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Sanktionen Dubai löst die Schweiz als Umschlagplatz russischer Rohstoffe ab

Die Skyline von Dubai
Die Skyline von Dubai
© IMAGO / Panthermedia
Für Händler russischer Rohstoffe war die Schweiz der natürliche Umschlagplatz. Nun wird es aufgrund der Sanktionen zunehmend ungemütlich für sie. Der Nahe Osten profitiert

Seit Jahrzehnten schon ist die Schweiz die Heimat von Händlern und Mittelsmännern, insbesondere in der Rohstoffbranche. Bislang war das Land auch der wichtigste Umschlagplatz, an dem russische Produzenten mit Käufern in aller Welt zusammengebracht wurden. Nun aber erschwert die Schweiz den Handel mit Moskau zunehmend – und die Rohstoffhändler wandern ab in das Emirat Dubai am Persischen Golf.

So sind die drei größten russischen Ölproduzenten dabei, Dubai als Ort für ihre Handelsaktivitäten zu evaluieren, und mehrere andere Unternehmen haben bereits ihren Sitz dorthin verlagert. Für die Schweiz scheint der Exodus unvermeidlich, nachdem das Land dem Verbot der Europäischen Union für Exporte aus Russland gefolgt ist.

„Der Handel wird weitergehen“, sagte Wouter Jacobs, Direktor des Erasmus Commodity & Trade Center in Rotterdam. „Staaten im Nahen und Fernen Osten werden im Vergleich zu der bisher eher eurozentrischen Situation des Rohstoffgeschäfts an Bedeutung gewinnen."

Banken, Versicherungen und Reeder versagen Unterstützung

Die zunehmend restriktiven Sanktionen erschweren russischen Staatsunternehmen den Handel, auch denjenigen, die für den Transport der Rohstoffe zuständig sind. Zudem stellt die Tatsache, dass viele Unternehmen aus eigenem Antrieb ihre Geschäft mit Russland eingestellt haben, ein Problem dar: Banken haben Kreditlinien, die für die Finanzierung von Geschäften wichtig sind, zurückgezogen, auch Reedereien und Versicherer haben ihre Dienste eingestellt. 

Dubai hat keine Sanktionen gegen russische Personen oder Unternehmen verhängt – und sieht nun seine Chance in Konkurrenz zur Schweiz als Drehscheibe des globalen Rohstoffhandels treten zu können. Obwohl die Schweiz für sich politische Neutralität beansprucht und nicht zulässt, dass Waffen aus dem Land in die Konfliktzone gebracht werden, ist sie der EU mit ihrem strengen Sanktionsregime gefolgt.

Bis Jahresende will die EU die Versicherung und Finanzierung des Transports von russischem Öl in Länder außerhalb der Staatengemeinschaft untersagen. Die Schweiz hat angekündigt, dies ebenfalls zu tun.

„Der Bundesrat hat angekündigt, dass er genau dasselbe tun wird, und das ist ein Teil davon“, sagte eine Sprecherin des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) am Telefon. „Es ist wirklich das Gleiche, wir übernehmen alle Verordnungen der Europäischen Union in Schweizer Recht.“

Handelsverbote erst für Kohle, dann für Öl

Wenn die Verordnung vollständig in Kraft tritt, wird sie den Handel mit russischem Öl mutmaßlich zusätzlich erschweren und das im April verkündete Verbot der Schweiz ergänzen, das es untersagte, mit russischer Kohle zu handeln, sie zu verkaufen und entsprechende Finanzdienstleistungen anzubieten. Aber die Vorschriften werden auch dazu beitragen, dass einige Unternehmen abwandern.

„Der Handel mit Energie zwischen Russland und China wäre normalerweise von einem Rohstoffhändler in der Schweiz mit finanzieller Unterstützung eines Bankers in London abgewickelt worden – wer will das jetzt noch machen?“, fragt Jacobs. „Es ist wahrscheinlich, dass Unternehmen, die das tun, zwangsläufig in ein anderes Land umziehen werden.“

Führungskräfte des staatlichen russischen Ölproduzenten Rosneft sind letzten Monat nach Dubai geflogen, um die Idee eines Trading-Ventures zu prüfen. Auch Gazprom, der drittgrößte russische Ölproduzent, will seine Präsenz in der Stadt ausbauen, heißt es von mit der Angelegenheit vertrauten Personen. 

