USAEin Jahr Trump – vier Mythen, die sich als Irrtum erwiesen haben

US-Präsident Trump spricht, im Hintergrund ist eine Statue von Abraham Lincoln zu sehen
Ein Jahr Donald Trump: Was Abraham Lincoln wohl über seinen Nachfolge gesagt hätteGetty Images

Mythos #1: Solange die Wirtschaft gut läuft, ist Trump in der Bevölkerung beliebt

Wenn Trump es schafft, den Leuten Jobs zu geben, sitzt er fest im Sattel – so die landläufige Meinung vor einem Jahr. Nun, die Wirtschaft läuft tatsächlich sehr gut. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Börsen boomen, der Aufschwung setzt sich fort. Einzig: Trump ist unbeliebt in der Bevölkerung. Das ist wirklich bemerkenswert. Denn kein Präsident der jüngeren Vergangenheit konnte sich im ersten Jahr einer so guten wirtschaftlichen Lage erfreuen. Doch jeder andere war beliebter als Trump. Und so manifestiert sich der Eindruck: Trump kann aus der guten wirtschaftliche Situation kein politisches Kapital schlagen. Offenbar vermiesen die Negativ-Schlagzeilen rund ums Weiße Haus die eigentlich komfortable Lage für den Amtsinhaber. Das macht offenbar auch Teile der republikanischen Partei langsam nervös.

Mythos #2: Dank der Mehrheit in beiden Kammern kann der Präsident quasi alles durchsetzen

Seit sieben Jahren war es das Hauptprojekt der Republikaner: Die Rückabwicklung des Obamacare-Versicherungssystems. Doch trotz Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus haben sie es selbst in mehreren Anläufen nicht geschafft, dieses Kernziel zu erreichen. Es hat sich gezeigt: In Teilen sind die unterschiedlichen Lager in der Partei fast unvereinbar. Nach einem Jahr gibt es auch nicht das versprochene Investitionspaket und keinen Mauerbau an der mexikanischen Grenze. Einzig die Steuerreform hat geklappt. Viel zu wenig für eine Präsidentschafts-Phase mit einer solchen Mehrheit im Kongress. Wer hätte das vor zwölf Monaten gedacht? Doch was im Taumel des Wahlsiegs etwas untergegangen ist: Die Koalition an Wählergruppen und Lagern, die Trump in einem kurzen Momentum im November 2016 hinter sich bringen konnte, ist einfach extrem divers und brüchig. Trump hat die Partei gekapert, zum zähneknirschenden Unwillen des republikanischen Establishments. Nun schaut man dort mit Sorgen auf die Zwischenwahlen im November: Stand jetzt würde nach Ansicht zum Beispiel der Datenjournalisten von FiveThirtyEight vor allem das Repräsentantenhaus klar an die Demokraten gehen. Auch der Senat könnte kippen. Dann wäre der Traum vom „Durchregieren“ endgültig geplatzt.

Mythos #3: Die Trump-Wähler halten unbeirrbar zu ihrem Präsidenten

Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten diese Reportagen aus dem amerikanischen Hinterland. Sie zeigten Trump-Fans, die auch nach Monaten voll Chaos im Weißen Haus, voll irrer Tweets und ständig neuen Entwicklungen bei den Russland-Ermittlungen erstaunlicherweise felsenfest zu Trump halten. Keine Frage: Diese Menschen gibt es und sie lassen vor allem viele europäische Beobachter staunen. Doch diese anekdotische Evidenz ist zugleich irreführend, weil sie nur einen Ausschnitt zeigt. Die Demoskopie gibt das Bild, das die Medien-Berichte aus „Trump-Land“ vermitteln, nicht mehr her – sagt schon seit langem der bekannte Prognostiker Nate Silver. Es gibt sie die unbeirrbaren Hardcore-Fans. Doch es gibt auch eine substanzielle Zahl Amerikaner, die Trump 2016 gewählt haben, doch dann bereits recht früh enttäuscht von ihm abrückten. Sämtliche Querschnitte aus einer Vielzahl von Befragungen – in die sogar parteiische, konservative Umfragen wie Rasmussen oder Fox News einfließen – zeigen allesamt, dass Trump seit der Wahl gut 10 bis 15 Prozent der Befürworter weggebrochen sind. Mehr noch: Gerade dort wo Trump bei der Wahl den Demokraten am stärksten Stimmen geklaut hat, laufen ihm offenbar die Wähler wieder weg.

Mythos #4: Trump bringt Amerika auf den Weg in eine Autokratie

Das vielleicht wichtigste Fazit nach einem Jahr US-Präsident Trump: Die Institutionen dieser großen Demokratie sind stärker als manche vor einem Jahr befürchtet hatten. Die von Trump so viel gescholtenen „Mainstream“-Medien lassen sich von allen Sprüchen und neuen Umgangsformen nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Sie scheinen umso motivierter, geradezu beflügelt und erleben eine neue Blütezeit bei den Abonnentenzahlen. Auch die Russland-Ermittlungen hat Trump bislang nicht unterbinden können. Und ob in den Geheimdiensten, in den Ministerien, im Militär oder im Justizsystem  – überall gab es in den vergangenen Monaten Menschen, die sich offen oder auf indirekten Kanälen gegen den Präsidenten gestellt haben. Man könnte gar die These aufstellen, dass sich mit Ex-Militärs wie Kelly, Mattis und McMaster sowie Außenminister Tillerson eine Art „Zirkel der Vernunft“, zum Schutz der nationalen Sicherheit um den labilen Präsidenten gebildet hat – was manch einer zuletzt immer wieder flapsig als „Adult Day-Care-Center“ im Weißen Haus beschrieben hat. Nach einem Jahr Präsidentschaft lässt sich also festhalten: Die demokratischen Institutionen Amerikas sind bislang stärker als der großmaulige Präsident.