E-CommerceWie Amazon nur für Händler: Ankorstore sammelt 100 Mio. Dollar ein

Nicolas D'Audiffret ist einer der Gründer von Ankorstore. Ankorstore

Wer privat online einkaufen will, nutzt dafür mit großer Wahrscheinlichkeit Plattformen wie Amazon, Ebay oder Otto. Wer einen eigenen Laden hat und dafür Waren sucht, der hat oft ein Problem: Mit Herstellern in Kontakt zu treten, kann zeitaufwändig sein, oft müssen Händler eine große Menge Waren abnehmen – auch wenn sie nicht wissen, ob die Kunden das Angebot am Ende annehmen. Was bisher fehlte war eine Plattform, auf der ein Händler in Berlin mit einer Marke aus Madrid in Kontakt treten kann.

Was in der Welt des Online-Einzelhandels bereits gelernt ist, wird jetzt auch im Business-to-Business-Bereich kommen. Denn das französische Unternehmen Ankorstore bietet Einzelhändlern seit November 2019 genau das an: Ein kurratiertes Angebot aus rund 5000 Marken, einen vereinfachten Bestellprozess und eine Abwicklung bis hin zum Versand. E-Commerce, nur für B2B.

100 Millionen Dollar

Um seine Expansion in Europa voranzutreiben hat das Unternehmen in einer B-Series Finanzierungsrunde jetzt 100 Mio. Dollar eingenommen. Die Ziele: Die Präsenz auf den europäischen Märkten stärken, noch mehr Marken an Bord holen und mehr Einzelhändler auf die Plattform locken. Die wichtigsten Geldgeber dieser Finanzierungsrunde von Ankorstore sind Tiger Global und Bain Capital Ventures.

Ganz neu ist das Geschäft nicht. In Deutschland nutzen laut Eigenangabe bereits mehrere tausend Händler den Tech-Service der Franzosen. Insgesamt bringt das Unternehmen bisher 5000 Marken mit rund 50.000 Einzelhändlern in Kontakt.

Im Einzelhandel galt bisher: Ladenbesitzer, die ein Produkt verkaufen wollten, mussten selbst mit dem Hersteller in Kontakt treten, erklärt Nicolas D’Audiffret, einer der Gründer von Ankorstore. „Wer, sagen wir, ein Geschäft und einen Onlineshop betreibt, musste bisher auf Messen gehen, im Internet oder auf sozialen Medien nach neuen Produkten suchen“, sagt D’Audiffret. „Das war bisher sehr zeitintensiv und anstrengend.“ Und: Wer ein Produkt gefunden hat, musste dann mit jedem einzelnen Händler und mit jeder Marke in Verhandlungen gehen, Konditionen ausarbeiten, den Versand und die Zahlung organisieren.

Einfachere Prozesse dank E-Commerce

Ankorstore will diesen Prozess vereinfachen – für die Ladenbesitzer, aber auch für die Marken. Auf seiner Plattform würden nun die Marken gesammelt, Händler können sie – nach Kategorien sortiert – suchen, ansehen und bestellen. „Wer mit uns arbeitet, bekommt innerhalb von zwei Minuten Zugang zu allen Marken in unserem Portfolio“, sagt D’Audiffret. Was sonst oft Jahre dauern könne, ginge nun wesentlich schneller. Ein Vorteil im hart umkämpften Markt; vor allem, wenn man bedenkt, dass heute jeder Laden potenziell in Konkurrenz mit Händlern aus der ganzen Welt steht.

Nicht nur das Finden von Waren soll mit Ankorstore schnell gehen. Das Unternehmen verspricht auch Sicherheit. In der alten Welt mussten Händler, die das erste Mal mit neuen Marken zusammenarbeiten und deren Produkte verkaufen wollten, oft eine Mindestmenge an Waren abnehmen. „Das ist eine riskante Wette für ein kleines Business“, sagt D’Audiffret – eine, die schnell nach hinten losgehen kann. Ankorstore ermögliche es, auch kleinere Mengen einzukaufen. Für viele Händler bedeutet das ein niedrigeres Anfangsinvestment und die Möglichkeit, eine Art Testballon zu zünden.

Für die kleinen Läden, meint D’Audiffret läge der Vorteil damit auf der Hand. Aber auch für die Marken. Denn die müssten nun ihre Beziehungen zu den Händlern nicht mehr selbst managen. Von der Bestellung, über die Bezahlung, bis hin zum Versand nimmt Ankorstore alles ab. Bei einem Erstkontakt verlangt das Unternehmen dafür einen Anteil von 20 Prozent, bei allen weiteren Bestellungen noch 10 Prozent. Darin enthalten: Die Versandkosten.

Wachstum trotz Schließungen

Viele Händler, die Waren über Ankorstore kaufen, sind stark von den Corona-Maßnahmen betroffen. Trotzdem verdreifachte sich in den ersten vier Monaten dieses Jahres das Geschäft. Die jetzt in Europa anstehenden Öffnungen sehen die Franzosen als eine große Wachstumschance, da die Händler nun schnell ihre Regale wieder auffüllen müssen, um nach dem Lockdown Kunden anlocken zu können.

Mit dem Geld aus der Finanzierungsrunde will Ankorstore sein Geschäft in Deutschland, in Großbritannien, den Niederlande und in Schweden ausbauen. Geplant sind Büros in Düsseldorf, Berlin, Paris, Amsterdam, London und Stockholm. Bis Ende 2021 will Ankorstore in Deutschland 60 Mitarbeiter einstellen. Deutschland ist schon jetzt der zweitgrößte Markt für das Unternehmen. D’Audiffret erwartet, dass sich das bald ändern könnte und Deutschland zum größten wird.

Besonders das Wachstum während des Lockdowns als viele Läden, die potenzielle Kunden von Ankorstore sind, macht D’Audiffret optimistisch, die gesetzten Ziele erreichen zu können. „Das zeigt, wie tragfähig unser Modell ist“, sagt er. D’Audiffret, der vorher beim Onlinehändler Esty gearbeitet hat, sieht in Ankorstore ein Modell, standardisierter Massenware etwas entgegenzusetzen, wie es sie im B2C-E-Commerce wie bei Amazon gibt.

Vereinfachte und stromlinienförmige Prozesse, so D’Audiffret, würden in Zukunft besonders für die kleinen Einzelhändler wichtiger, wenn sich der Konkurrenz aus dem Internet etwas entgegensetzen wollen. „Wir werden das Geld aus der Finanzierungsrunde daher vorrangig in unsere Technologie investieren“, sagt der Franzose.

 


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