KolumneDigitalisierung: Wenn Goliath mit David flirtet

Finleap-Gründer Ramin Niroumand
Finleap-Gründer Ramin NiroumandPR

Alle 11 Minuten verliebt sich angeblich ein Single über eine bekannte Dating-Website. Fast ebenso oft, scheint es, gehen mittlerweile große Konzerne Kooperationen mit kleineren, digitalen Unternehmen ein. Warum? Weil Digitalisierung seit Jahren ein Buzzword über alle Führungsetagen hinweg ist.

Ich kenne kein großes Unternehmen in Deutschland, dass sich nicht digitale Transformation auf die Fahne geschrieben hat – oder zumindest so tut. Viele Konzerne wollen noch einen Schritt weitergehen und nicht nur Abläufe im Unternehmen digital gestalten, sondern auch digitale Innovationen als Produkt schaffen. Dafür gehen sie gerne einen Bund mit einem Partner aus der digitalen Industrie ein.

Aus meiner Perspektive, der eines digitalen Unternehmers, können aus diesen Kooperationen wirklich nützliche und gewinnbringende Produkte entstehen, eine rundum glückliche Beziehung also – wenn man ein paar Dinge in der Ehe, (pardon),  Zusammenarbeit beachtet:

Erstens: Den Plan einhalten – auch wenn es schwer fällt

Am Anfang eines jeden Projekts wird sich gemeinsam auf eine Methodik geeinigt, wie zum Beispiel zuerst mit einem noch recht einfachem Produkt, einem so genannten MVP, live zu gehen und es dann sukzessive zusammen mit den Kunden weiter zu entwickeln.

Meiner Meinung nach ist  dieses Vorgehen wichtig, um an den Bedürfnissen des Kunden entlang zu entwickeln – aber es erfordert natürlich auch Mut, ein Produkt zu launchen, das noch nicht zu 100 Prozent perfekt ist. Am besten funktioniert die Zusammenarbeit mit Konzernen, die sich davon nicht abschrecken lassen und trotz gegenteiliger, interner Strukturen an der neuen, gemeinsamen Marschroute festhalten. Bisher hat noch niemand den Sprung über den eigenen Schatten –  die konzern-eigenen Regeln und Prüf-Schleifen – bereut.

Zweitens: Das richtige Zeitmanagement

Geschwindigkeit ist ein Faktor, der enorm wichtig ist. Aber dennoch gilt: Corporate Innovation ist ein Marathon – im Tempo eines Sprints.

Am besten funktioniert das Zeitmanagement meiner Erfahrung nach, wenn ein Unternehmen zügig alle Ampeln auf grün stellt, wenn es um den Start der Kooperation geht – und dann dem Team ausreichend Zeit einräumt, um Dinge zu entwickeln und stetig Kunden zu gewinnen.

Die Entwicklung dauert, verglichen mit einem Konzern, in einem agilen Umfeld deutlich schneller, aber dennoch braucht es auch hier eine gewisse Dauer, bis ein Projekt die gesteckten Ziele erreichen kann. Ein Zeitraum, den Konzernen eigenen Projekten immer einräumen – und den auch ein Projekt mit einem externen Partner braucht.

Drittens: Das digitale Projekt ist Chefsache

Das digitale Projekt kann nur gelingen, wenn es auch innerhalb des Konzerns zur Chefsache gemacht wird. Und wenn etwas Chefsache ist, sollten auch nur Top Leute verantwortlich dafür sein. Natürlich fehlen diese Ressourcen dann auf anderen Projekten – aber daran sieht man, ob die digitale Innovation wirklich Vorrang im Unternehmen hat oder nur eine Image-Frage ist.

Wie überall im Leben gilt: Wenn man nichts investiert, kann auch nichts bei raus kommen. In diesem Zusammenhang ist es als Führungsriege auch wichtig, die technische Leitung des Projekts nicht anhand jeden einzelnen Schrittes zu messen, sondern das große Ganze im Blick – und als Bewertungsgrundlage – zu sehen.

Viertens: Kontinuität in der Strategie

Ein CEO bei einem deutschen DAX Konzerne bleibt im Schnitt fünf Jahre in seiner Position – im internationalen Vergleich sind es hingegen sieben. Wenn er dann geht, gehen leider auch meist seine Projekte mit ihm, was unter anderem auch 360-Grad-Wenden in der Digitalisierungsstrategie zur Folge hat.

Für die Partner ist das umso ärgerlicher, als das schon viel Zeit und Geld investiert wurde, wenn ein digitales Produkt wegen personellen Änderungen aufs Abstellgleis geschoben wird. Deshalb ist es wichtig, dass Konzerne die Digitalisierung nicht an einzelnen Leitwölfen aufhängen, sondern fest in ihrer Kultur verankern.

Fünftens: Respektvolles Arbeiten auf Augenhöhe

Traurig, dass es erwähnt werden muss, aber es ist leider ab und zu nötig. Natürlich verfügt ein Konzern in der Regel über mehr Kapital, Kunden und Mitarbeiter als der digitale Partner. Trotzdem sind die digitalen Unternehmen keine kostenlosen Ideen-Lieferanten, keine billigen Dienstleister und weder die Angestellten, noch die Gründer verbringen nur zu ihrem eigenen Vergnügen viel Zeit im Büro.

Nur eine Partnerschaft auf Augenhöhe zahlt sich letztendlich für beide Seiten wirklich aus – sowohl im finanziellen Bereich, als auch an Erfahrungen. Der Konzern sitzt hier mitnichten am längeren Hebel. Schließlich gibt es ja einen Grund, warum er die digitalen Innovationsprodukte nicht alleine aus der Taufe heben kann, richtig?

Wenn diese Parameter stimmen, braucht es auch keine Blumen oder Pralinen, damit eine Partnerschaft viele schöne (Produkt-) Jubiläen feiern kann.