Litasco, der Vertriebs- und Handelszweig des russischen Energieriesen Lukoil, beabsichtigt, einige russische Händler und weitere Mitarbeiter von Genf nach Dubai zu verlagern, um die Stadt zum neuen zentralen Drehkreuz des Unternehmens zu machen und die Zahl der bereits dort tätigen Händler zu erhöhen. Lukoil ist der zweitgrößte russische Ölproduzent.

Eine weitere Genfer Firma, Solaris Commodities, ein Händler für russisches Getreide, hat letzte Woche ein Büro in Dubai eröffnet, heißt es von einer mit der Angelegenheit vertrauten Person, die nicht genannt werden möchte, da es sich um vertrauliche Informationen handelt.

Finanzierungsseite als Problem

Obwohl die Sanktionen nicht für landwirtschaftliche Produkte gelten, sei es für den Händler schwieriger geworden, Zugang zu Finanzmitteln zu erhalten, da Schweizer Banken vor russischen Rohstoffen zurückschrecken – unabhängig davon, ob sie Sanktionen nach sich ziehen oder nicht, sagte die Person.

Zusätzliche Probleme stellen sich für die Rohstoffhändler bei der Finanzierung: Russische Banken waren in das Geschäft eingestiegen, weil sich westliche Kreditgeber wie BNP Paribas und ABN Amro sich zunehmend zurückzogen. Die Sberbank, die vor kurzem auf die Liste der sanktionierten Unternehmen gesetzt wurde, konnte im vergangenen Jahr das Volumen ihrer Finanzierungen im Schweizer Rohstoffhandel verdoppeln, wobei die Gelder hauptsächlich in die Sektoren Petrochemie, Metalle, Getreide und Düngemittel flossen. Diese Geldflüsse werden nun nicht mehr möglich sein.

Auch andere Schweizer Städte sind von Abwanderung bedroht. Zug, das wegen seiner extrem niedrigen Steuern lange Zeit eine Drehscheibe für den Rohstoffhandel war, wurde in den 1980er-Jahren weltweit als Zufluchtsort des legendären Händlers Marc Rich vor der US-Justiz berüchtigt. Die dort ansässigen Rohstoffunternehmen wenden ebenfalls ihren Blick in Richtung Naher Osten. 

Die in Zug ansässige Suek AG, der Exklusivvermarkter von Kohle des größten russischen Produzenten, plant den Aufbau eines Handelsgeschäfts in Dubai. Die EuroChem Group, einer der weltweit größten Düngemittelproduzenten mit einem Großteil seiner Vermögenswerte in Russland, gründet ebenfalls ein Unternehmen in Dubai. Beide waren bis zum Beginn des Krieges in der Ukraine im Besitz des Milliardärs Andrey Melnitschenko.

Mehrere Boutique-Firmen in Dubai mit Verbindungen zu einigen größeren Handelshäusern haben sich ebenfalls mit russischen Geschäften befasst, so Personen, die mit dieser Angelegenheit vertraut sind.

Dubai war vorbereitet

Seit dem Einmarsch in die Ukraine haben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wohlhabende Russen und deren Geld angezogen, und nun folgen staatliche Unternehmen und private Rohstofffirmen. Die VAE haben ihre Finanzinfrastruktur auf solche Situationen eigestellt: Die Banken der Emirate entwickelten sich in den letzten Jahren zu einer tragenden Säule in der Finanzierung des Rohstoffhandels und sind mittlerweile fester Bestandteil bei syndizierten revolvierenden Kreditfazilitäten, die von den größten Unternehmen der Branche ausgegeben werden.

Dubais Fülle an Freihandelszonen, seine Nähe zu den Energieproduzenten des Nahen Ostens und die niedrigen Steuern haben sich bereits als verlockend erwiesen, auch wenn die Stadt gegenüber globalen Zentren wie Singapur, London, Genf und Stamford noch Nachholbedarf hat. Letztes Jahr veranstaltete das Dubai Multi Commodities Center zusammen mit der Moskauer Handelskammer ein Event, um russische Unternehmen für die Ansiedlung in Dubai zu gewinnen.

„Dubai hat sich zu einem echten globalen Rohstoffzentrum entwickelt“, sagt Najla Al Qassimi, die in Dubai ansässige Direktorin für globale Angelegenheiten der Denkfabrik B'huth, die zuvor in Genf tätig war. „Es gibt die richtige Infrastruktur, die richtige Transportanbindung und die richtigen Dienstleistungen, um diese Unternehmen zu unterstützen.“

Mitarbeit: Hugo Miller

© 2022 Bloomberg L.P.

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