KommentarAmazon - Bezos = Amazon

Jeff Bezos ist das Gesicht von Amazon, zugleich die Zielscheibe der vielen Kritiker des KonzernsIMAGO / ZUMA Wire

Viele Menschen haben zu Amazon eine Hassliebe und ein schizophrenes Verhältnis: Sie reden und lesen über die Marktmacht, den unheimlichen Expansionsdrang und unstillbaren Hunger nach Größe, über den Tod der Innenstädte und den sterbenden Einzelhandel, über Paketwahnsinn und Arbeitsbedingungen in Lagerhallen – und bestellen dann bei: Amazon.

Weil dieses weltumspannende digitale Kaufhaus liefert. Weil es selten enttäuscht. Weil jeder Schritt, von der Bestellung bis zur Retoure, in der Regel: läuft. Und weil wir selbst uns an diesen Klick, mit dem man nahezu alles aus aller Welt bestellen kann, zu sehr gewöhnt haben. Wir sind die Kinder von Amazon, die jeden Tag sofort alles haben möchten (oder zumindest das Gefühl haben wollen, dass sie es können).

Der Rückzug von Jeff Bezos an der Spitze von Amazon und aus dem operativen Geschäft ist eine Zäsur und ein Wachwechsel, der letzte einer Generation von Titanen, die jene weltumspannenden Reiche geschaffen haben, die wir heute bewundern und fürchten. Bill Gates – der schon groß war, als Bezos 1994 loslegte – widmet sich seit vielen Jahren seiner Stiftung. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin haben sich Ende 2019 aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Der Apple-Gründer Steve Jobs starb 2011 viel zu früh an Krebs.

Amazon wird Bezos-Rücktritt „überleben“

Jedes Mal, wenn charismatische Gründer gehen oder sterben, taucht diese eine Frage auf, ob das Unternehmen weiter so bestehen und erfolgreich wachsen wird. Jeff Bezos übergibt Amazon nach einem Jahr, in dem er wegen Covid-19 noch mal voll an der Front mitmischte, in dem der Tech-Konzern noch größer und mächtiger geworden ist. Im letzten Quartal ist der Umsatz des Online-Händlers um 44 Prozent auf gut 125 Mrd. Dollar gestiegen, die Belegschaft wuchs 2020 um atemlose 500.000 Menschen auf 1,3 Millionen. Amazon ist an der Börse derzeit 1,7 Billionen Dollar wert, etwa die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsproduktes.

Infographic: Amazon's Incredible Long-Term Growth | Statista You will find more infographics at Statista

Die Erfahrung lehrt: Auch diese Unternehmen, die so sehr auf ihre charismatischen Gründer zugeschnitten sind, sind nach deren Abschied weiter erfolgreich. Bei Microsoft war es Satya Nadella, der nach der Ära Steve Ballmer den Konzern neu erfand, aus der Abhängigkeit von Windows und Office führte und auf das Cloud-Geschäft ausrichtete. Nach dem Tod von Steve Jobs fürchteten viele, von Analysten bis zu den „Jüngern“, dass Apples Zauber und Perfektion verloren gehe. Das passierte nicht, im Gegenteil, Apple emanzipierte sich vom iPhone (und hat mit 111 Mrd. Umsatz gerade ein Rekordquartal verkündet.)

Andy Jassy, die neue Nummer eins von Amazon, ist der klassische Vertraute und Gefährte, der nun übernimmt. Er ist der Kopf hinter AWS, der Cloud-Sparte, mit der Amazon seit vielen Jahren das meiste Geld verdient hat – etwa die Hälfte des Gewinns, aber nur zehn Prozent des Umsatzes. Er ist seit 24 Jahren bei dem Online-Händler, es gibt also keinen Bruch, sondern Kontinuität.

Doch die Bewahrung des Erbes wird komplex und herausfordernd: Die großen Tech-Konzerne expandieren in zahlreiche Richtungen, und konkurrieren dabei in Überkreuzkämpfen auf mehreren Feldern, sei es in der Cloud, im Streaming oder der Werbung. Die Cashcow AWS wächst, aber nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. Erfolge und Misserfolge, das sollte man nicht verklären, gab es auch immer unter den Titanen: Was bei Google die absurde Brille Google Glass war, war bei Jeff Bezos das Fire Phone.

Die Regulierung droht

Neben den Produkten und Projekten wird oft in Zweifel gezogen, ob die Energie, Leidenschaft und Kultur des Gründers erhalten bleibt. Jeff Bezos ist neben seiner Besessenheit, das ewige Start-up bleiben zu wollen, etwa berühmt für seinen eigenen Stil, Meetings und Konferenzen zu führen (Start mit einer stillen Leserunde, nur zwischen 10 und 12 Uhr und nie nach 17 Uhr, sowie die „Zwei-Pizzen-Regel“: nie mehr Kollegen im Meeting, als von zwei Pizzen satt werden können). Dieser Verlust an Energie kann natürlich passieren, auf den nicht selten die „Rückkehr des Gründers“ folgt oder inszeniert wird – Apple und Google haben das erlebt –, doch dazu ist Andy Jassy zu sehr in dieser Kultur verankert.

Die zentrale Herausforderung für den neuen Amazon-Chef dürfte von anderer Seite kommen: die Regulierung. Seit einigen Jahren wird über die Marktmacht, deren Missbrauch und die Aufspaltung der Tech-Konzerne diskutiert. Bezos stand dabei nicht so sehr im Fokus wie etwa Mark Zuckerberg, weil es bei Facebook immer auch um die Bedrohung der Demokratie geht – doch auch Bezos wurde schon in diesen berühmten Ausschüssen gegrillt. Es gibt Widerstand gegen sein Geschäftsmodell, vor allem geht es um die Behandlung der vielen kleinen Händler auf der Plattform.

Die Zäsur bei Amazon ist also spannend, auch wenn nun viel von Kontinuität die Rede ist – und die meisten von uns werden derweil weiter bestellen, einkaufen und streamen. Und das fast jeden Tag: bei Amazon.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden