KommentarElon Musk macht den Trump

Tesla-Chef Elon Musk
Tesla-Chef Elon MuskGetty Images

Als es am Mittwoch dieser Woche in Kalifornien gerade auf Mittag zuging, brach einer der am meisten bewunderten Unternehmer dieses Planeten in einen Wutanfall aus. Elon Musk, Chef des amerikanischen Elektroautoherstellers Tesla, fühlt sich seit Wochen verfolgt – von Gewerkschaften, Analysten und natürlich Journalisten. Weil sie sein Geschäftsmodell anzweifeln, weil sie auf Probleme in der Produktion verweisen und vor allem, weil sie Fragen stellen. Zum Beispiel danach, warum erst so wenige Exemplare des Massenmodells 3 hergestellt wurden. Oder ob Tesla nicht angesichts enormer Ausgaben weiteren Kapitalbedarf hat. Es sind legitime Fragen. Aber Fragen, die Elon Musk nicht hören möchte.

An diesem Mittwochvormittag hatte sich Musk die Medien vorgenommen, und weil man so etwas heute öffentlich tut und nicht mehr nur vor der eigenen erschrockenen Bürohilfe, ergoss sich sein Wutanfall auf Twitter. Zuerst unterstellte er „den Journalisten“, es gehe ihnen nur um „Anzeigen-Dollars“, weshalb sie angeblich nur ihn kritisierten, nicht aber die Werbung schaltenden traditionellen Autokonzerne. Dann kündigte er an, ein Internet-Portal namens „Pravda“ einzurichten, auf dem eine nicht näher definierte „Öffentlichkeit“ die Glaubwürdigkeit von Presseartikeln einschätzen soll. Und schließlich ließ er in einer eilends aufgesetzten Twitter-Umfrage über diese Idee abstimmen.

Das alles ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen offenbart es die Wehleidigkeit eines Konzernchefs, der jahrelang als großer Innovator gefeiert worden war (absolut zurecht) und der jetzt im Grunde zum ersten Mal wirklich kritische Fragen von Analysten und Medien aushalten muss (auch das zurecht). Zum anderen ähnelt dieses Kritiker-Bashing auf erschreckende Weise einem anderen Twitter-Nutzer, dessen vorübergehender Wohnsitz das Weiße Haus in Washington ist. Beide, Donald Trump und Elon Musk, verweigern sich spezifischen Fragen. Sie attackieren im Gegenzug sehr unspezifische Gruppen mit nicht nachprüfbaren und allgemein gehaltenden Anschuldigungen. Und sie lassen sich dafür von einem johlenden Twitter-Publikum feiern. Es geht in beiden Fällen nie, wirklich nie, um ernst gemeinte Medienkritik, mit der man sich auseinandersetzen könnte. Es geht um beleidigte Ausbrüche, die das Bauchgefühl eines Teils der Menschen bedienen.

Elon Musks Attacke zeigt, dass das Prinzip Trump viel tiefer Einzug gehalten hat als nur in den obersten Rängen der amerikanischen Politik. Es findet sich bei Demagogen wie dem ungarischen Premier Viktor Orban, bei Silicon Valley-Unternehmern, die Kritik an ihrem Produkt als Majestätsbeleidigung auffassen, aber auch bei politischen Aktivisten, die, ohne präzise zu werden, von zunehmender Ungleichheit auf der Erde schwadronieren. Dahinter steht eine wachsende Unlust, sich mit Fakten und legitimen Fragen auseinanderzusetzen – so lange man nur genug Internetnutzer dazu bringt, einem auf einer sozialen Plattform zuzustimmen. Zwei Millionen Likes können nicht lügen, oder?

Die große Frage ist: Wird sich dieses Prinzip durchsetzen? Elon Musk hat im Rahmen seines Wutausbruchs den Medien attestiert, sie hätten den Wahlsieg Donald Trumps befördert, weil sie „seit langem ihre Glaubwürdigkeit“ verloren hätten (auch hier wieder: nichts konkretes, keine präzisen Beispiele). Die steigenden Leserzahlen bei den US-Flaggschiffen „New York Times“ und „Washington Post“ seit Trumps Amtsantritt allerdings weisen eher nicht darauf hin, dass die Menschen das Vertrauen in die traditionellen Medien verloren haben. Mit der Glaubwürdigkeit ist es so eine Sache. Man kann sie mit lautem Geschrei den anderen absprechen. Oder man kann sich durch Taten darum bemühen, selbst glaubwürdig zu werden. Die Hoffnung ist, dass der zweite Weg der langfristig erfolgreichere bleibt.