Horst von Buttlar Elon Musk, Twitter und die Rache der Sith

Fotomontage: Elon Musk greift nach einem Smartphone auf dem das Twitter-Logo zu sehen ist
Gefahr für die Meinungsfreiheit? Elon Musk greift nach Twitter
© IMAGO / Political-Moments
Die Übernahme von Twitter durch den Tesla-Chef ist ein spektakulärer Stunt. Sie ist aber auch nicht die libertäre Gefahr, zu der sie nun aufgebauscht wird. Vor allem ist sie aber einen Weckruf für die Regulierung

Die Aufregung um die spektakuläre Übernahme von Twitter durch Elon Musk ist im Kern eine Projektion: Zugespitzt ist es die Angst vor einem Comeback Donald Trumps, das seit zwei Jahren als große dunkle Wolke über einem ohnehin schon dunklen Erdball hängt. Die Angst, dass Musk mit seinem Einsatz für Meinungsfreiheit dem Ex-Präsidenten die Rückkehr auf Twitter und dann ins Weiße Haus ebnet – ein Handlungsstrang wie die Star-Wars-Episode „Die Rache der Sith“. Eine neue Herrschaft des Dark Lords und anderer Gestalten, die doch eigentlich verbannt waren.

Aber stellen wir es uns mal andersherum vor, im Sinne der Rückkehr der Jedi-Ritter: Stellen wir uns vor, Twitter hätte in den vergangenen Jahren wichtige liberale und linke Stimmen ausgestoßen und Accounts gesperrt – Elon Musk würde nun als Retter und Befreier gefeiert. Was uns zeigt, dass die Aufregung um die Übernahme und all die Ängste und Sorgen um die Debattenkultur und Meinungsfreiheit – die Musk ja angeblich retten will – keinem kategorischen Imperativ folgt.

Tempo, Wildheit und Chuzpe

Jenseits dieser Metaebene und Psychologie ist der Deal, sofern er nicht noch scheitert, spektakulär, aber nicht singulär. Dass Unternehmen von der Börse genommen werden, hat es immer gegeben, meist sind Gründer oder Privatinvestoren im Spiel, oft in neuen Allianzen. Nehmen wir den Computerhersteller Dell: Da war es 2013 der Gründer Michael Dell, der zwei Jahre nach dem 25-Mrd.-Dollar-Deal noch die Übernahme des IT-Unternehmens EMC für 67 Mrd. Dollar einfädelte und später die Tochter VMWare abspaltete. Was im Rückblick viel waghalsiger war.

Was bei Musk wie immer überrascht, sind Tempo, Wildheit und Chuzpe – er macht eben alles in Tesla-Geschwindigkeit. Keine Präsentation, sondern ein paar Tweets und TED-Talks. Seine Fähigkeit, innerhalb von Wochen eine 44-Mrd.-Dollar-Übernahme zu stemmen, als sei es aus einer Laune heraus, fasziniert und bedrückt zugleich. Er hätte ja auch sagen können: Ich kaufe Daimler. Oder BASF (mit einer Marktkapitalisierung von 46 Mrd. Euro nahezu das gleiche Volumen). Als seien für den reichsten Menschen der Welt Unternehmen nur Spielzeuge, auf die man gerade Lust hat, die man mit Fingerschnippen besitzen kann. Dass er auch Coca-Cola kaufen könnte, hat Musk ja bereits getwittert.

Aus wirtschaftlicher Perspektive ist Twitter wenig attraktiv, auch wenn es der globale „De-facto-Marktplatz“ ist, wie Musk sagt. Das soziale Netzwerk hatte zuletzt 229 Millionen aktive Nutzer – zwar eine Steigerung wegen des Ukraine-Krieges –, Twitter bleibt aber viel kleiner als Facebook, auch als Tiktok oder Snapchat. Der Aktienkurs bräuchte dringend ein paar Likes und Retweets, und die Werbung hat nie so gezündet wie bei Facebook oder Google.

Umsatz und Gewinn sind aber auch nicht das Interesse von Musk, geschweige denn, das Anzeigengeschäft zu beleben. „Ich interessiere mich überhaupt nicht für die Wirtschaft“, sagte er Anfang April auf einer TED-Konferenz in Vancouver. „Es ist einfach mein starkes, intuitives Gefühl, dass eine öffentliche Plattform, der man maximal vertrauen kann und die alle einschließt, für die Zukunft der Zivilisation extrem wichtig ist.“ Nun will er Twitter „inklusiver“ machen, was immer das heißt – und hier beginnt die Projektion. Denn demnach liegt ja die Zukunft der Zivilisation in der Hand eines Mannes, der schon mal bei einem Interview gekifft hat – und im Grunde unberechenbar ist.

Was heißt künftig Freiheit à la Musk?

