GastkommentarDie spinnen, die Jungen!

Dr. Steffi Burkhart
Dr. Steffi Burkhart
© Dr. Steffi Burkhart

Steffi Burkhart ist Jahrgang 1985 und versteht sich als Sprachrohr der Generation Y. Sie war inhaltlicher Kopf der Akademie „Gedanken tanken“, war Vorstandsmitglied der German Speakers Association sowie Dozentin der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft.


„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Albert Einstein, Autor dieses Zitats, war erst 26 Jahre alt, als er seine erste Version zur Relativitätstheorie vorgestellt hat – mit dem Titel „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“. Der Physiker war nicht nur intelligent und gebildet. Er galt auch als verrückt, experimentierfreudig und eben neugierig. Ohne diese Eigenschaften wäre er vermutlich nicht einer der weltweit berühmtesten Wissenschaftler der Welt geworden. Einstein hat sich etwas getraut. Er hat seinen Erfolg provoziert, indem er nicht aufgegeben hat und sich nicht entmutigen ließ.

Wäre es nicht das Jahr 1905 gewesen sondern 2016, hätte man Albert Einstein für einen typischen Vertreter der Generation Y gehalten. Nicht nur, dass der GenY Attribute wie Neugierde nachgesagt werden – manch einer mag sie für größenwahnsinnig halten. Hatte man das über den Physiker nicht auch gesagt?!

Neugierig, fordernd, flexibel, respektlos, faul und verwöhnt. Zu viele Vorurteile pflastern den Weg der Generation Y in die Arbeitswelt, so auch der Glaube, sie würden lieber frei arbeiten als in einer Festanstellung… Wir sind nicht in den 70 Jahren, nur weil in den Medien Worte wie „Work-Life-Balance“ fallen. Um mit diesen Stereotypen aufzuräumen, habe ich das Buch „Die spinnen, die Jungen! Eine Gebrauchsanweisung für die Generation Y“ geschrieben. Darin stelle ich klar, was die Generation Y will, was sie bietet und was völliger Unsinn ist. Beispielsweise ist die GenY nicht verantwortlich für den Wandel der Arbeitswelt. Die Arbeitswelt befindet sich schon lange im Wandel – die GenY ist bloß ein Treiber dessen.

Keine GenY Debatte ohne die Babyboomer

Doch wer ist sie denn nun eigentlich, diese Gen Y? Betrachten wir sie mit der demografischen Brille, umfasst sie die Alterskohorte der heute 20- bis Mitte 30-Jährigen (*1980 – 1995). Neben ihr gibt es die U-20-Jährigen, die als „Generation Z“ bezeichnet werden (*1995 – 2010), die Generation X, die heute Mitte-30- bis 50-Jährigen (*1965 – 1980), die Babyboomer, die Eltern-Generation der Generation Y (*1950 – 1965) sowie die 68er-Generation, die älteste Generation, die sich aktuell auf dem Arbeitsmarkt rumtreibt (*1935 – 1950).

Buchcover "Die spinnen, die Jungen!"
Burkhards Buch „Die Spinnen, die Jungen!“

Diese Einordnung ist wichtig, um zu verstehen, was ich mit meinem Buch transportieren will: Wenn man sich ein Urteil von der GenY bildet, ist der Blick auch auf die anderen Generationen zu richten, vor allem auf die Babyboomer. Denn mit ihnen reiben wir uns: Themen wie Führungsstil, Arbeitszeiten, Leistungsdenken, Karriereverständnis, das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, die Vereinbarkeit von Elternsein und Karriere. All das wird durch die soziokulturellen Sichtweisen unserer beider Generationen sowie von Wirtschaft und Gesellschaft geprägt.

Deshalb hat auch der Vorfall mit dem Handlauf zwei Seiten, der mich unter anderem dazu bewegt hat, mich näher mit dem Generationenkonflikt in der Arbeitswelt auseinanderzusetzen. Es war in meiner ersten Woche in einem festen Job. Ich hatte Sportwissenschaften studiert, war wie immer flink unterwegs, als ich mit meinen neuen Kollegen Mittagessen gehen wollte. Anders als ich, sind die Kollegen die Treppe nicht in schnellem Tempo heruntergelaufen, sondern in Reih und Glied nacheinander herunter gewatschelt… ja, gewatschelt! Mein Chef rief von letzter Stelle, ich möge doch bitte den Handlauf benutzen – also mich am Geländer festhalten. Ich hatte mich festgehalten, damit ich nicht vor Schock umkippe.

Das ist ein extremes Beispiel, ich weiß. Der Handlauf steht stellvertretend für alle verstaubten Regeln und Prinzipien, die sich in deutschen Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben.

Hier kommt die GenY ins Spiel. Man sagt, sie hält ungerne Regeln ein und stellt Prinzipien in Frage? Genau das tut sie. Nicht weil es ihr gefällt, die Nerv-Generation zu sein, sondern weil sie es für nötig hält, Dinge zu hinterfragen. So haben uns unsere Eltern erzogen: „Untersuche“, „hinterfrage“, „sag, wenn dir etwas nicht passt“, „guck nicht auf die anderen, zieh dein Ding durch“. „Wer, wie, was“ heißt es schließlich in der Sesamstraße. Sie sind wie Helikopter über uns geschwebt, haben uns alles ermöglicht und den Lebensweg geebnet. So sind wir zu dieser Generation geworden.