicht wirklich miteinander gesprochen.“ Der Anruf kam um 20 Uhr. „Meine Mutter sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, und dann klingelte das Handy meines Vaters“, sagt die Tochter des Paars, „und die Person am anderen Ende der Leitung fragte: Bist du allein?“ Albert Bourla, CEO von Pfizer, war auf Lautsprecher, aber Özlem und ihre Tochter nickten Uğur eifrig zu, als wollten sie sagen: Er soll weiterreden. „Willst du das Ergebnis der Daten hören?“, fragte Bourla und setzte dabei das akustische Äquivalent eines Pokerface auf. „Nein“, scherzte Uğur, aber sein Versuch, einen Witz zu machen, verpuffte. Die nächsten zwei Sekunden fühlten sich an wie eine Ewigkeit, bis Albert Bourla die Anspannung löste und herausplatzte: „Er funktioniert!“ Und nach einer Pause, in der er das sacken ließ, fügte er hinzu: „Er funktioniert phantastisch.“

Weniger als zehn Monate, nachdem Uğur und Özlem – in exakt demselben Zimmer – die Möglichkeit diskutiert hatten, einen mRNA-Impfstoff gegen ein namenloses Pathogen in China zu entwickeln, wurde ihr Spitzenprodukt bei der Krankheitsvorbeugung mit mehr als neunzig Prozent Wirksamkeit bewertet. Ein winziger Organismus, der vom Tier auf den Menschen übergesprungen war, hatte die Welt zum Stillstand gebracht. Er hatte mehr als eine Million Menschenleben gefordert und schien auf dem Weg zu sein, Millionen weitere zu fordern. Eine Phase-I- Studie hatte gezeigt, dass der Impfstoff vollkommen imstande war, alle Kräfte des Immunsystems zu aktivieren und dies auch gründlich zu erledigen – Uğur hatte in Interviews die Immunantwort als «ideal» bezeichnet. Doch das Paar war sehr gespannt, wie der Feind SARS-CoV-2 reagieren würde, wenn er mit diesen Truppen konfrontiert würde. Allen Widrigkeiten zum Trotz war es durch wissenschaftliches Bestreben gelungen, das Virus zu besiegen – so viel war nun klar.

 


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