KolumneDie Wackelkandidaten unter den Dax-30-Unternehmen

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

In der Krise ist Liquidität König. Deshalb tun die großen Konzerne in diesen Tagen alles, um ihr Geld zusammenzuhalten. Und schrecken dabei auch nicht vor einem zweifelhaften Geschäftsgebaren zurück: Adidas zahlt keine Miete mehr für seine Läden, die Lufthansa erstattet keine Tickets mehr und die Autokonzerne lassen im Zweifel ihre Zulieferer hängen. Alles, damit kein Euro abfließt, den man noch gut brauchen kann, je länger das Coronavirus wütet und die Umsätze einbrechen.

Was die oberste Börsenliga betrifft, kann man festhalten: Die Dax-30-Konzerne gehen insgesamt mit guten Polstern in die tiefe Krise. Aber einige Wackelkandidaten gibt es auch unter ihnen. Während die einen über viel Liquidität verfügen, könnten die anderen schnell ausbluten. Nach einer Übersicht der Wirtschaftsprüfer von EY verfügt der VW-Konzern beispielsweise über 18 Mrd. Euro an flüssigen Mitteln und toppt damit die Rangliste aller deutschen Industriekonzerne im Dax 30. Am unteren Ende finden sich dagegen MTU (mit lediglich 100 Mio. Euro), Vonovia, Covestro und Merck. Auch die Lufthansa rangiert im unteren Drittel, was die Liquidität betrifft – und leidet zugleich von allen Dax-30-Konzernen am stärksten unter den unmittelbaren Folgen der Krise.

Geringe Risikoaufschläge

Nun liefert die reine Betrachtung der zuletzt ausgewiesenen Barreserven nur ein statisches Bild und sagt allein noch nichts über die Kapitalkraft der Konzerne. Beispiel Beiersdorf: In seinem letzten Zahlenwerk meldete der Hamburger Konzern lediglich Barmittel in Höhe von 1,1 Mrd. Euro. Zugleich aber verfügt der Konsumgüterhersteller über viele Milliarden Euro an inneren Reserven, die sich im Zweifel mobilisieren oder beleihen lassen. Außerdem verkauft der Konzern selbst in der Krise noch viele seiner Produkte so gut als ob nichts geschehen wäre – es strömt also stetig neues Bargeld in die Unternehmenskasse.

Andere Unternehmen begeben in diesen Tagen vorsorglich Unternehmensanleihen und verhandeln über große Kreditlinien mit den Banken. Daimler will zum Beispiel bis zu 15 Mrd. Euro aufnehmen, wie der Finanznachrichtendienst Bloomberg letzte Woche meldete. Dabei rangieren die Schwaben schon jetzt mit Barmitteln in Höhe von 16 Mrd. Euro auf Platz 2 der Dax-30-Rangliste. Die gute Nachricht für solide Konzerne wie Daimler: Noch sind Kredite und Anleihen mit sehr geringen Risikoaufschlägen zu bekommen. Das muss allerdings nicht so bleiben, wenn sich die ersten Kreditausfälle in den Büchern der Banken niederschlagen.

Akut gefährdet ist kurzfristig von den Dax-30-Konzernen keiner. Je nach Dauer der Krise könnte es aber für die Lufthansa wirklich eng werden. Durch die Expansion der letzten Jahre – zum Beispiel im Gefolge der Pleite von Air Berlin – ist das Eigenkapital der Airline abgeschmolzen. Die entsprechende Quote lag zuletzt nur noch bei knapp 24 Prozent. Das schränkt die Fähigkeit, Verluste über längere Zeit zu absorbieren, stark ein. Der Aktienkurs der Airline spiegelt die Gefahren noch nicht ganz wider: Im letzten Monat fielen die Lufthansa-Papiere nur im Gleichschritt mit dem Dax 30. Und der erfahrene Investor Heinz Hermann Thiele sieht die Aktie bereits als so attraktiv an, dass er sogar ganz groß bei der Lufthansa eingestiegen ist. Dem Milliardär gehören nun fünf Prozent der Airline. Eine Wette auf die Zukunft.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.