Mit dem Deal zieht das Unbehagen über die Art und Weise, wie in den vergangenen Jahren Debatten geführt wurden, noch einmal an uns vorbei wie ein schriller Karnevalszug: all die Tweets, mit denen Trump drohte und grollte, Länder erpresste und verschreckte und Weltpolitik machte, all die Lügen, die Bots, die Trolls und Trollfarmen, die Verrohung der Sitten und der Kultur auf Twitter, der Hass in sozialen Netzwerken, die vergeblichen Versuche, Content zu moderieren, zu bändigen, Lügen zu löschen und Fake News aufzufinden, bei denen die sozialen Netzwerke oft wirkten wie der Zauberlehrling, der vergeblich Wasser schöpft. Und nun nagt in vielen das Gefühl, dass all das in der Hand eines Mannes liegt.

Wie viel Freiheit wird er zulassen und was heißt künftig Freiheit à la Musk?

Ein paar Zahlen: In der ersten Hälfte des Jahres 2021 hat Twitter 5,9 Millionen Inhalte entfernt, zwei Jahre zuvor waren es noch 1,9 Millionen. Im gleichen Zeitraum wurden 1,2 Millionen Konten gesperrt, ein Anstieg von 700.000. Ist dies nun das Problem? Oder besser: Was ist künftig das Problem?

Musk hat angekündigt, dass er den Code von Twitter veröffentlichen will, um mehr Transparenz zu schaffen. Was aber schon unterstellt, dass beim Code derzeit nicht alles mit rechten Dingen zu geht. Der Tesla-Gründer schlägt zudem vor, alle Nutzer zu authentifizieren und „die Spam-Bots zu bekämpfen“. Wogegen nichts einzuwenden wäre. Und er werde „sehr vorsichtig mit permanenten Verboten“ sein und „Auszeiten“ bevorzugen – so als müsse man Trump wie einen Schuljungen ein paar Tage vor die Tür stellen.

Der Deal, befand der „Economist“, sei wie „Gamestop für Gazillionäre“. Der wichtigste Marktplatz der Welt liege nun in der Hand eines Menschen, der zwar die Welt verändert habe, mit Raketen und E-Autos. „Ein Wort von ihm – von Kryptowährungen bis hin zu Meme-Aktien – verwandelt Kleinanleger in sabbernde Pawlowsche Tiere.“ Aber Musk bedient auch Vorstufen der Narrative von Trump, der einst „den Sumpf trockenlegen wollte“ – wenn er etwa über Behörden herzieht oder Regulierungen geißelt.

Deal nicht überbewerten

Dennoch sollte man den Deal, der ein wahrer Stunt ist, nicht überbewerten, als eine Tech-Version des Untergangs des Abendlandes. Die Aufregung um ungebändigte Meinungsfreiheit, die Gefahr einer libertären Kontrolle des globalen Marktplatzes hat nicht nur etwas Hysterisches, sondern auch Paradoxes. Denn Musk gibt ja gerade vor, die Meinungsfreiheit retten zu wollen, nur in einer Auslegung, die manchen nicht behagt.

Das Problem, dass die Moderation von Meinungen seit einigen Jahren im Management privater Konzerne liegt, die diese outsourcen wie die Herstellung billiger Vorprodukte, war vorher schon da. Soziale Netzwerke sind gerade wegen ihrer weltumspannenden Netzwerkeffekte kaum zu bändigen, und wir haben ihre Macht seit Jahren diskutiert – inklusive der Frage, ob sie eine Gefahr für die Demokratie sind. Sie waren immer beides: ein Quell wertvoller Informationen (wie wir jetzt wieder im Ukraine-Krieg erleben) und ein Quell befremdlichen Hasses. Abgründe und Errungenschaften lagen schon immer eng beieinander. Man darf gespannt sein, ob sich das ändert, ob in Tesla-Geschwindigkeit oder nicht.

Entscheidend dafür aber ist nicht nur Musk, sondern die Regulierung. Die Übernahme ist insofern auch ein Weckruf. Twitter hat enormen Einfluss auf die Meinungsbildung, und die Übernahme sollte alle Bemühungen befeuern, die sozialen Netzwerke zu kontrollieren.

In der EU ist es das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act), was von den großen Tech-Unternehmen verlangt, dass sie den Aufsichtsbehörden offenlegen, was sie gegen illegale Inhalte und Desinformation tun. Das europäische Vorhaben folgt einer klaren Idee: Was außerhalb des Internets verboten ist, muss auch im Internet illegal sein. Das muss die Maßgabe sein, egal, wem Twitter gehört. Und das ist komplexer als die Auseinandersetzung mit einer Brandenburger Behörde über Echsen und Trinkwasser. Insofern könnte man Elon Musk auch viel Spaß und Erfolg wünschen.


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