Kommentar Die Welt senkt den Daumen über Trump

Donald Trump geht auf Kollisionskurs zu Chinas Präsident Xi Jinping
Donald Trump geht auf Kollisionskurs zu Chinas Präsident Xi Jinping
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Donald Trump hat versprochen, Amerika wieder groß zu machen. Als Präsident tut er das Gegenteil: Er macht Amerika kleiner als je zuvor in den letzten 100 Jahren. William Galston über die schrumpfende Bedeutung der USA.

Nach dem Ausstieg der USA aus der Transpazifischen-Partnerschaft ist nun China die ökonomische Führungsmacht nicht nur in Asien. Dessen Präsident gibt das chinesische Modell nun an andere Länder weiter, die den Segen des Wohlstands ohne die Unannehmlichkeiten der Freiheit wollen. Um dieses Angebot zu untermauern, investiert China riesige Summen in den Plan für eine neue Seidenstraße und in die Asiatische Infrastrukturinvestment Bank.

Mit diesen Schritten erzielen die Chinesen die beabsichtigte Wirkung. Myanmar, das lange Zeit antichinesische Gefühle hegte, akzeptiert nun Chinas Schmeicheleinheiten. Die Führungsfigur des Landes, Aung San Suu Kyi, reiste letzte Woche nach Peking zu einer von der Kommunistischen Partei veranstalteten Konferenz.

Vietnam, das die USA als Gegengewicht zu seinem historischen Feind im Norden betrachtet, fragt sich nun, ob es den ökonomischen Führungsanspruch Pekings akzeptieren und seinen Ansprüchen im Südchinesischen Meer nachgeben muss. Der Präsident der Philippinen Rodrigo Duterte denkt offen darüber nach, die Allianz seines Landes mit den USA zugunsten Chinas aufzugeben. Sogar Australien, einer unserer engsten Verbündeten, debattiert offen darüber, wie man mit dem amerikanischen Niedergang umgehen soll.

Die USA stehen im Abseits

Im Nahen Osten bereitet die Trump-Administration den Boden für Russland. Wladimir Putin führt Friedensgespräche zur Beendigung des Krieges in Syrien, während die USA am Rande des Geschehens verharren. Die Türkei – seit 1952 Nato-Mitglied – unterstützt die führende Rolle des Kremls. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan traf sich kürzlich mit Putin und Irans Präsidenten Hassan Rouhani, um sich an den Verhandlungen über die künftige Struktur der syrischen Regierung und des syrischen Staates zu beteiligen.

Ägypten war ein weiterer langfristiger Dreh- und Angelpunkt der amerikanischen Diplomatie, und Trump lobte seinen autokratischen Führer. Dennoch hat Kairo gerade einen Vertrag geschlossen, der die größte russische Militärpräsenz auf seinem Boden und in seinem Luftraum seit 1973 erlaubt. Die USA haben nicht einmal einen Botschafter in Ägypten, geschweige denn eine kohärente Politik für den Umgang mit diesem wichtigen Land.

Selbst in Europa ist Amerikas Ansehen geschrumpft. Die anfängliche Ambivalenz des US-Präsidenten gegenüber der Nato, die einer zähneknirschenden Unterstützungsbekundung gewichen ist, hinterließ Zweifel an der Glaubwürdigkeit amerikanischer Garantien . Trump trieb einen Keil zwischen die USA und Deutschland, unserem engsten Verbündeten auf dem Kontinent. Die „besondere Beziehung“ zu Großbritannien könnte durch die wiederholten Entgleisungen des Präsidenten Schaden nehmen, etwa durch seinen Impuls, anti-muslimische Videos einer rechten britischen Randgruppe zu retweeten.

Trump vereint Mexiko gegen sich

In Heimatnähe strapaziert Trumps Führungsstil die Geduld der Kanadier: 93 Prozent sehen ihn als arrogant, 78 Prozent als intolerant und 72 Prozent als gefährlich an. In Mexiko stellt sich die Bevölkerung vereint gegen Trumps plumpe Einwanderungspolitik und seine ungeschickten Vorstöße zur Revision des nordamerikanischen Freihandelsabkommens. Das könnte dazu führen, dass die Mexikaner im nächsten Jahr einen antiamerikanischen Linkspopulisten zu ihrem Präsidenten wählen. Dass Trump keine erkennbare politische Linie gegenüber Mittel- und Südamerika verfolgt, ist wahrscheinlich eine gute Sache.

Amerikas wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu vergeuden, ist schlimm genug. Viel schlimmer ist aber die Art und Weise, wie Trump unsere moralische Autorität zerstört hat. Ja, die USA haben Geschäfte mit unappetitlichen Regimes gemacht, besonders während des Kalten Krieges. Und manchmal haben sie es versäumt, die Ergebnisse freier und fairer Wahlen zu respektieren. Im Großen und Ganzen förderten die USA jedoch freie Gesellschaften und demokratische Regierungen auf der ganzen Welt und sprachen sich gegen Repression in all ihren Formen aus.

Bis jetzt. Die Trump-Regierung hat die Demokratieförderung fast aufgegeben. In der Praxis bedeutet die „America First“-Außenpolitik, dass die USA gleichgültig gegenüber dem Charakter der Regimes sind, mit denen sie Geschäfte machen.

Sympathie für Autokraten

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Präsident Trump diese Gleichgültigkeit teilt. Tatsächlich zieht er Autokraten gewählten Politikern vor. Er bewundert ihre „Stärke“ und beneidet sie, weil sie sich nicht mit einer lästigen Opposition aus Volksvertretern und Gerichten herumschlagen müsse. Wahrscheinlich hätte er gern die Macht, kritische Medien einfach dichgt zu machen. In seiner idealen Welt folgt jeder seinen Plänen, und sein Wille ist Gesetz.

Die Welt hat ein Urteil über Trump gefällt. In einer Umfrage aus diesem Jahr in 37 Ländern äußerten 64 Prozent der Befragten Vertrauen in Barack Obamas Fähigkeit, in internationalen Angelegenheiten das Richtige zu tun, verglichen mit 22 Prozent für Trump. Die Zahlen für den derzeitigen Präsidenten liegen bei elf Prozent in Deutschland, 14 Prozent in Frankreich und 22 Prozent in Großbritannien. Die wichtigste Ausnahme war Russland, wo Trump 53 Prozent Zustimmung genießt, gegenüber elf Prozent für Obama.

1776 an der Schwelle zur amerikanischen Unabhängigkeit setzten sich die Gründerväter für einen „anständigen Respekt vor den Meinungen der Menschheit“ ein. Heute sehen Bürger von Ländern auf der ganzen Welt die USA unter Trump moralisch diskreditiert. Er gibt nicht zu erkennen, dass ihn das irgendwie kümmern würde, und wahrscheinlich tut es das tatsächlich nicht.

Copyright The Wall Street Journal 2017

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