KommentarDiese Pandemie ist eine moralische Herausforderung

Coronavirus in New York: In der US-Metropole sind besonders viele Tote zu beklagenimago images / ZUMA Wire

Das Ziel des Coronavirus ist es, sich zu reproduzieren. Unser Ziel ist es, das Virus aufzuhalten. Anders als das Virus, fällen Menschen Entscheidungen. Diese Pandemie wird in die Geschichte eingehen. Und die Welt, die sie zurücklässt, wird eine andere sein. Es ist die erste Pandemie seit einem Jahrhundert. Und sie tritt in einer Welt auf, die – anders als 1918 während der spanischen Grippe – in Friedenszeiten lebt und beispiellosen Wohlstand genießt. Wir sollten also in der Lage sein, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Schaffen wir dies nicht, wird sich die Geschichte zum Schlechten wenden.

Gute Entscheidungen können nur gefällt werden, wenn wir alle Optionen und deren moralische Konsequenzen verstehen. Derzeit stehen wir – grob gesagt – vor zwei grundlegenden Wahlmöglichkeiten: innerhalb unserer eigenen Landesgrenzen und außerhalb unserer Landesgrenzen.

Für wohlhabende Länder ist die wichtigste Entscheidung, wie aggressiv gegen die Verbreitung des Virus vorgegangen wird. Diese Entscheidung beinhaltet aber auch die schwierige Frage, wer die Lasten und Kosten davon zu tragen hat.

Manche argumentieren weiterhin, dass es falsch sei, die Wirtschaft in eine Depression zu stürzen, um die Übertragung des Virus einzudämmen. Könnte sich das Virus relativ frei verbreiten, könnte eine Herdenimmunität erreicht werden, die Wirtschaft in Gang gehalten und die Ressourcen auf die Risikogruppen konzentriert werden, so das Argument.

Doch noch ist nicht klar, ob die Wirtschaft unter dieser „Laissez-faire“-Variante besser abschneiden würde. Denn bereits lange bevor die Regierungen Lockdowns veranlasst hatten, blieb die Kundschaft von Restaurants, Kinos und Geschäften aus. Entschlossenes Handeln, um das Virus einzudämmen und neue Infektionen mit Rückverfolgungen und Tests nachzuvollziehen, könnten schneller zum Ende dieser unausweichlichen wirtschaftlichen Abkühlung führen.

Die Eindämmung muss schnell erfolgreich sein

Unterm Strich, so schreibt das Imperial College Covid-19 Response Team, seien die Gesundheitssysteme in Großbritannien und in den USA überfordert: Eine große Zahl  vorwiegend alter Menschen werde ohne Behandlung dem Sterben überlassen. Wahrscheinlich waren es genau diese Aussichten, warum sich die chinesische Regierung dazu entschloss, das Virus mit so radikalen Mitteln einzudämmen wie in Hubei geschehen. Könnte eine Gesundheitskatastrophe, die in China unzumutbar ist, in den USA oder dem Vereinigten Königreich zumutbar sein?

Aber trotzdem haben die Kritiker auch recht: Es ist unmöglich, große Teile unserer Wirtschaft für einen langen Zeitraum komplett runterzufahren. Wer eine Eindämmungsstrategie fährt, muss schnell Erfolg haben und das Wiederauftreten des Virus verhindern. Unterdessen müssen Zentralbanken und Regierungen versuchen, möglichst viele Teile der Wirtschaft am Laufen zu halten. Außerdem muss gewährleistet sein, dass vor allem die Risikogruppen in der Bevölkerung geschützt werden – wie auch immer dies ein Land sicherstellen kann.

Die Solidarität zwischen den Staaten muss genauso stark sein, wie sie innerhalb der Länder ist. Die finanzielle Instabilität und die drohende Rezession (wahrscheinlich sogar eine Depression), die sich derzeit abzeichnet, wird unterentwickelten Ländern großen Schaden zufügen. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) haben Investoren bereits 83 Mrd. US-Dollar aus Schwellen- und Entwicklungsländern abgezogen. Der Verfall der Rohstoffpreise, von denen viele Schwellen- und Entwicklungsländer abhängig sind, ist enorm.

Diese Länder kämpfen zudem ebenfalls gegen die Ausbreitung des Virus und der Schwächung des heimischen Konsums. Die Fähigkeit dieser Länder ist begrenzt, um all diese internen und externen Herausforderungen zeitgleich in den Griff zu bekommen. Das Resultat könnte eine riesige wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe sein. Das Gesamtvolumen der externen Finanzierungslücken der Entwicklungs- und Schwellenländer ist vermutlich viel höher als die Kreditvergabekapazität des IWF. Erste Anträge auf Finanzspritzen sind dort bereits eingegangen.

Dieser besonders verwundbare Teil der Welt könnte letztlich davon profitieren, wenn die wohlhabenderen Staaten die Epidemie rasch eindämmen und die Wirtschaft stützen können. Doch in naher Zukunft wird das wohl nicht der Fall sein. Unterentwickelte Länder werden viel Unterstützung benötigen. Das wird letztlich auch der Erholung der Wirtschaft aller Länder dienen. Das Virus ist eine gemeinschaftliche Bedrohung. Ebenso wie der bevorstehende globale Einbruch. Praktische Erwägungen und Forderungen nach Solidarität rechtfertigen eine großzügige Hilfe.

Herausforderung für die Eurozone

Dasselbe gilt für die Eurozone. Per Definition ist es die Grundeigenschaft einer Währungsunion, dass einzelne Mitglieder die Finanzhoheit zugunsten kollektiver Zwecke aufgeben. Während der Krise vor wenigen Jahren hat das bei einigen Mitgliedstaaten nicht funktioniert. Allerdings gab es in diesem Fall auch ein moralische Argument, nämlich dass einige Staaten die Krise zum Teil selbstverschuldet haben. Diesmal liegt der Fall anders: An der Pandemie ist niemand schuld. Erweist sich die Eurozone in einer solchen Krise nicht soldarisch, wird dies unverzeihlich sein. Die Wunden wären tief, vielleicht tödlich. Ohne merkliche Solidarität in einer Krise, für die niemand verantwortlich ist, ist das europäische Projekt moralisch – und womöglich auch praktisch – tot.

Grenzüberschreitende Hilfe kann dabei auch nicht nur rein finanzieller Natur sein. Medizinische Hilfe wird genauso dringend gebraucht. Ein entscheidender Schritt dabei ist das Ende der massiven Exportkontrollen, die die medizinischen Lieferketten zerstört.

Glücklicherweise ist die Pandemie, mit der wir jetzt konfrontiert sind, nicht annähernd so schlimm wie die Pest, die unsere Vorfahren erleben mussten. Trotzdem ist sie etwas, was praktisch keiner von uns in seinem Leben je erlebt hat. Es ist eine Herausforderung, die sehr gut durchdachte Entscheidungen erfordert. Und es ist auch eine moralische Herausforderung. Wir sollten uns die zentralen Aspekte dieser Entscheidungen sehr genau anschauen.

Bleiben die Entscheider ruhig und vernünftig? Können wir die Krankheit besiegen, während wir gleichzeitig den wirtschaftlichen Schaden minimieren? Stellen wir sicher, dass die schwächsten Menschen und Länder geschätzt werden? Entscheiden wir uns für Solidarität statt Feindseligkeit, für globale Verantwortung statt Nationalismus? Schaffen wir es, eine bessere Post-Corona-Welt zu schaffen – und keine schlechtere? Anders als Viren können Menschen Entscheidungen treffen. Und diese Entscheidungen sollten wir uns sehr genau überlegen.

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