KolumneEin bisschen Thyssenkrupp bei BASF

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Die Corona-Krise, der weltweite Einbruch der Nachfrage, die Nöte der Autoindustrie – es gibt viele Probleme, mit denen der BASF-Vorstand gegenwärtig kämpft, aber die er nicht selbst beeinflussen kann. Die schlechten Umsatz- und vor allem Gewinnzahlen, die BASF-Aktionäre in der letzten Woche zu hören bekamen, interpretieren viele deshalb als die bloße Konjunkturreaktion eines sehr zyklischen Konzerns. Überall in den Medien konnte man dieses Erklärungsmuster lesen. Das „Handelsblatt“ widmete dem Thema „BASF als Indikator für die ganze deutsche Wirtschaft“ am letzten Donnerstag sogar seine Titelgeschichte.

Doch was in der Vergangenheit stimmte, gilt heute nur noch zum Teil. Zu den zyklischen Effekten der globalen Krise kommen strukturelle Probleme bei der BASF. Der größte Chemiekonzern der Welt leidet unter globalen Überkapazitäten bei wichtigen Chemieprodukten – und das nicht erst seit der Corona-Krise, sondern bereits davor. Es geht zum Beispiel um die beiden Vorprodukte TDI und MDI, die in der Industrie zur Herstellung von Klebstoff, Dämmmaterial, Matratzen, Schaumstoff oder Autolack zum Einsatz kommen. Seit einigen Jahren gehen vor allem in China und in den Erdölländern im Nahen Osten immer neue TDI- und MDI-Anlagen in Betrieb. Der chinesische Chemieriese Wanhua betreibt mittlerweile fünf große Werke in der ganzen Welt und dominiert den Sektor. Bei MDI sieht sich Wenhua als Kostenführer und diktiert streckenweise die Preise. Sogar in Europa verkaufen die Chinesen mittlerweile mehr TDI als ihre deutschen Konkurrenten Covestro und BASF.

Ein bisschen erinnert die Lage in der deutschen Chemie inzwischen an die Misere der deutschen Stahlindustrie. Da sind die Chinesen und andere Exporteure, die mit niedrigeren Preisen und immer höheren Qualitäten auf die Verdrängung ihrer europäischen Konkurrenten setzen. Und da ist eine deutsche Industrie, die keine wirkliche Antwort auf die veränderte Wettbewerbslage findet. Thyssenkrupp setzte Mitte der Nuller Jahre auf einen Befreiungsschlag – mit dem Neubau eines Stahlwerks in Brasilien und eines dazu gehörigen Walzwerks in den USA. Doch das Projekt scheiterte spektakulär, kostete dem Konzern über 10 Mrd. Euro und schickte Thyssenkrupp auf eine gefährliche Talfahrt, die bis heute anhält.

BASF hat zwei große Probleme

Die BASF SE muss aufpassen, in den nächsten Jahren nicht in eine ähnliche Abwärtsspirale zu geraten wie Thyssenkrupp in der Stahlindustrie. Natürlich soll man den Vergleich nicht überreizen: Mit hohem Eigenkapital und vielen gesunden Geschäften kann man den Konzern nun wirklich nicht zum allgemeinen Krisenfall erklären. Aber zwei große Probleme muss BASF lösen – und je schneller, desto besser. Der Konzern muss eine Antwort auf die wachsenden Überkapazitäten bei Basischemikalien und Kunststoffen finden. Und er muss seine Investitionsstrategie überprüfen.

Ähnlich wie Thyssen-Krupp damals mit seinem Amerika-Projekt, setzt die BASF SE ihr ganzes Wohl und Wehe auf ein weiteres großes Milliardenprojekt in China. Was als Angriff auf dem Heimatmarkt der allergefährlichsten Wettbewerber gedacht ist, könnte sich in den nächsten Jahren in einen Klotz am Bein des ganzen Konzerns verwandeln. Die politische Großwetterlage ändert sich, China gerät immer stärker unter Druck, handelt selbst immer aggressiver und nimmt noch weniger Rücksicht auf die Interessen ausländischer Konzerne als bisher schon. Der BASF-Vorstand ist darauf noch nicht genügend vorbereitet.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.