KolumneDie zwei Welten der Siemens AG

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Es waren die ersten Quartalszahlen, die Roland Busch am letzten Freitag nun auch als offizieller Siemens-Chef präsentieren konnte. Und seine Erfolge können sich wahrlich sehen lassen: Die Umsätze und der Auftragseingang steigen stark, das Betriebsergebnis im Industriegeschäft legte um beachtliche 31 Prozent zu. Für Busch, der über viele Monate im Schatten seines Vorgängers Joe Kaeser stand, der einfach nicht loslassen wollte, sind das sehr gute Nachrichten. Der Physiker zeigt, dass er es kann. Und das ist keine bloße Selbstverständlichkeit, nachdem in seiner langen Übergangszeit als Stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Konzern von einigen Kaeser-Getreuen das Gegenteil verbreitet worden war.

Die Pressemitteilung der Siemens AG zu dem Zahlenwerk steht deshalb unter einer sehr starken Überschrift: „Exzellente Ergebnisse über alle Geschäfte hinweg“. Das stimmt allerdings nicht ganz: Die vier Industriebereiche des Konzerns arbeiten durchaus nicht alle gleich profitabel, wie die schöne Zeile des Quartalsberichts nahelegt. Nimmt man die Gewinnmarge des laufenden Geschäfts (EBITDA), so führt der Bereich Digital Industries mit 20,1 Prozent, gefolgt von der rechtlich verselbständigten, aber nach wie vor voll konsolidierten Sparte Healthineers mit 17,1 Prozent. Auf dem dritten Platz findet sich der Bereich Smart Infrastructure mit 11 Prozent wieder, auf dem letzten Platz der Bereich Mobility mit 9,2 Prozent.

Busch will Siemens auf Wachstum trimmen

Das globale Siemens-Geschäft teilt sich also bei genauerer Betrachtung in zwei Welten – eine höchst profitable mit Gewinnmargen um die 20 Prozent und eine weniger profitable, die nur auf rund die Hälfte dieses Spitzenwerts kommt. Nun sind das nur Quartalswerte und viele von ihnen schwanken langfristig erheblich. Das gilt zum Beispiel für die Bahntechnik, den Kernbereich der Mobility-Sparte. Dort geht es sehr oft um große staatliche Aufträge, die zu deutlichen Verzerrungen in der kurzfristigen Statistik führen. Und doch wird sich die Gewinnlücke auf lange Sicht eher zementieren.

Nach der Logik Joe Kaesers müsste Busch also schon wieder über neue Abspaltungen im Konzern nachdenken, um die Durchschnittsmarge mittelfristig zu erhöhen. Doch diese Lösung schließt der neue Chef nach eigenen Worten aus. Er will den Konzern nach einer langen Phase des stetigen Umbaus erst einmal auf Wachstum trimmen. Das war von ihm, mit kleinen Einschränkungen, jedenfalls zu seinem Start unmissverständlich zu hören.

Die Frage ist nur: Lässt sich dieser Kurs auch durchhalten, wenn die Finanzmärkte nicht mitziehen? Seit dem Amtsantritt des neuen Chefs am 3. Februar bewegt sich die Aktie zwischen 135 und 145 Euro – eine Art Kursplateau. Euphorie hat Busch also mit seinem Kurs nicht ausgelöst. Viele institutionelle Anleger trauern immer noch ihrem Liebling Kaeser nach. Auch das ist natürlich nur eine kurzfristige Betrachtung.

Bisher sind allerdings auch keine Faktoren erkennbar, die eine wahre Hausse bei der Aktie auslösen könnten. Für weitere große Übernahmen, die Phantasien bei den Anlegern befeuern könnten, ist erst einmal kein Geld da. Technische Durchbrüche, die eine ganz neue Ära einleiten könnten, sucht man auch vergeblich. Das will Busch unbedingt ändern, aber es braucht Zeit. Bleiben also tatsächlich nur gute Zahlen als Kurstreiber. Man wird in diesem Jahr sehen, ob das reicht oder nicht.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.